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Sus Heiniger 16.11.2017

Eine Sekunde Ewigkeit

Um einen Eindruck von «Ewigkeit» zu bekommen, erzählten wir uns ab und zu die Geschichte vom kleinen Vogel mit dem winzigen Schnabel:

Alle 1000 Jahre komme er zum höchsten Berg der Erde, um dort an dessen Spitze seinen Schnabel zu wetzen.

Wenn dann eines Tages der ganze Berg abgewetzt sein würde, sei eine Sekunde der Ewigkeit vorbei. Beliebig erhöhten wir die Zahl der Jahre des Wetz-Rhythmus, um der Ewigkeit noch mehr Unermesslichkeit zu geben.

Vor mehr als drei Jahrhunderten stand da ein Hügel, etwas ausserhalb der Stadt Paris, sein Name war «Stern», Butte de L’Etoile. Viele Jahre lang war auf seiner Anhöhe ein grosser achteckiger Platz angelegt. Ein Jahrhundert später entstand die Idee, den alten Strassen ein ausgeglicheneres Gefälle zu geben. Auf Vorschlag des Bauinspektors des Königs wurde der Sternen-Hügel um fünf Meter abgetragen. Mit dem Aushub wurden die Champs-Élysées aufgeschüttet. Es entstand der gross angelegte runde Platz, der Place de L’Etoile.

Man dachte auch da an ein ewiges Reich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Wenn Architekten heute fantastische, grossartige Gebäude aufstellen, sind diese womöglich nicht für die Ewigkeit gebaut, doch wer mag schon daran denken, beim Betrachten solcher Kunst- werke?

Als die Erde noch selbstverständlicher aus Freiplatz und Raum zu bestehen schien, konnten Fachleute – welche Freude, welche Arbeit – den Bau ganzer Städte planen. Daran musste ich denken, als ich kürzlich in Paris auf eine hohe Terrasse stieg.

So oft bin ich schon in dieser kunstvoll angelegten Weltstadt herumgegangen, kenne viele Ecken und staune immer wieder über geniale Anlagen von Architektur und Ingenieurwesen, bin aber noch nie auf der Plattform des Arc de Triomphe gestanden. Dieser Triumphbogen steht auf dem Place de l’Etoile, also auf dem abgetragenen Hügel. Und dieser Triumphbogen, der die Siegesgier von Napoleon verewigen soll, erschien mir immer als zu armee- und kriegsgetränkt, was wohl der Grund ist, dass ich ihn nur aus der Froschperspektive betrachtete.

Die Jahreszeiten wandern durch die Stadt, die Lichter gestalten ihr Ansehen, Paris beginnt manchmal in der Luft, ich wollte dem Herbsthimmel entgegengehn – wenn ich ein Vogel wär – diesmal dazu auf den Arc de Triomphe steigen.

Unten im Bogen erwartet einen die Ewigkeit, es brennt die traurige Flamme für die Erloschenen. Die Flamme, «die Ewige», symbolisiert die Erinnerung an die unbekannten Gefallenen, in Kriegen für Frankreich. Den Gedanken nahm ich mit auf den Stufenweg nach oben zur Plattform des Arc, obwohl ich die Rundsicht auf die wunderschöne Stadt wieder einmal sehen wollte und nicht in Kriegshistorie ertrinken.

Und es erwartete mich die Wucht der Schönheit!

Am klaren, leuchtenden Herbstabendhimmel segelten Wolkenkähne, wie auf einer Pariser Flagge die Seine-Schiffe – unten gerade und flach, oben gebauscht – und zu meinen Füssen lag der Stern, das enorme Strassenbild. Zwölf Avenuen laufen aus dem Rund des Platzes in jede Himmelsrichtung. Der Autostrassenverkehr ist aus meiner Vogelperspektive spielerisch leichtrollendes Karussell.

Der abgetragene Hügel ist sanftes An-und Absteigen der Sternstrassen. Heute heisst dieser Platz Charles-de-Gaulle-Etoile und ist ein Meisterwerk der Grossstadt-Verkehrsführung.

Da stand ich dann eine halbe Ewigkeit und schaute auf Stern und Himmel, Architektur und Baukunst, fand die Menschen wiedermal genial und vergass für eine Weile die unbekannten Toten unten im Hügel. Im Moment waren wir Stadtbetrachter die Übriggebliebenen.

Die Strahlung von unten, die Strahlung von oben, hat diese Stadt etwas Ewiges? Ich weiss, dass es nicht so ist, auch wenn alle Mauern des Arc de Triomphe «Sieg» heissen wollen.

 

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Gastkolumne 09.11.2017

Gisch a Gruess!

I

ch tu es. Sie tun es. Wir alle tun es: Grüsse ausrichten lassen.

Ich weiss nicht, wie viel Tausend Grüsse ich schon hätte ausrichten sollen, doch ich weiss, dass ich vermutlich mindestens die Hälfte davon vergessen habe. Geht es Ihnen auch so? Letzthin habe ich mich von einem Kollegen verabschiedet, und der meinte: »Grüss deine Frau von mir.» Natürlich hatte ich es, bis ich zu Hause war, vergessen.

Und wenn ich es einmal nicht vergesse und den Gruss tatsächlich ausrichte, so sagt der Empfänger zwar artig Danke, doch ansonsten nimmt er es meist ziemlich gleichgültig zur Kenntnis.

Deshalb kommen bei mir immer öfter Fragen hoch wie: Ist der auszurichtende Gruss mittlerweile nicht einfach nur noch eine Floskel? Und vor allem: Ist dieser Gruss überhaupt noch zeitgemäss in Zeiten, in denen man einen Gruss per WhatsApp oder E-Mail doch bequem selbst und erst noch gratis ausrichten könnte (wenn man es damit denn auch wirklich ernst meint)?

Ich habs ausprobiert: Nachdem ich diese Gedanken hatte, habe ich das nächste Mal, als ich jemandem einen Gruss mitgeben wollte, den Impuls unterdrückt und ihn stattdessen per WhatsApp dem Empfänger direkt geschrieben. In meiner Mitteilung stand lediglich: «A Gruess.» Und was kam zurück?

«Merci» und ein fröhliches Smiley.

Es funktioniert also auch per WhatsApp. Die Person hat sich offenbar darüber gefreut, ähnlich also, wie wenn ich den Gruss wie gewohnt hätte ausrichten lassen. Soll man also nun in Zukunft darauf verzichten, einen Gruss mitzugeben, und stattdessen eine WhatsApp-Nachricht schicken?

Nein, mit Sicherheit nicht. Beides soll und darf heutzutage aber Platz haben. Ein WhatsApp-Gruss (probieren Sie es doch einmal aus) wäre vielleicht mal etwas erfrischend Neues, während der traditionelle Gruss deshalb noch längst nicht ausgedient haben muss – im Gegenteil.

Der altmodische Gruss ist und bleibt nämlich ein Zeichen der Aufmerksamkeit, mit dem man eigentlich viel mehr als nur einen Gruss ausrichtet. Man will damit doch auch sagen, dass man die zu grüssende Person schätzt und dass man an sie denkt; dass man jemanden aus deren näheren Umfeld getroffen und dabei an die gegrüsste Person gedacht hat. Zudem liefert er meist auch gleich ein pfannenfertiges Gesprächsthema mit, denn die gegrüsste Person erkundigt sich doch meist, wo und bei welcher Gelegenheit man den Absender des Grusses denn getroffen habe und wie es ihm geht.

Und genau deshalb ist diese Art von Gruss eben doch nicht überholt, denn er ist ein wohltuend langsames Zeichen der Wertschätzung der zu grüssenden Person gegenüber in dieser schnelllebigen Zeit der Instant-Nachrichten.

So lasst uns weiterhin fleissig grüssen und Grüsse ausrichten (und zwischendurch auch einige ohne schlechtes Gewissen auszurichten vergessen).

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Patrick Buchs 02.11.2017

Chancen und Gefahren der Olympischen Spiele 2026 in der Schweiz

Am Mittwoch 18. Oktober 2017 hat der Bundesrat informiert, dass er die Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 unterstützen will. Bundesrat Parmelin sagte, dass die Olympischen Spiele eine grosse Chance für den Sport, den Tourismus, die Wirtschaft und die Gesellschaft seien. Es wurden 8 Millionen Franken für die Kandidaturphase gesprochen, und eine weitere Milliarde Franken wurde gesprochen, falls die Schweiz im Oktober 2019 vom IOC den Zuschlag erhalten sollte.

Kaum wurde diese Medienmitteilung veröffentlicht, startete in den verschiedenen sozialen Medien eine äusserst kontroverse Diskussion. In Anbetracht der vielen finanzpolitischen Herausforderungen wie z. B. die Sanierung der AHV und der Pensionskassen oder die stetig steigenden Gesundheitskosten, kann es dem «einfachen» Steuerzahler paradox vorkommen, wenn sich der Bundesrat mit einer Milliarde Franken für die Olympischen Spiele engagiert. Obwohl ich ein glühender Verfechter der Olympischen Spiele bin, kann ich diese Bedenken verstehen, zumal immer wieder äusserst negative Schlagzeilen rund um die Olympischen Spiele die Runde machen.

Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass sich das «Risiko» Olympische Spiele lohnt, weil es ein einmaliges Impulsprogramm für unser Land ist – auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der eine Anonymisierung unserer Gesellschaft zu beobachten ist, finde ich Projekte, die die soziale Kohäsion fördern, besonders wichtig. Leider ist die gesellschaftliche Wirkung von Olympia aber nicht in Franken kalkulierbar – meiner Meinung nach aber enorm viel wert!

Der Kanton Freiburg, als potenzieller Ausrichter olympischer Eishockeyspiele, hatte schon unlängst seine Unterstützung für die Olympiakandidatur in der Höhe von 500 000 Franken kundgetan (siehe FN vom 14.12.2016). Nach der nun auch formell ausgesprochenen Unterstützung des Bundesrats, wird der Freiburger Staatsrat aller Voraussicht nach die Olympischen Spiele 2026 in sein neues Legislaturprogramm aufnehmen. In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass der Staatsrat neben der finanziellen Unterstützung auch konkrete Massnahmen zur Sportentwicklung im Kanton verabschiedet. Meiner Meinung wäre es nämlich wichtig, dass bereits aus der Kandidaturphase ein konkreter Mehrwert entstehen würde.
Der Staatsrat könnte damit ein starkes Zeichen setzen, weil der Kanton trotz eines allfälligen Neins zu Olympia 2026 von der Kandidatur profitieren würde.
Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

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Gustav 19.10.2017

Ich habe die Schnauze voll

 

L

asst mich endlich mal in Ruhe!» oder «Non de blö wa detschö!» oder «F***************ck!!!!!» Solche und weit schlimmere Tiraden über mein Leben schreie ich ab und zu in mich hinein. Manchmal so laut, dass man sie auch ausserhalb der Hülle hört. «Wo ist dieser Knopf, um diese herzlose Höllenmaschine abzustellen?»

 

Problem eins ist: Hat man sich durch alle Knöpfe durchgedrückt, bleibt am Schluss nur noch: Stecker ziehen! So wie es all die Rentner mit ihren Computern machen, wenn da wieder so ein Kästchen mit allerhand Kauderwelsch aufpoppt. Problem zwei: Hat man den Stecker endlich mal in der Hand, läuft diese gottlose Maschine trotzdem weiter! Kein Reset, Neu von Anfang an, alles ist wieder gut: «Huere chrüz gopfertami gopfertelli no as mau!» – Ihr wisst schon, was ich meine … man nervt sich.

Ich habe vor einigen Monaten alle Knöpfe gedrückt plus den Stecker gezogen. Yes! Kurz tief einatmen, innehalten, die Ruhe mit allen Poren aufsaugen – denn beim Ausatmen greifen die Zahnräder ja schon wieder ineinander. Ich habe mich drei Tage lang geweigert auszuatmen. Drei Tage Kloster Hauterive. Ein Lavabo, ein Bett, ein Fenster, der Christus schief an der Wand, ein Stapel Blätter, ein Bleistift, ein Gummi, ein Spitzer (und in der Schublade heimlich ein Bier). Kopf und Herz aus mir hinaus, das Bier in mich hinein geleert und einen Stapel Blätter vollgekritzelt.

Geläutert und entschlossen, das Leben anders anzugehen, habe ich nach drei Tagen wieder ausgeatmet. Die Zahnräder der Höllenmaschine begannen wieder zu drehen – aber nicht quietschend wie vorher. Ich habe einige Zahnräder ausgewechselt, andere rausgerissen, die wichtigsten gut geölt. Ich habe nicht die Maschine komplett umgebaut, nur ein neues Betriebssystem installiert: Gustav 2.0

Die ersten Wochen und Monate musste ich fast täglich da und dort Schrauben anziehen. Hier war etwas locker, da quietschte etwas vor sich hin, überall gab es etwas zum Nachjustieren. Doch nun, heute, an diesem herrlichen Oktobertag läuft die Maschine «wie geschmiert», wie der Mech sagen würde. Über 80 Anmeldungen für die erste Ausgabe der Gustav Akademie – das verschlägt mir die Stimme. Ich könnte vor Freude juchzen wie eine Horde Sennen beim Alpabzug!

 

Ich kanns nicht leugnen, so eine Veränderung ist nichts für Angsthasen, man muss schon die richtige Salbe in der Schublade haben, um all die Schürfwunden zu pflegen. Aber hey, jede Beule verheilt mal. Und wir wissen ja, die Maschine läuft auch mit offenen Knien weiter. Aber solange man auf ihr drauf sitzt und nicht unter ihr liegt, ist das okay. Und wenns mal wieder zu quietschen anfängt und das Gefluche aus dem zu eng geschnürten Kragen quillt – Stecker ziehen, einatmen und ab ins Kloster, Bier saufen.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Katharina M. Fromm 12.10.2017

«Semesterferien» und ein Chemie-Nobelpreis für die Schweiz

 

S

tudieren macht Spass: Während zwei Mal 14 Wochen geht man zur Uni, der Rest des Jahres heisst im Jargon «Semesterferien». Das klingt doch nach einem leichten Leben, sowohl für die Studierenden wie auch deren Lehrer, die Professoren und Assistenten.

 

In dieses Klischee passt die Szene neulich beim Arzt. Ich habe es nämlich geschafft, mir mitten im schönsten Sommer, während besagter Semesterferien, das Bein zu brechen. Prompt fragte mich der Arzt, ob ich eine Krankschreibung benötige, wo doch eh «Ferien» sind. Ich habe dankend abgelehnt, denn es gab viel zu tun mit hochgelegtem Bein: Publikationsmanuskripte mit Forschungsergebnissen erstellen beziehungsweise korrigieren und/oder bei Journalen einreichen, ein Forschungsprojekt schreiben, die Forschung anleiten und einen Übersichtsartikel fertig schreiben – nur die Fachkonferenzen mussten dieses Jahr zwangsweise ausfallen.

In der Tat ist die vorlesungsfreie Zeit diejenige, während der man sich voll dem zweiten Zweck einer Universität widmen kann, nämlich dem der Forschung. Eine Universität ist nämlich laut Statuten eine «Bildungs- und Forschungsstätte von allgemeinem und spezialisiertem Wissen …». Und so wird an der Universität Freiburg neben den Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen auch das ganze Jahr über fleissig geforscht. Es ist wichtig, junge Lernende, die Doktoranden, in diese Forschung einzubeziehen. Denn nur so lernen sie, mit dem ungewissen Neuen umzugehen, mit den tollen Überraschungen, die uns die Forschung liefert, aber auch den dazugehörigen Frustrationen. Denn wenn etwas nicht so klappt wie geplant, steckt manchmal eine kleine Entdeckung dahinter. Und schliesslich lernt man ganz allgemein, wie man (neue) Lösungen auf Fragen aus dem Alltag findet. Die Konfrontation mit dem Unbekannten und dessen Erforschung macht aus Lernenden schliesslich kreative und innovative Köpfe – die, auf die die Schweiz stolz sein kann und die mithelfen, dass die Schweiz in Sachen Innovation international kompetitiv bleibt, was wiederum auch der Wirtschaft zugutekommt.

Am 4. Oktober 2017 wurde der Chemie-Nobelpreis an den Schweizer Biophysiker Jacques Dubochet sowie zwei weitere Kollegen verliehen. Er erfand in den 1980er-Jahren eine wichtige Methode, wie man Biomoleküle so einfrieren und analysieren kann, dass sie ihre Gestalt nicht verlieren und intakt bleiben. Auf die Frage eines Journalisten, ob es denn nun durch den Nobelpreis für die Forschung mehr Geld gebe in der Chemie, ist zu sagen, dass es bei uns keine Sieg- oder Torprämien gibt wie im Fussball. Dennoch sieht man an diesem Nobelpreis deutlich mehrere Faktoren, die eine gute Grundlagenforschung ausmachen: 1. Forschung ist sowohl geografisch wie auch fachlich grenzüberschreitend und international; 2. Es lohnt sich, in wissenschaftlichen Nachwuchs zu investieren; 3. Um Grundlagenforschung zu betreiben, braucht man Ausdauer und Zeit – die Ernte der daraus erwachsenden Früchte erfolgt oft erst nach Jahrzehnten; 4. Gute Forscher gibt es an allen Schweizer Hochschulen. Ich wage daher die Prognose, dass dieser Nobelpreis nicht der letzte für die Schweiz gewesen ist. In diesem Sinne: Frohes und erfolgreiches Forschen!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Franz Engel 05.10.2017

Unser täglich Brot

H eute stelle ich Ihnen eine Frage, verbunden mit einer nicht allzu schwierigen Aufgabe. Lesen Sie die unten stehende Liste sorgfältig durch, und dann beantworten Sie folgende Frage: Wo befinde ich mich?

Blei (Pb), Quecksilber (Hg), Cadmium (Cd), Caesium (Cs, radioaktiv), Aluminium (Al), Nitrat (HN03), Captafol, Dioxin und Dioxin-ähnliche (PcB), Chloramphenicol, Furazolidon, Fipronil, Glyphosphat, Tributylzinn, DDT, Trichloraethylen, Pentachlorphenol, Benzol, Lindan, Antibiotika. BSE, Salmonellen, Campylobacter, Listeriose.

Lassen Sie sich ruhig Zeit ... Ich helfe ein bisschen nach: Ich sitze nicht im Studienzimmer und büffle für die Maturaarbeit das Periodensystem der Elemente. Ich bin nicht in eine geheime Chemiewaffenfabrik der CIA oder des KGB eingedrungen, es ist auch kein Inventar aus Frankensteins Giftküche, nein, ich stehe an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts und habe, da ich heute Abend Gäste erwarte, grosszügig eingekauft. In meinem Einkaufswagen befinden sich: Fleisch, Poulet, Fisch (Süsswasser- wie auch Meerfisch, inklusive Zuchtlachs), Milch, Käse, Eier, Honig, Gemüse, Salat, Pilze und Früchte, Babynahrung inklusive Milchpulver (für die Enkelkinder), Kaffee in Kapseln, sauber verpackt.

Und jetzt kommen wir zur Aufgabe: Ordnen Sie die verschiedenen chemischen Substanzen den entsprechenden Esswaren zu (Mehrfachkombination möglich). Ja, ich mag übertreiben, und doch, alle diese Substanzen kamen und kommen zum Teil immer noch in unseren Lebensmitteln vor, in der Regel geschützt durch amtlich festgelegte Grenzwerte, die wohl eher einer gewissen Hilflosigkeit entsprechen, oder aber, viel schlimmer, ganz bestimmten Interessen dienen, letztlich mit unabsehbaren Folgen für unsere Gesundheit, denn die Natur kennt keine Grenzwerte. Und daher ist auch immer wieder erstaunlich, dass bei entsprechenden Veröffentlichungen rasch amtlich besoldete Mediensprecher (nicht selten legitimiert durch einen weissen Kittel) zur Stelle sind und steif und fest behaupten, dass für die Gesundheit der Bevölkerung keine akute Gefährdung bestehe, da ja die Grenzwerte eingehalten wurden. Das ist nicht gelogen, und doch, die jeweiligen Aussagen beziehen sich immer nur auf die gerade «aufgedeckte» Substanz, niemand fühlt sich für die Summe verantwortlich, kaum jemand kümmert sich um die Auswirkungen einer chronischen Vergiftung.

Der Fortschritt hat halt seinen Preis und macht auch bei der Herstellung von «Lebensmitteln» nicht halt, mag man sagen. Dabei geht es aber schon lange nicht mehr um eine genügende Versorgung der Bevölkerung, es geht auch hier wie in anderen Industriezweigen um gewinnbringende Produktion, möglichst günstig, möglichst viel, und das scheint ohne massiven Einsatz von «Chemie» nicht möglich.

Und doch stelle ich mir die Frage: Was zum Teufel haben diese zum Teil extrem gefährlichen Gifte in unserem Essen, auf unseren Tischen verloren? Wie kann jemand so krank sein, dies mittels Grenzwerten zu legalisieren? Und dann kommt noch die Ausrede, dass es so schlimm gar nicht sein kann, da ja die Leute immer älter werden. So ein ausgemachter Blödsinn, genau um das geht es ja, gerade weil wir älter werden, kommen diese chronischen Vergiftungen überhaupt erst zum Tragen, unter anderem eben auch als Krebserkrankungen, und das ist auch im Alter nicht etwas, was wir uns wirklich ­wünschen.

Und jetzt? Was tun? Ist alles wirklich so schwarz? Findet nicht da und dort ein Umdenken statt? Doch, das gibt es, und dieses Umdenken lässt hoffen und verdient es von allen, von dir und mir, unterstützt zu werden. Und haben wir auch den Mut, unsere Politiker in die Verantwortung zu nehmen, und messen wir sie an ihren Taten ...

Ich wünsche allen, die jetzt am Herd stehen oder vielleicht schon am Tisch sitzen: «Vo Härze a Gueta!»

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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«Was zum Teufel haben diese zum Teil extrem gefährlichen Gifte in unserem Essen, auf unseren Tischen verloren?»
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Andreas Kempf 28.09.2017

Berlin, Berlin

 

B

erlin scheint für mich ein gutes Pflaster zu sein. Im Frühjahr 2016 konnte ich in der deutschen Hauptstadt die Limite für die Europameisterschaften sowie den Freiburger Rekord im Halbmarathon unterbieten. Nun gelang mir am vergangenen Sonntag an selber Stätte trotz teilweise windigen und regnerischen Verhältnissen das gleiche Kunststück äusserst knapp auch über die doppelte Distanz.

 

In 2:19:22 Stunden verbesserte ich bei meinem Marathon-Debüt den Kantonalrekord, welcher fast 25 Jahre lang von Jean-François Cuennet gehalten wurde, um 13 Sekunden. Zudem erfüllte ich somit auch den Richtwert von Swiss Athletics (2:19:30) für die Leichtathletik-Europameisterschaften im August 2018. Zusammen mit einer gewissen Portion Wettkampfglück spielten viele Faktoren eine wichtige Rolle, dass ich am entscheidenden Tag diese Leistung erbringen konnte.

Einerseits wählte ich bewusst den Berlin-Marathon aus, weil die Strecke überaus flach und schnell ist, eine einzigartige Stimmung am Strassenrand herrscht, das Teilnehmerfeld um meine gewünschte Zielzeit jeweils sehr dicht besetzt ist und normalerweise das Wetter gut mitspielt. Andererseits versuchte ich seit den Schweizer Meisterschaften Ende Juli auf der Bahn alles dem Marathon unterzuordnen. Das heisst, ich stellte das Training um, verbrachte vier Wochen auf dem Berninapass auf 2300 Metern über Meer und testete die optimale Wettkampfverpflegung mehrmals aus. Dabei konnte ich auf die volle Unterstützung meines Umfelds und auf erstklassige Trainingspläne meines langjährigen Coaches Erwin Grossrieder zählen. Nach dieser (eigentlich zu) kurzen zweimonatigen Marathonvorbereitung reduzierte ich einige Tage das Training stark. Daneben ernährte ich mich ab 72 Stunden vor dem Start besonders kohlenhydratreich und ballaststoffarm, was vor hohen sportlichen Belastungen von über 90 Minuten von Ernährungswissenschaftlern empfohlen wird. Nach dieser sogenannten Tapering- und Carboloadingphase steht man dann möglichst erholt und mit vollen Speichern an der Startlinie. Bei mir reichten zum Glück die Energiereserven und die mentale Willenskraft, um den Freiburger Rekord sowie die EM-Limite in extremis zu knacken.

Sofern ich bis zum Selektionsentscheid im Frühling weiterhin den schnellsten sechs Schweizern angehöre und gesund bleibe, steht einem weiteren Einsatz im Nationaldress also nichts im Weg. Und wo finden diese nächsten kontinentalen Titelkämpfe statt? Genau, in Berlin!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

 

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Daniel Eckmann 21.09.2017

Missverständnisse regieren die Welt

Nehmen wir an, ich wolle Ihnen etwas erklären. Etwas, das ich mir im Geiste vorstellen kann. Das muss ich nun in einem ersten Schritt in Wörter umwandeln. Diese spediere ich dann an Sie. Also an ein recht grosses Publikum, das die Buchstaben-Ladung je einzeln wieder in eine Vorstellung zurückbauen muss. Das Risiko ist gross, dass dabei Verschiedenes herauskommt. Denn verstehen ist subjektiv. Dieselbe Botschaft kommt nie bei allen gleich an. Kaum landet eine Information in tausend Köpfen, gibt es zig Deutungen. Ein und derselbe Börsenkurs führt dazu, dass die Hälfte kauft und die andere Hälfte verkauft. Und wenn ich «Blut- und Leberwurst» sage, löst das beim Verein katholischer Vegetarierinnen etwas komplett anderes aus als beim Metzgermeisterverband.

Aber nicht nur die Absender sind gefordert. Auch die Empfänger haben es immer schwerer. Bis vor wenigen Jahren war das Problem, an genügend Informationen heranzukommen. Heute gibt es viel zu viel davon. Wir wissen alles und genau deshalb fast nichts. Was sollen wir anfangen, mit all den Nachrichten, die uns jeden Tag wie Konfetti ins Gesicht geworfen werden? Was mit dem Tagesschau-Bericht aus Syrien, in welchem uns ein Kind, dem ein Bein fehlt, mit grossen Augen direkt ins Gewissen schaut und dann wieder im Nachrichtenstrom verschwindet? Wohl wenig bis nichts.

Und doch können wir wenigstens hinsehen. Hinsehen, damit der Wirklichkeit nicht plötzlich auch ein Bein fehlt. Hinsehen, damit die Realität nicht einfach im Nachrichtenstrom verschwindet. Aber helfen können wir ebenso wenig, wie begreifen. Denn mehr Informationen führen nicht zu mehr Kompetenz, sondern zu mehr Konfusion. Ständig neue Trommelwirbel erweitern nicht den Horizont, sie überfordern uns. Die Menge ist erdrückend. Heute werden alle zwei Jahre mehr neue Informationen in die Welt gesetzt, als in der gesamten Geschichte der Menschheit zuvor. Man muss sich das einmal vorstellen: alle zwei Jahre mehr als je zuvor, 95 Prozent davon digital. Würden Wörter wie Geröll auf uns losdonnern, wäre uns angst und bange. Aber Digits machen keinen Lärm.

Ich bin aufgewachsen, als klobige Schreibmaschinen üblich waren. Damals war ein Radio ein Radio, und es konnte nichts anderes – ein anderer Kasten in einem anderen Zimmer war ein Fernseher und nur ein Fernseher – und das Telefon war schwarz und hing im Gang an der Wand. Zeitungsnews waren auf Papier und lagen im Briefkasten. Man musste bewusst zu jedem einzelnen Medium hingehen, wenn man etwas wollte.

Heute sind kleine mobile Geräte gleichzeitig Telefon, Radio, Fernseher, Kamera, Zeitung, Fahrplan, GPS, Supermarkt, Briefersatz, Kino und Archiv – überall und jederzeit in der Hosentasche verfügbar. Dank sozialen Medien kann man sich in fast jede Diskussion einmischen. Auf Facebook gibt es 1,6 Milliarden Likes pro Tag. Jeder achte Mensch der Welt nutzt Whats­App. 2015 wurden jede Minute 400 Stunden Videos auf Youtube hochgeladen. Das gibt in sieben Tagen mehr Material, als die drei grössten amerikanischen TV-Gesellschaften in den letzten 30 Jahren gesendet haben. Täglich werden 500 Millionen Tweets versandt, das sind 6 000 pro Sekunde. Auch Weltführer twittern gern und viel. Bis hin zu Twitter als Lead-Medium für die Führung einer Grossmacht. 140 Zeichen im Zweifingersystem – wenn da bloss nicht die Welt wegen eines präsidialen Tippfehlers zugrunde geht.

Lichtgeschwindigkeit ist heute das Tempo des Tages. Entwürfe sind out, man stürzt sich gleich ins Original. Geschrieben wird nebenher, oft spontan aus Ärger – im Auto, während Sitzungen oder beim dritten Bier. Dann nur noch die halbe Welt einkopieren, «Senden» drücken und ab geht die Post. Und da wundern wir uns, dass Kommunikation zum Risikofaktor geworden ist.

Höchste Zeit, sich auf die Regeln zu besinnen, als man Texte von oben links bis unten rechts und ohne Korrekturmodus aufs Blatt schreiben musste: Nachdenken, bevor man loslegt. Die Wörter wägen und nicht schütten. Dabei an jene denken, an die man sich richtet, und nicht an sich selber. Und dann das Ganze beiseitelegen und noch einmal durchlesen, wenn sich das Adrenalin gelegt hat. Denn nur wer sich das Schreiben schwer macht, macht anderen das Lesen leicht.

 

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

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Beat Brülhart 14.09.2017

Extrem, diese Extreme

Manchmal gehen sie mir auf den Wecker. Geschwürartig überwuchern sie Gesellschaft und Politik. Die Extreme. Kaum ein Bereich, wo sie sich nicht diametral gegenüberstehen. Beide Seiten kennen die ausschliessliche Wahrheit und dreschen aufeinander ein. Woher das kommt, weiss ich nicht. Vielleicht davon, dass wir uns von einer Sache eine Meinung bilden können, ohne sie verstanden und durchschaut zu haben? Oder ist uns am Ende das eigene Denken abhandengekommen?

Da gibt es die abartigen Fleischfresser, die Steaks von zweieinhalb Kilo verschlingen, und die Veganer, die in jedem Fleischesser einen Mörder orten. Da gibts die «Alle raus»-Verkünder und die Gutmenschen, die in jedem Immigranten einen bedürftigen Flüchtling erkennen. In der Mitte gibt es nichts. Schwarzes Loch.

Oder man denke an den Klimawandel. Da gibt es die Ignoranten, die glauben, dass sich das Klima nicht verändert, und diejenigen, die hinter jedem überschwemmten Keller den Klimawandel sehen und den Sündenbock gleich mitliefern: CO2. Selbst die Frau Bundespräsidentin weist in Bondo mit Nachdruck auf die Klimaerwärmung hin, obwohl es an der Abrissstelle offenbar gar keinen Permafrost gibt.

Extreme zeigen im besten Fall einen Teil der Realität, blockieren sich gegenseitig und verhindern Lösungen. Aber wie wird man selbst nicht extrem? Indem man seine Gehirnzellen braucht, nicht alles glaubt, auch «wissenschaftlich» Belegtes nicht, zwischen Tatsachen und Meinungen unterscheidet, sich proaktiv informiert und Fragen stellt. Das ist nicht bequem, aber ungemein interessant.

Es gibt Extreme, die zur Normalität werden. Einige haben das Zeug zu einer neuen Religion. Beispielsweise Klimawandel, Erderwärmung, Klimakatastrophe. Klima ist ein Sammelbegriff für alle Vorgänge in der Atmosphäre, in einem definierten Gebiet, über mindestens 30 Jahre, in Zahlen ausgedrückt. Dass sich diese Werte wandeln, ist Fakt. Daraus eine künftige Klima­katastrophe abzuleiten, ist nicht lauter, zumal das niemand nur ansatzweise voraussagen kann.

Oder C02. Auch eine Religion. Gerade 0,038 Prozent der Atmosphäre macht dieses harmlose Gas – ohne das es keine einzige Pflanze gibt – aus. Davon sind vier Prozent menschengemacht, also 0,00152 Prozent der Luft. Wie ein so geringer Anteil das ganze Weltklima auf den Kopf stellen soll, ist mir ein Rätsel. Kein Rätsel sind mir hingegen die geplanten CO2-Abgaben und die dem mittelalterlichen Ablasshandel ähnelnden Deals mit CO2-Zertifikaten, ein Milliardengeschäft.

Solches fragt und sagt man besser nicht öffentlich. Statt eine Antwort zu bekommen, wird man schnurstracks als verblödeter Banause, Klimaleugner und Verschwörungstheoretiker in die Ecke gestellt. Das erinnert doch stark an religiösen Fanatismus.

Was wir tun müssen, ist, Sorge zur Umwelt zu tragen, und das ist nicht extrem, sondern überlebensnotwenig. Ich frage mich, wie lange es (weltweit) noch dauert, bis alle kapieren, dass die Verschmutzung der Gewässer, das brutale Abholzen von ganzen Regenwäldern, der Raubbau an den Ressourcen und die ins Endlose wachsenden Abfallhalden letztlich den Selbstmord der Menschheit bedeuten. Das erinnert mich an Hubert Reeves: «Der Mensch ist die dümmste Spezies. Er verehrt einen unsichtbaren Gott und vernichtet die sichtbare Natur, ohne zu wissen, dass die Natur die er vernichtet, dieser unsichtbare Gott ist, den er verehrt.»

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Claudine Brohy 07.09.2017

Mobil, Mobilität

Wenn wir zügeln, nehmen wir unsere Möbel mit, die sind ja mobil, und lassen die ehemalige Immobilie zurück, wir sind ja keine Schnecken. Wir brauchen dazu ein Automobil, das bald allein fahren kann. Mobilität ist in aller Munde und soll durch alle Mittel gefördert und verbessert werden.

Die soziale Mobilität ist in Freiburg in fast allen Familien spürbar: Ab den 1960er-Jahren kamen die meisten in den Genuss von beruflicher Bildung, und der Lebensstandard verbesserte sich merklich. Wie überall steigerte sich auch die geografische Mobilität. Immer weniger Personen sterben am Ort, an dem sie geboren wurden, oder wohnen an ihrem Bürgerort. Wir wohnen meist nicht dort, wo wir arbeiten, und auch nicht dort, wo wir unsere Freizeit verbringen.

Gleichzeitig wird die Mobilität undifferenziert als etwas Wünschenswertes dargestellt, sie wird in Lehrplänen und Positionspapieren erwähnt, zum Beispiel, dass die Mehrsprachigkeit die Mobilität fördere und umgekehrt. Aber die Realität sieht anders aus. Für gewisse Menschen, den sogenannten Expats, die schon ein komfortables Auskommen hatten, bringt Mobilität eine noch grössere Lohntüte, für andere den Erhalt des Arbeitsplatzes in einer anderen Region oder sogar im Ausland, für wiederum andere bedeutet Migration und Flucht das schiere Überleben. Das Radio meldet an Wochentagen Stau an den Schweizer Grenzen, am Samstag auch, aber in umgekehrter Richtung, da Schweizer ja anscheinend nicht nur lokal einkaufen.

Das statistische Amt kommuniziert, dass unsere Arbeitswege immer länger werden, als Kind stellte ich mir naiverweise vor, die Leute könnten doch ihre Wohnungen tauschen, wenn sie sich doch jeden Tag in ihren Autos auf der Strasse kreuzten. Eine sehr kurzzeitige Migration mit Billigflügen in Privatwohnungen europäischer Städte bringt unkontrollierten Massentourismus, den die Bewohnerinnen und Bewohner immer weniger ertragen und der heftige Proteste auslöst.

Mobilität hat halt ihren langfristigen sozialen und ökologischen Preis. «Den einzigen Luxus, den ich mir leiste, ist der, nicht mobil sein zu müssen», sagte mir mal ein Kollege. Verstehen Sie mich richtig, ich bin dafür, dass man andere Welten kennenlernt, ein Austauschsemester absolviert und anderswo arbeitet. Aber man muss sich eben im Klaren sein, dass Mobilität pauschal nicht unbedingt für alle Menschen, in jedem Fall immer und undifferenziert etwas Positives ist.

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Als Teil eines Autorinnen- und Autorenteams bearbeitet sie in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen. Auf Wunsch der FN-Redaktion tut Claudine Brohy dies mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

Kolumne

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