3

Murten: eine freundliche Stadt mit freundlichen Menschen...

... eine Tatsache, die sich - egal, ob auf einem meiner zahlreichen Spaziergängen, beim Paddeln auf dem See, im Kino unter freiem Himmel oder beim Konzertbesuch im Schlosshof - immer wieder bewahrheitet

Ein jeder entdeckt und erkundet Neues auf seine Weise. Als mein Liebster sich vor Jahren in Murten niederliess, stattete er jedem Geschäft, jedem Restaurant und jeder Bar einen Besuch ab, stellte sich vor und oft wurde er zu einem Kaffee und noch öfters zu einem Bier oder einem Glas Wein eingeladen. Er hatte sich über den fast durchwegs freundlichen Empfang gefreut, als nicht sehr trinkfester Mensch hatte er allerdings einiges auszuhalten. Ich bin etwas trinkfester als er, aber mir fehlt die Spontaneität und Offenheit (charakterliche Eigenschaften, die vielleicht eher amerikanisch als schweizerisch sind) um es ihm gleichzutun.

So gehe ich es um einiges gemächlicher an. Nichtsdestotrotz ergeht es mir wie meinem Liebsten: ich fühle mich hier willkommen, habe den Eindruck, man ist mir wohlgesinnt und offen, sich auf die Begegnung mit mir einzulassen. Ich trinke mal hier einen Kaffee, kaufe dort eine Postkarte, ein Brot oder ein Geschenk. Stöbere in der Buchhandlung oder einer Boutique nach Trouvaillen oder sitze auf dem Brunnenrand und schlecke ein Eis. Auf meinen Streifzügen höre ich fröhliche, aufgeweckte, interessierte Stimmen, begegne Frauen und Männern, die mit Begeisterung wirten, backen, schmieden, nähen, die Altes bewahren und Neues wagen.

Was, so überlege ich mir, bewirkt, dass man sich angenommen und aufgenommen fühlen darf. Es ist mehr – und zugleich viel weniger - als die gemeinsame Sprache, dieselbe Hauptfarbe oder derselbe Bildungsstand. Es ist die Zuwendung, das ehrliche Interesse an der anderen Person und zuweilen reicht ein Lächeln, ein offener Blick, um in uns ein Gefühl von Zugehörigkeit auszulösen.

So war ich neulich mit meinem Stand-up-Paddle auf dem Wasser, als eine Gewitterfront in rasantem Tempo näherkam. Der Himmel war innert kürzester Zeit von dunklen Wolken verhangen, das Wasser nicht länger smaragdgrün sondern schlammbraun. Ich paddelte Richtung Bise noire als ein Motorboot seine Fahrt abbremste und der Bootsführer fragte, ob er mich an Bord nehmen und an Land bringen solle. In all den Jahren auf dem Bielersee war mir nie ein solch fürsorgliches Angebot gemacht worden. Ob dieser Bootsmann ein Murtner war oder nicht sei dahingestellt, sicher ist, dass er sich die freundliche Grundhaltung der Stadt offenbar zu Eigen gemacht hat.

Auch die Begegnung mit der jungen Schneiderin Estelle war eine Bereicherung. Während sie den Saum meines Kleides absteckte, weihte sie mich in die Geheimnisse des Webens ein. Ich hatte nicht gewusst, dass Frauen früherer Generationen ihre Aussteuer eigenhändig gewebt hatten und ich hatte mir noch nie überlegt, wie ein Webrahmen bespannt wird und dass etwa ein Tag Arbeit nötig ist, um ein Küchenhandtuch zu weben. Nicht dass ich jetzt den Wunsch verspürte, Weberin zu werden – aber sicher ist, dass ich einmal ein Tuch oder einen Schal weben möchte, da ich mir die Tätigkeit als sehr meditativ vorstelle und mich das Handwerk fasziniert.

Das Café, in welchem ich mir anschliessend eine Tasse Kaffee gönnte, war auch alles andere als gewöhnlich. Jedes Möbelstück war augenscheinlich mit Sorgfalt ausgewählt worden, so dass es mir nicht leicht fiel, mich für eine der einladenden Sitzgelegenheiten zu entscheiden. Es war gemütlich, wie in einem Salon oder Wohnzimmer und Elisabeth, die Wirtin – wobei der Begriff Gastgeberin weit besser passt – ging von Tisch zu Tisch und kümmerte sich aufmerksam um ihre Gäste. Als sie an meinen Tisch trat, waren wir rasch in ein Gespräch vertieft, ich erzählte ihr von meinem Buch und schwupps - kaum zu glauben, wie schnell das ging - hatten wir einen Termin vereinbart für eine Lesung.

Es sind solche Begegnungen, Gesten und Orte, die mich immer wieder aufs Neue für Murten einnehmen; wie, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die Einladung von Murten Classics, die überraschend ins Haus geflattert kam. Nach dem Motto ‚es hat, solange es hat‘ bekommen neue Murten-Einwohner ein Ticket für ein Konzert geschenkt, wenn es kurz vor Konzertbeginn noch freie Plätze hat.

Natürlich nahm ich die Einladung an, tummelte mich vor Konzertbeginn mit einem Glas Champagner auf dem Lindisaal, bewunderte die festlich gewandeten Gäste und den See unter mir, der im Abendlicht golden leuchtete. Das Konzert war wunderschön, in der Abenddämmerung kreisten Dohlen – oder waren es Krähen? – über dem Schloss, liessen sich auf dem Turm nieder und ihr Krächzten mischte sich unter die Geigen- und Klavierklänge. Später, als es dunkel war, tanzten Fliegen Pirouetten unter dem Licht der Scheinwerfer.

Auf dem Nachhauseweg liess ich all die Begegnungen Revue passieren und kam nicht umhin festzustellen, dass es wenig braucht, damit Menschen sich in einer Gesellschaft wohlfühlen und akzeptiert. Gentillesse erzeugt gentillesse, das ist eine Grundwahrheit, ebenso wie das Sprichwort – auf die Gefahr hin, dass es abgedroschen klingt – ‚wie du in den Wald rufst, so
schallt es heraus‘ seine Richtigkeit hat.

Ich schob eben den Wohnungsschlüssel ins Schloss, als ich mir kurz vor Mitternacht die Frage stellte: In was für einer Welt würden wir leben, wenn jeder seinem Gegenüber mit einer Grundhaltung des Wohlwollens begegnete?
Zum Glück schlief ich rasch ein, denn wie die geneigte Leserin, der geneigte Leser sich sicher bereits gedacht hat, ist die Frage eh rhetorisch, über die Antwort lässt sich lediglich spekulieren.

Kommentare zu diesem Artikel

Lena Sommer

Schreiben Sie weiter, gefällt mir :-)

Lena Sommer

Toll, Murten durch die Augen eines anderen (neu) zu entdecken!
Weiter so - freue mich auf Fortsetzung

Bäumler

ein sehr schöner Artikel