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Wo werde ich mal sein, wenn ich nicht mehr bin?

Allerheiligen, Halloween, Winterzeit. Nie ist uns unsere Vergänglichkeit so präsent wie in dieser dunkleren Jahreszeit, wo die Tage kürzer und die Nächte länger und kälter werden.

Mein Liebster hatte mich auf die hölzerne Anschlagtafel, die an dem alten Haus vis-à-vis des Bahnübergangs beim Bahnhof angebracht ist, aufmerksam gemacht. „Hier werden die Todesanzeigen angepinnt“, hatte er mir erzählt und jedes Mal, wenn ich an dem Haus vorbeiging, warf ich einen Blick auf die Tafel. Im dunkelbraunen Holz stecken Reisszwecken, manchmal stehen alle fein säuberlich in Reih und Glied am Rand der Tafel, ab und zu erlaubt sich jemand ein Scherz und ordnet sie in Form eines lächelnden Mundes an.

Zuweilen ist ein weisser Zettel angezweckt und natürlich schaue ich ihn mir an, auch wenn ich mir sicher bin, den Verstorbenen nicht gekannt zu haben. Kürzlich waren dort gleich zwei Todesanzeigen. Die Namen waren mir – wie nicht anders zu erwarten – unbekannt, doch ich fühlte mich gleichwohl etwas erleichtert, da die Verstorbenen beide ein sehr hohes Alter erreicht hatten. Eine Feuer- und eine Erdbestattung waren vermerkt und ich fragte mich, ob die Verstorbenen sich zu Lebzeiten für die eine oder andere Bestattungsart entschieden hatten, ob der Leit-Vers auf dem Zirkular (bei dem einen ein Bibelvers, beim anderen ein paar Gedichtszeilen) von ihnen ausgewählt worden waren und ob bei der Feier ihren Musikvorlieben Rechnung getragen würde. Es muss sehr belastend sein, wenn Angehörige solche Entscheide fällen müssen und nicht wissen, ob es im Sinne des Verstorben ist. Sinnvoll ist es, seine diesbezüglichen Wünsche frühzeitig mündlich und schriftlich bei Angehörigen, Freunden oder dem Notar zu deponieren.

Wo, überlegte ich, befand sich Murtens Friedhof? Nachdem ich in Gedanken kurz den Stadtplan in meinem Kopf hin und her geschoben und von Ost nach West verifiziert hatte, fand ich ihn.

Es ist erstaunlich: Jeder, der an einen neuen Ort zieht, weiss innert Kürze, wo sich der Supermarkt, die Gemeindeverwaltung, der nächste Bankomat, die Bäckerei etc. befindet. Als meine Kinder noch klein waren, wusste ich selbstverständlich bereits im Voraus die Standorte von Kindergarten und Schule und auch wo der nächste Arzt, die Apotheke oder der Spielplatz zu finden waren. Wer aber schaut sich im Vorfeld eines Umzugs den Friedhof an, wer geht die Reihen auf und ab, überlegt, an welchem Platz es ihm dereinst gefiele, in welcher Ecke er seine letzte Ruhe finden möchte?

Paradox ist, dass andererseits Menschen, denen ihr letzter Aufenthaltsort egal ist, in Paris oder Wien oder New York über Friedhöfe marschieren, um den Ruhestätten irgendwelcher Show-, Sport- Kunst- oder Politgrössen zu huldigen.

Ich machte mich also auf, um Murtens Friedhof zu entdecken. Unterwegs dachte ich an die Beerdigung, bei der ich vor einigen Monaten teilnahm. Der Verstorbene war mir zwar nicht nahegestanden aber in den Abschiedsreden gab es absolut nichts, was mich an diesen Menschen erinnerte, was in mir den Gedanken oder das Gefühl auslöste: ja, so war er gewesen! Warum, so hatte ich mich gewundert, muss jemand nach seinem Ableben zum Heiligen, zum perfekten Menschen schöngeredet werden. Bleibt er uns nicht gegenwärtiger und fühlen wir uns ihm im Herzen nicht verbundener, wenn wir uns an ihn mit all seinen Ecken und Kanten erinnern? Ist seine Freude, seine Lebenslust, seine Liebe zum Klettern oder seine Leidenschaft fürs Fischen in unserer Erinnerung nicht doppelt schön, wenn wir auch die dunklen, schmerzhaften Orte, an denen er sich zeitweise aufhalten musste und die Begebenheiten, an denen er beinahe zerbrochen war, nicht vergessen?

Auf dem Friedhof schritt ich die Wege entlang, der Himmel grau und der Regen tropfte beständig auf meinen Kopf.
Ein älterer Mann stand lange vor einem Grab. Ein solider Stein würde wohl bald das schlichte Holzkreuz ersetzen. Der gebeugte, schwarz bemantelte Rücken des Mannes stand irgendwie im Widerspruch mit der üppigen Farbenpracht der frischen Blumen.

Ich las Namen und Daten, sie standen für lange und kurze Leben. Auf demselben Stein zwei Namen, Mann und Frau, der eine hatte zurückbleiben müssen – oder dürfen, ein Jahr, jahre- oder gar jahrzehntelang. So viele Schicksale, ein jedes anders, einmalig. Einigen Grabstätten war anzusehen, dass sie regelmässig besucht und gepflegt wurden, andere wirkten verwaist. Auf dem Gemeinschaftsgrab Blumen für alle, selbst im Tod nicht allein.

Sind wir erst an einem Ort verwurzelt, wenn wir jemand für immer dort zurücklassen müssen?

Italienische, spanische, englische Namen, auf einigen Steinen chinesische Schriftzeichen. Ich kam nicht umhin mir bildlich vorzustellen, dass all diese Menschen, die zu irgend einer Zeit in oder um Murten herum gelebt hatten, Murten zu dem gemacht haben, was es heute ist. Sie haben ihre Spuren in Form eines Hauses, eines Weinbergs oder fruchtbaren Ackers hinterlassen. Sie haben die Nachkommen durch ihr Handeln geprägt, dadurch, dass sie sich um Bedürftige kümmerten, Streit anzettelten, intrigierten, hilfsbereit waren, stahlen, säten, logen, pflegten.

Ein letztes Mal schritt ich an einer Reihe Steine vorbei, las die Namen und Daten, bevor ich leise diesen stillen Ort verliess.

Es hat noch viel Platz auf dem Friedhof und auf dem Weg dorthin hinterlassen wir – ob wir es wollen oder nicht - unsere Spuren.

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