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Daniel Eckmann 21.09.2017

Missverständnisse regieren die Welt

Nehmen wir an, ich wolle Ihnen etwas erklären. Etwas, das ich mir im Geiste vorstellen kann. Das muss ich nun in einem ersten Schritt in Wörter umwandeln. Diese spediere ich dann an Sie. Also an ein recht grosses Publikum, das die Buchstaben-Ladung je einzeln wieder in eine Vorstellung zurückbauen muss. Das Risiko ist gross, dass dabei Verschiedenes herauskommt. Denn verstehen ist subjektiv. Dieselbe Botschaft kommt nie bei allen gleich an. Kaum landet eine Information in tausend Köpfen, gibt es zig Deutungen. Ein und derselbe Börsenkurs führt dazu, dass die Hälfte kauft und die andere Hälfte verkauft. Und wenn ich «Blut- und Leberwurst» sage, löst das beim Verein katholischer Vegetarierinnen etwas komplett anderes aus als beim Metzgermeisterverband.

Aber nicht nur die Absender sind gefordert. Auch die Empfänger haben es immer schwerer. Bis vor wenigen Jahren war das Problem, an genügend Informationen heranzukommen. Heute gibt es viel zu viel davon. Wir wissen alles und genau deshalb fast nichts. Was sollen wir anfangen, mit all den Nachrichten, die uns jeden Tag wie Konfetti ins Gesicht geworfen werden? Was mit dem Tagesschau-Bericht aus Syrien, in welchem uns ein Kind, dem ein Bein fehlt, mit grossen Augen direkt ins Gewissen schaut und dann wieder im Nachrichtenstrom verschwindet? Wohl wenig bis nichts.

Und doch können wir wenigstens hinsehen. Hinsehen, damit der Wirklichkeit nicht plötzlich auch ein Bein fehlt. Hinsehen, damit die Realität nicht einfach im Nachrichtenstrom verschwindet. Aber helfen können wir ebenso wenig, wie begreifen. Denn mehr Informationen führen nicht zu mehr Kompetenz, sondern zu mehr Konfusion. Ständig neue Trommelwirbel erweitern nicht den Horizont, sie überfordern uns. Die Menge ist erdrückend. Heute werden alle zwei Jahre mehr neue Informationen in die Welt gesetzt, als in der gesamten Geschichte der Menschheit zuvor. Man muss sich das einmal vorstellen: alle zwei Jahre mehr als je zuvor, 95 Prozent davon digital. Würden Wörter wie Geröll auf uns losdonnern, wäre uns angst und bange. Aber Digits machen keinen Lärm.

Ich bin aufgewachsen, als klobige Schreibmaschinen üblich waren. Damals war ein Radio ein Radio, und es konnte nichts anderes – ein anderer Kasten in einem anderen Zimmer war ein Fernseher und nur ein Fernseher – und das Telefon war schwarz und hing im Gang an der Wand. Zeitungsnews waren auf Papier und lagen im Briefkasten. Man musste bewusst zu jedem einzelnen Medium hingehen, wenn man etwas wollte.

Heute sind kleine mobile Geräte gleichzeitig Telefon, Radio, Fernseher, Kamera, Zeitung, Fahrplan, GPS, Supermarkt, Briefersatz, Kino und Archiv – überall und jederzeit in der Hosentasche verfügbar. Dank sozialen Medien kann man sich in fast jede Diskussion einmischen. Auf Facebook gibt es 1,6 Milliarden Likes pro Tag. Jeder achte Mensch der Welt nutzt Whats­App. 2015 wurden jede Minute 400 Stunden Videos auf Youtube hochgeladen. Das gibt in sieben Tagen mehr Material, als die drei grössten amerikanischen TV-Gesellschaften in den letzten 30 Jahren gesendet haben. Täglich werden 500 Millionen Tweets versandt, das sind 6 000 pro Sekunde. Auch Weltführer twittern gern und viel. Bis hin zu Twitter als Lead-Medium für die Führung einer Grossmacht. 140 Zeichen im Zweifingersystem – wenn da bloss nicht die Welt wegen eines präsidialen Tippfehlers zugrunde geht.

Lichtgeschwindigkeit ist heute das Tempo des Tages. Entwürfe sind out, man stürzt sich gleich ins Original. Geschrieben wird nebenher, oft spontan aus Ärger – im Auto, während Sitzungen oder beim dritten Bier. Dann nur noch die halbe Welt einkopieren, «Senden» drücken und ab geht die Post. Und da wundern wir uns, dass Kommunikation zum Risikofaktor geworden ist.

Höchste Zeit, sich auf die Regeln zu besinnen, als man Texte von oben links bis unten rechts und ohne Korrekturmodus aufs Blatt schreiben musste: Nachdenken, bevor man loslegt. Die Wörter wägen und nicht schütten. Dabei an jene denken, an die man sich richtet, und nicht an sich selber. Und dann das Ganze beiseitelegen und noch einmal durchlesen, wenn sich das Adrenalin gelegt hat. Denn nur wer sich das Schreiben schwer macht, macht anderen das Lesen leicht.

 

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

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Beat Brülhart 14.09.2017

Extrem, diese Extreme

Manchmal gehen sie mir auf den Wecker. Geschwürartig überwuchern sie Gesellschaft und Politik. Die Extreme. Kaum ein Bereich, wo sie sich nicht diametral gegenüberstehen. Beide Seiten kennen die ausschliessliche Wahrheit und dreschen aufeinander ein. Woher das kommt, weiss ich nicht. Vielleicht davon, dass wir uns von einer Sache eine Meinung bilden können, ohne sie verstanden und durchschaut zu haben? Oder ist uns am Ende das eigene Denken abhandengekommen?

Da gibt es die abartigen Fleischfresser, die Steaks von zweieinhalb Kilo verschlingen, und die Veganer, die in jedem Fleischesser einen Mörder orten. Da gibts die «Alle raus»-Verkünder und die Gutmenschen, die in jedem Immigranten einen bedürftigen Flüchtling erkennen. In der Mitte gibt es nichts. Schwarzes Loch.

Oder man denke an den Klimawandel. Da gibt es die Ignoranten, die glauben, dass sich das Klima nicht verändert, und diejenigen, die hinter jedem überschwemmten Keller den Klimawandel sehen und den Sündenbock gleich mitliefern: CO2. Selbst die Frau Bundespräsidentin weist in Bondo mit Nachdruck auf die Klimaerwärmung hin, obwohl es an der Abrissstelle offenbar gar keinen Permafrost gibt.

Extreme zeigen im besten Fall einen Teil der Realität, blockieren sich gegenseitig und verhindern Lösungen. Aber wie wird man selbst nicht extrem? Indem man seine Gehirnzellen braucht, nicht alles glaubt, auch «wissenschaftlich» Belegtes nicht, zwischen Tatsachen und Meinungen unterscheidet, sich proaktiv informiert und Fragen stellt. Das ist nicht bequem, aber ungemein interessant.

Es gibt Extreme, die zur Normalität werden. Einige haben das Zeug zu einer neuen Religion. Beispielsweise Klimawandel, Erderwärmung, Klimakatastrophe. Klima ist ein Sammelbegriff für alle Vorgänge in der Atmosphäre, in einem definierten Gebiet, über mindestens 30 Jahre, in Zahlen ausgedrückt. Dass sich diese Werte wandeln, ist Fakt. Daraus eine künftige Klima­katastrophe abzuleiten, ist nicht lauter, zumal das niemand nur ansatzweise voraussagen kann.

Oder C02. Auch eine Religion. Gerade 0,038 Prozent der Atmosphäre macht dieses harmlose Gas – ohne das es keine einzige Pflanze gibt – aus. Davon sind vier Prozent menschengemacht, also 0,00152 Prozent der Luft. Wie ein so geringer Anteil das ganze Weltklima auf den Kopf stellen soll, ist mir ein Rätsel. Kein Rätsel sind mir hingegen die geplanten CO2-Abgaben und die dem mittelalterlichen Ablasshandel ähnelnden Deals mit CO2-Zertifikaten, ein Milliardengeschäft.

Solches fragt und sagt man besser nicht öffentlich. Statt eine Antwort zu bekommen, wird man schnurstracks als verblödeter Banause, Klimaleugner und Verschwörungstheoretiker in die Ecke gestellt. Das erinnert doch stark an religiösen Fanatismus.

Was wir tun müssen, ist, Sorge zur Umwelt zu tragen, und das ist nicht extrem, sondern überlebensnotwenig. Ich frage mich, wie lange es (weltweit) noch dauert, bis alle kapieren, dass die Verschmutzung der Gewässer, das brutale Abholzen von ganzen Regenwäldern, der Raubbau an den Ressourcen und die ins Endlose wachsenden Abfallhalden letztlich den Selbstmord der Menschheit bedeuten. Das erinnert mich an Hubert Reeves: «Der Mensch ist die dümmste Spezies. Er verehrt einen unsichtbaren Gott und vernichtet die sichtbare Natur, ohne zu wissen, dass die Natur die er vernichtet, dieser unsichtbare Gott ist, den er verehrt.»

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Claudine Brohy 07.09.2017

Mobil, Mobilität

Wenn wir zügeln, nehmen wir unsere Möbel mit, die sind ja mobil, und lassen die ehemalige Immobilie zurück, wir sind ja keine Schnecken. Wir brauchen dazu ein Automobil, das bald allein fahren kann. Mobilität ist in aller Munde und soll durch alle Mittel gefördert und verbessert werden.

Die soziale Mobilität ist in Freiburg in fast allen Familien spürbar: Ab den 1960er-Jahren kamen die meisten in den Genuss von beruflicher Bildung, und der Lebensstandard verbesserte sich merklich. Wie überall steigerte sich auch die geografische Mobilität. Immer weniger Personen sterben am Ort, an dem sie geboren wurden, oder wohnen an ihrem Bürgerort. Wir wohnen meist nicht dort, wo wir arbeiten, und auch nicht dort, wo wir unsere Freizeit verbringen.

Gleichzeitig wird die Mobilität undifferenziert als etwas Wünschenswertes dargestellt, sie wird in Lehrplänen und Positionspapieren erwähnt, zum Beispiel, dass die Mehrsprachigkeit die Mobilität fördere und umgekehrt. Aber die Realität sieht anders aus. Für gewisse Menschen, den sogenannten Expats, die schon ein komfortables Auskommen hatten, bringt Mobilität eine noch grössere Lohntüte, für andere den Erhalt des Arbeitsplatzes in einer anderen Region oder sogar im Ausland, für wiederum andere bedeutet Migration und Flucht das schiere Überleben. Das Radio meldet an Wochentagen Stau an den Schweizer Grenzen, am Samstag auch, aber in umgekehrter Richtung, da Schweizer ja anscheinend nicht nur lokal einkaufen.

Das statistische Amt kommuniziert, dass unsere Arbeitswege immer länger werden, als Kind stellte ich mir naiverweise vor, die Leute könnten doch ihre Wohnungen tauschen, wenn sie sich doch jeden Tag in ihren Autos auf der Strasse kreuzten. Eine sehr kurzzeitige Migration mit Billigflügen in Privatwohnungen europäischer Städte bringt unkontrollierten Massentourismus, den die Bewohnerinnen und Bewohner immer weniger ertragen und der heftige Proteste auslöst.

Mobilität hat halt ihren langfristigen sozialen und ökologischen Preis. «Den einzigen Luxus, den ich mir leiste, ist der, nicht mobil sein zu müssen», sagte mir mal ein Kollege. Verstehen Sie mich richtig, ich bin dafür, dass man andere Welten kennenlernt, ein Austauschsemester absolviert und anderswo arbeitet. Aber man muss sich eben im Klaren sein, dass Mobilität pauschal nicht unbedingt für alle Menschen, in jedem Fall immer und undifferenziert etwas Positives ist.

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Als Teil eines Autorinnen- und Autorenteams bearbeitet sie in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen. Auf Wunsch der FN-Redaktion tut Claudine Brohy dies mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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31.08.2017

Die sich selbst verweigernde Prophezeiung

Jetzt kann ich es ja gestehen, juristisch ist es verjährt, für die Ewigkeit vor Gott gebeichtet, auch habe ich mich seither zu einem halbwegs anständigen Menschen entwickelt: Als Biertrinker-Novize habe ich, wie andere in der Clique auch (ihre Namen sind nicht einmal der Redaktion bekannt), in Restaurants zwei-, höchstens dreimal ein exklusives Bierglas oder – wenn’s hoch kam – einen Humpen geklaut. Nicht eigentlich aus Sammlerleidenschaft, eher aus jugendlichem Übermut, wie es sich für Bubenstreiche halt so geziemt. Das ist anfangs gut gegangen, wenn man darunter versteht, dass ich nicht erwischt wurde. Aber beim vierten – oder war es das fünfte Mal? – ging es gründlich schief.

Ich bekam es mit einem ausgefuchsten Restaurantbesitzer zu tun, der mich nicht erst auf frischer Tat, sondern bereits beim Gedanken an die frische Tat ertappte. Als ich nämlich mein Diebesgut von allen vier Seiten betrachtete, prangte mir vom Grund des leer getrunkenen Humpens die entblössende Inschrift «Im Bären zu Signau gestohlen!» entgegen. Als hätte ich mir an seinem Henkel die Finger verbrannt, stellte ich den verräterischen Gegenstand blitzschnell auf den Tisch zurück und war für den vorläufigen Rest meines Lebens von allen Diebesgelüsten kuriert.

Als mir, Jahrzehnte später, immer wieder die schönsten Post- und Kunstkarten abhandenkamen, die ich zur Verschönerung meines Schulzimmers und zur farbenfrohen Belebung meines Unterrichts gut sichtbar an die Wand gehängt hatte, fiel mir der Trick des Bärenwirts wieder ein, und ich schrieb mit dickem Filzstift auf die Rückseite der begehrten Objekte: «Im Kollegium St. Michael gestohlen». Und siehe da – auch in meinem Fall liessen die in ihren unlauteren Absichten sich entlarvt fühlenden Möchtegerndiebe von ihrem Vorhaben ab.

Könnte man nicht, so frage ich mich seither immer wieder, auf einen grösseren und bedeutenderen Massstab übertragen, was im Bereich der Kleinkriminalität so gut funktioniert? Wenn schon als Diebesgut deklarierte Bierhumpen und Postkarten die potenziellen Täter zur Umkehr bewegen, dann muss es doch möglich sein, diese Art der Verbrechensbekämpfung auch im Bereich der Grosskriminalität einzuführen. So würde ich zum Beispiel einem Oppositionellen in der Türkei raten, sich die Prophezeiung «Wegen Gebrauchs der Meinungsäusserungsfreiheit von Erdogan ins Gefängnis geworfen» auf den Körper tätowieren zu lassen. Wer könnte sich des Mitleids mit dem augenfälligen Opfer erwehren? Welcher Scherge würde sich noch getrauen, die vorweggenommene Untat tatsächlich zu begehen? Mit Ausnahme von Erdogan natürlich.

Auch gebe ich zu: Wie so viele andere gute Ideen wäre auch diese hier nicht vor Missbrauch durch unechte Opfer geschützt. So könnte etwa Isabelle Moret ihre Wahl zur Bundesrätin mit dem Mitleid erheischenden Tattoo «Als Alibi-­Frau vom männerdominierten Parlament verheizt» kontrafaktisch erzwingen. Und der amerikanische Präsident könnte einem möglichen Absetzungsverfahren zuvorkommen, indem er sich – nach der hier postulierten Logik der sich selbst verweigernden Prophezeiung – seine wehenden Haare so zurechtschneiden liesse, dass auf seinem Schädel zu lesen wäre: «Von den bösen Medien aus dem Amt gemobbt.» Eine irrige Vorstellung, ich weiss. Niemals würde Trump das Präsidentenamt seiner tadellosen Frisur ­vorziehen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung in diesem Sommer unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Silvan Jampen 24.08.2017

Misstrauen zerstört, Vertrauen baut auf

Die westliche Welt steckt in einer Vertrauenskrise. Nichts geht mehr. Viele Probleme harren einer Lösung. Deren Komplexität scheint erschlagend und das politische Personal unfähig, Lösungen hervorzubringen. Terrorismus, Migration, wirtschaftliche Entwicklung verbreiten Unsicherheit. Diese bildet zusammen mit Orientierungslosigkeit einen Nährboden, auf dem das Misstrauen zunehmend gepflegt wird. Angesichts des eingetretenen Stillstandes, des fehlenden Wachstums und der vorherrschenden Ratlosigkeit droht das Misstrauen so zum alleinigen Programmpunkt erhoben zu werden. Trotz völliger Inhaltsleere reicht dies neuerdings sogar zum Wahl- oder Abstimmungssieg aus, siehe Brexit oder Trump.

Und was sind die Konsequenzen? Offenen und ehrlichen Menschen der westlichen Welt dürfte es zu dämmern beginnen, dass man nicht folgenlos die Klaviatur des Misstrauens bespielen kann. Das Vertrauen unter den Mitgliedern der Gemeinschaft ist das konstitutive Element, der Kitt der Demokratien und offenen westlichen Gesellschaften. Wer Misstrauen sät, zersetzt diesen Gesellschafts-Kitt.

Gerade weil Trump und Brexit krasse Beispiele für die zersetzende Kraft des offen ausgedrückten Misstrauens sind, drohen die subtileren Entwicklungen zur Untergrabung des Vertrauens übersehen zu werden. Die Art und Weise, wie zum Beispiel Europa seit 2007 auf die Schulden- und Wirtschaftskrise reagiert, bietet dabei besten Anschauungsunterricht, wie Misstrauen schleichend passiv gefördert werden kann: Symptome werden bekämpft (prominentes Beispiel: Euro-Krise) und das ehrliche Benennen und Lösen fundamentaler Probleme wird zugunsten kurzfristiger Popularität aufgegeben.

Die Schweiz bildet leider keine Ausnahme. Hier ist es einerseits die SVP, die seit 1992 mit ihrem öffentlich zelebrierten Misstrauen gegen die EU, gegen Ausländer, gegen Migration oder gegen die offene Volkswirtschaft beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Anstatt das Vertrauen aufzubauen, dass unser Land die Kraft und die Ideen hat, diese grossen Herausforderungen im besten Gemeinschaftsinteresse zu meistern, werden Institutionen und die «classe politique» schlecht geredet. Mit dem Resultat, dass heute eine totale Blockade des öffentlichen Diskurses und eine Angsthasen-Stimmung zu diesen Themen herrschen.

Ironischerweise verhalf die SVP andererseits damit der SP zu einem beispiellosen Erfolg im Ausbau der Staatsaktivitäten, zusammen mit einer wankelmütigen Mitte. Grundlage dafür war das Misstrauen gegenüber den Reichen, den Managern, den Unternehmern, der Globalisierung, kurz der erfolgreichen freien Wirtschaft. Plötzlich wurden sozialdemokratisch inspirierte Regulierungen ermöglicht, für die es zuvor in der liberalen und bürgerlichen Schweiz keinen Platz hatte. Das Misstrauen wird im Staat sozialistischer Prägung dadurch gefördert, dass die wohlfeilen Deklarationen des politischen Personals in der Wirklichkeit nicht umsetzbar sind. Unhaltbare Versprechungen eines sich überfordernden Staates erweisen sich letztlich als nicht vertrauensfördernd.

Die Erwartung, dass der Staat durch Regulierung Vertrauen schaffen soll, ist fundamental verkehrt. Vertrauen lässt sich nicht dekretieren. Das Vertrauen in die Gemeinschaft basiert einzig und allein auf dem höchstpersönlichen Befinden freier Individuen. Und dieses Befinden reagiert empfindlich, wenn Misstrauen gesät wird. Gerade autokratisch oder mit Einheitsdoktrin geführte Gesellschaften belegen, dass Misstrauen um sich greift, wenn die Lebenswirklichkeit der Menschen von oben kontrolliert und gesteuert wird. Schwindet das Vertrauen als Gemeinschafts-Kitt, stirbt auch der Gemeinschaftssinn. Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger gedeiht am besten durch Respekt vor deren Mündigkeit, Skepsis gegenüber staatlichem Machbarkeitsglauben, ehrliches Anstreben nachhaltiger Lösungen, Erhalten möglichst freier Entscheidungsgrundlagen für unsere Nachkommen und Offenheit gegenüber Fremdem und Neuem. In unserer Demokratie liegt es an uns, unser politisches Personal ständig daran zu erinnern, auf Vertrauen zu setzen statt Misstrauen zu säen.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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17.08.2017

Wie mein Computer das Zwitschern lernte

Im Jahr 1996 gewann ein Computer zum ersten Mal eine Schachpartie gegen einen amtierenden Weltmeister. Das war eine gewaltige Leistung, allerdings hatte der spielende Computer nicht etwa selber gelernt, Schach zu spielen. Im Gegenteil: Ein Grossteil der Züge wurde im Vorfeld programmiert, oder der Computer errechnete den besten Zug nach fest definierten Regeln.

Nach aktuellem Verständnis ist dies aber dennoch ein Beispiel für künstliche Intelligenz, denn der Computer war selbständig fähig, auf Züge des Gegners so zu reagieren, dass seine Gewinnchancen erhöht wurden. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Beispielen von künstlicher Intelligenz. Selbstfahrende Autos zum Beispiel verhalten sich nach definierten Regeln und erlernen das Fahren zum Glück nicht durch ausprobieren auf der Strasse. Dies zeigt, wie weit weg wir immer noch von Systemen sind, die im menschlichen Sinne intelligent sind. Genau wie Deep Blue sind auch selbstfahrende Autos für eine ganz bestimmte Aufgabe programmiert und können nicht selber komplett andere Eigenschaften erlernen.

Allerdings gibt es durchaus Systeme, welche gezielt trainiert werden können, zum Beispiel um Objekte auf Bildern zu erkennen. Kamera-Apps in modernen Smartphones erkennen mühelos Gesichter oder Dokumente und brauchen dazu nicht einmal besonders viel Rechenleistung. Auch selbstfahrende Autos müssen zuverlässig andere Verkehrsteilnehmer erkennen. Wie schwierig das nach wie vor ist, zeigt der bisher einzige tödliche Unfall eines selbstfahrenden Autos, welches einen kreuzenden Lastwagen leider nicht als solchen erkannte.

Für die automatische Objekterkennung werden heute oft künstliche neuronale Netze verwendet. Solche Netze sind Computerprogramme, welche den neuronalen Netzen von Lebewesen nachempfunden sind, zum Beispiel unserem Gehirn. Der grosse Vorteil dabei ist, dass diese Netze aus ganz einfachen mathematischen Bausteinen bestehen (den Neuronen), welche dann zu komplizierten Strukturen verbunden werden können.

Aber wie kann nun ein solches Netz lernen, Objekte zu erkennen? Dazu werden diese künstlichen neuronalen Netze meist in Schichten konstruiert, so dass die Neuronen der ersten Schicht als Signal die Farben von einzelnen Bildpunkten erhalten, diese zu einem neuen Wert verrechnen und an die Neuronen der nächsten Schicht weitergeben. Das Ziel ist es dann, das Netz so zu trainieren, dass jeweils ein Neuron der letzten Schicht nur dann ein Signal produziert, wenn auf dem Bild ein bestimmtes Objekt vorhanden ist. Dazu müssen die Parameter von jedem einzelnen Neuron so justiert werden, dass das Signal am Ende beim richtigen Neuron ankommt. Und diese Justierung nennt man lernen, denn das funktioniert fast so wie bei unserem Hirn auch. Damit ein Netz zum Beispiel lernt, Bilder von Lastwagen von solchen ohne Lastwagen zu unterscheiden, werden dem Netz viele Beispiele von Bildern mit und ohne Lastwagen gezeigt. Für jedes Neuron werden dann die Parameter ermittelt, welche die Erkennung optimieren. Das fertig trainierte Netz kommt dann im Auto oder dem Smartphone zum Einsatz.

In einem aktuellen Forschungsprojekt trainieren wir solche künstlichen neuronalen Netze, um Vogelarten an ihrem Gesang automatisch zu erkennen. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, dass künstliche Intelligenz nicht nur Arbeitsplätze bedroht, sondern auch ganz neue Dinge ermöglicht, zum Beispiel im Naturschutz. Konkret leisten wir wissenschaftliche Unterstützung beim Aufbau eines neuen Nationalparks in Zentralafrika, unter anderem indem wir die Häufigkeit von Tierarten kartieren. Dazu haben wir an vielen Standorten Aufnahmen von Vogelgesängen gemacht, welche es nun auszuwerten gilt. Alle Vogelarten zweifelsfrei bestimmen können aber nur einige wenige Experten, und diese wollen sich wohl kaum Hunderte von Stunden mit unseren Aufnahmen beschäftigen. Unser Ziel ist es also, den Computer so viele Vogelarten wie möglich selber erkennen zu lassen, so dass wir den Experten nur die kniffligen Fälle vorlegen müssen.

Die Zuverlässigkeit der Computererkennung aber ist direkt abhängig von der Menge an Trainingsdaten, und in Fällen wie den unseren sind diese oft limitiert. Wer in Zukunft stark von künstlicher Intelligenz profitieren wird, hängt also direkt davon ab, wer Zugang zu welchen Daten hat. Darüber müssten wir uns vielleicht vermehrt Gedanken machen, bevor wir unsere Ferienfotos ohne mit der Wimper zu zucken mit Google und Facebook teilen.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

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Sus Heiniger 10.08.2017

Die Farben des Regens

Ein bisschen Geburtstag feiern wollten wir. Das alljährliche Feiern zum Ereignis, das Licht der Welt erblickt zu haben, wollten wir gerne so begehen, dass wir ebendieses Licht der Welt in einer gewissen Verwandlung zum Üblichen schauen könnten und den Ruf «Morgen dann!», der auf zu erwartendes Glücken eines kommenden Tages vertrösten sollte, nicht hören. An deinen Geburtstagen rufst du das nie!

Wir erhalten gerade noch das letzte Zimmer in dem Hotel, für das wir uns entschieden haben. Ein 100-jähriges Haus, wo uns auch eine wunderbare Panoramaterrasse erwarten würde, das wissen wir, auf 1200 Meter über Meer.

Die kleine Geburtstags­feier soll luftig und licht werden, wenn wir die ganze Alpenkette schauen und die Majestät des Mont Blanc, der in direkter Luftlinie vor dem Hotel steht, sogar auf grosse Distanz erkennen.

Aus Spass an den kommenden Stunden nennen wir uns Herr und Frau Lavendel, weil das den Blick etwas verändert, wenn man nicht seinen gewohnten Namen trägt.

Im Stück von Samuel Beckett heisst einer der zwei Männer, die einen nie ankommenden dritten erwarten, Estragon, und das hat mir schon immer gefallen und den Eindruck gemacht, so ein organischer Name könnte besondere Weltsicht bergen.

Herr und Frau Lavendel beziehen nach einer kurzen Anreise auf das Juraplateau das Hotelzimmer und erhalten für den Abend einen Tisch im Speisesaal.

Unser fünfjähriger Enkel schaute sich gern den Regenradar auf dem Internet an während seiner Ferien bei uns und war immer sehr angetan von der Skala, die die Niederschlagsstärken anzeigt mit verschiedenen Farben. Rot-Blau-Gelbtöne für entsprechende Prognosen. «Morgen wird es violett regnen!», rief er einmal begeistert. Der wildeste, heftigste Regen hat auf der Skala die Farbe violett. Mir kam dabei auch der Gedanke an Lavendel, und dass man diese Farbe in einem Namen ausprobieren müsste, um eine entsprechende Regenschwemme nachempfinden zu können.

Um die Nachtessenszeit füllt sich der Hotelsaal. In kurzer Zeit scheinen alle Plätze belegt. Alle, die ankommen wollten, und alle, die ankommen sollten, waren versammelt und warteten. Ein gemeinsames Warten auf Gleiches und Persönliches. Auf ein Feiergefühl? Auf einen Tisch mit Gutsicht? Auf eine Menükarte? Auf eine Nachfrage zum Befinden? Auf ein Serviertwerden.

Alle im Saal warten schlussendlich auf ein Essen, auf ein Getränk. Der Saal ist hoch, die Fenster zur Panoramaterrasse ebenfalls. Die Wartenden blicken jetzt vom Innern immer wieder nach draussen. Der Mont Blanc verschwindet im Dunst. Es ist heiss, schwül, die Hitze beginnt zu pochen im Speisesaal. Wolken sind aufgezogen. Einige Gäste wechseln von der Terrasse an freie Innentische. Man traut dem Wetter nicht mehr ganz. Es ist fast still geworden im Saal, oder wirkt das nur so, weil draussen immer weniger Bewegung zu sehen ist in den Sonnenschirmen und der schmalen Tannengruppe im Fenster ganz rechts?

Es schraubt sich eine Ruhe immer stärker in die Aussenumgebung. Das Alpenpanorama ist weggewischt. Vor allen Fenstern klebt dieselbe milchbeige Farbe. Eine Dame aus dem Service geht auf der Terrasse hin und her, ordnet Dinge. Ihr Oberkörper erscheint in den Fenstern immer wieder, im einen, im andern, geräuschlos von innen gesehen. Als würde sie schwimmen im milchigen Dunst. Viele Gäste schauen zu und warten.

Gespenstisch schön füllt das weisse Licht von der Terrasse den Saal, hüllt ihn in Schweigen – Aquarium, denke ich. Alle warten, nichts bewegt sich mehr vor den Fenstern. Die Dame hat alle Sonnenschirme zugeklappt und ist verschwunden. Im Innern sind die Lebenssehnen der Gäste jetzt angespannt im Warten.

Warten. Einige Augen-Blicke begegnen sich von Tisch zu Tisch. Der Saal atmet gemeinsam ein.

Und dann regnet es violett! Sehr violett, nachdem ein plötzlich heftiger Wind eingesetzt hatte, an allen Schirmen riss, die Terrassentür krachend zuschwang und durch den Esssaal pfiff. Grossartiges Brausen und Rauschen und alles zu oder alles offen ins Universum. Die Bewegung war in die Welt zurückgekehrt.

Der Saal atmet gemeinsam aus. Warten auf die bestellte Mahlzeit.

Herr und Frau Lavendel wurden eins mit dem Violett des Regens und begannen zu duften.

Sie erschraken beinah, als das Essen kam.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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«Aus Spass nennen wir uns Herr und Frau Lavendel, weil das den Blick etwas verändert, wenn man nicht seinen gewohnten Namen trägt.»
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Thomas Vaucher 03.08.2017

Ideenbörse

 

D

as Ganze kommt mir seltsam vor: Ein Lieferwagen eines lokalen Mietautounternehmens fährt auf uns zu, als wir auf dem Parkplatz der Magdalena-Einsiedelei in Düdingen aus dem Auto steigen und den Fussweg zur Einsiedelei in Angriff nehmen. Ich runzle die Stirn. Dort, wo der Lieferwagen herkommt, gibt’s nichts anderes als die Einsiedelei. Es ist eine Sackgasse. Die Schranke, die den Fussweg für Fahrzeuge normalerweise sperrt, ist demontiert. Als der Lieferwagen sie passiert hat, hält er an, einer der beiden Männer steigt aus und befestigt sie wieder. Dann grüsst er uns in gebrochenem Deutsch, ehe er davonbraust. Weil mir die Situation irgendwie verdächtig vorkommt, merke ich mir das Nummernschild – nur für alle Fälle. Denn was um alles in der Welt haben die beiden Männer in der Einsiedelei gemacht? Haben Sie etwa irgendetwas demontiert, eingeladen und mitgenommen? Den Altar vielleicht? Ich spinne das Szenario weiter: Was, wenn wir bei der Einsiedelei angekommen feststellen müssen, dass tatsächlich Dinge entwendet wurden? Ich würde die Polizei rufen, ihnen unsere Beobach­tungen und die Nummer des Fahrzeugs mitteilen. Die beiden würden vermutlich festgenommen und verurteilt. Doch halt: Vielleicht waren sie ebenfalls vorsichtig und haben sich im Vorbeifahren das Nummernschild meines Autos gemerkt. Was, wenn sie Jahre später wieder aus dem Knast kommen?

 

Ich werde häufig gefragt, woher ich die Ideen für meine Bücher nehme. Es sind solche Alltagssituationen, kleine Beob­achtungen, für deren Fortsetzung und Interpretation ich meiner Phantasie freien Lauf lasse. Das oben beschriebene Szenario wäre eine interessante Vorlage für einen rasanten Rache-Thriller.

Ein anderes Beispiel: Als ich kürzlich nach Mitternacht einen Kollegen nach Hause brachte, begegneten wir einer alten Frau, die mit ihrem Rolla­tor am Strassenrand spazieren ging. Ich lud meinen Kollegen wenige Hundert Meter entfernt ab, fuhr zurück und hielt dabei Ausschau nach der Frau, die bei ihrem Tempo eigentlich noch nicht weit hatte kommen können. Doch sie war verschwunden! Sofort regte sich meine Phantasie und entwarf das Szenario für folgende Geschichte: Eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher fährt zur selben Zeit durch diese Gegend, erblickt die Frau (die vielleicht einfach nicht schlafen konnte und deshalb noch einen Nachtspaziergang macht) und wundert sich darüber. Der Fahrer stellt die Vermutung an, sie könnte ein Geist sein, worauf der Beifahrer lachend meint: «Fahr doch mal durch sie hindurch, dann merkst du schon, ob sie ein Geist ist oder nicht.» Der Lenker tut, wie ihm geheissen, fährt die Frau zu Tode und begeht auch noch Fahrerflucht. Da der Mörder nie gefasst wurde, kommt ihre Seele seit dem schrecklichen Unfall nicht zur Ruhe, und ihr Geist geht Nacht für Nacht mit ihrem Rollator um halb eins in der Früh spazieren, um vielleicht eines Tages ihren Mörder zu finden …

Manchmal inspirieren mich aber auch bestehende Bücher oder Filme: Die Idee zu meinem letzten historischen Roman «Tell – Mann. Held. Legende» entstand, nachdem ich mir die Fernsehserie Spartacus angeschaut hatte. Diese zeigt die unbekannte Vorgeschichte des Sklaven Spartacus, was mich auf die Idee brachte, dasselbe bei unserem Volkshelden zu tun: seine Vorgeschichte zu erfinden.

Die beiden eingangs erwähnten Männer mit ihrem Lieferwagen haben übrigens nichts aus der Einsiedelei entwendet. Als wir dort ankamen, war ein Dutzend Touristen dort, und selbst der Altar stand noch an Ort und Stelle …

 

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Patrick Buchs 27.07.2017

Ein Haus des Sports für den Kanton Freiburg

Es ist kein Geheimnis, dass es um den Sport im Kanton Freiburg nicht zum Besten steht. Der Vereinssport kämpft mit den Grenzen der Ehrenamtlichkeit, der Nachwuchssport verliert seine besten Talente an professionellere Strukturen in anderen Kantonen und dem Spitzensport mangelt es an finanziellen Mitteln, um konkurrenzfähige Rahmenbedingungen zu schaffen. In meiner letzten Kolumne hatte ich auf konkrete Medienberichte Bezug genommen, welche diese Aussage unterstreicht (vgl. FN vom 6. April 2017).

 

Mich hat das Leben gelernt, dass ich immer eine Wahl habe, wie ich mit einer unbefriedigenden Situation umgehe. Entweder akzeptiert man die Situation, wie sie ist, und lernt, mit der Frustration umzugehen, oder man entscheidet sich für den meist unangenehmen Weg der Veränderung.

Wenn ich diesen Gedanken nun auf den Freiburger Sport ummünze, dann glaube ich, dass die Zeit gekommen ist, aus dieser Situation der Frustration auszubrechen und neue, mutige Wege zu gehen. Oder wie sagte einst Albert Einstein: «Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.»

Diese Ausgangslage hat mich dazu bewegt, zusammen mit Freunden aus Sport, Wirtschaft und Politik, eine Projektidee zu entwickeln. Die Vorstellung, den Sport im Kanton Freiburg mit einem wegweisenden Projekt nachhaltig zu stärken, hat unseren Unternehmergeist geweckt. So ist das Projekt «Haus des Sports Freiburg» entstanden, das ein Kompetenzzentrum für Training, Förderung und Management im Sport werden soll. Nutzniesser wären der Breiten-, Nachwuchs-, Spitzen- und Vereinssport im Kanton Freiburg. Idealerweise soll dafür die «Salle des Fêtes» auf dem St.-Leonhard-Areal umgebaut werden, was gleich drei Vorteile mit sich bringen würde:

1. Der Parkplatzmangel bei gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen auf dem St.-Leonhard-Areal kann reduziert werden.

2. Die Aktivitäten der «Salle des Fêtes» könnten ins Forum Freiburg verlagert werden, welches damit seine Auslastung verbessern könnte.

3. Das St.-Leonhard-Areal könnte zu einem einzigartigen Sportzentrum umgewandelt werden, was für die Stadt und den Kanton Freiburg einen beträchtlichen Imagegewinn bringen würde.

In meiner bald 20-jährigen beruflichen Tätigkeit im Sport habe ich sehr viel gesehen. Ich durfte im In- und Ausland Projekte umsetzen und mich mit verschiedensten Strukturen und Strategien zur ganzheitlichen Sportförderung auseinandersetzen. Das Projekt «Haus des Sports» ist ein machbarer und auf meinen Erfahrungen basierender Lösungsansatz, der mithilfe von Spezialisten zu einem rentablen Geschäftsmodell gereift ist. Aktuell berät der Gemeinderat Freiburg über unser Projekt. Ich hoffe, dass das Projekt die nötige, politische Unterstützung erhalten wird und der ganze Freiburger Sport damit neue Perspektiven erhält!

 

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

 

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Katharina M. Fromm 13.07.2017

Sommerzeit – Ferienzeit, und von einem Konzertbesuch

 

E

s ist wieder so weit: Alle Jahre wieder packen wir die Koffer für die Ferien an der Ostsee mit einem Querschnitt durch den ganzen Kleiderschrank, denn das Wetter dort oben ist unberechenbar. Unter Schimpfen (das Fluchen überhöre ich geflissentlich) wird das Auto bis unters Dach vollgepackt und schon geht es los Richtung Norden bei strahlendem Sonnenschein und 35 Grad Celsius im Schatten.

 

 

Die erste Etappe endet entnervt bereits auf der Höhe von Freiburg im Breisgau, nach Staus hinter Bern und vor Basel. Nach Staus bei Karlsruhe, Hannover und am Hamburger Kreuz sowie irgendwo zwischen Hamburg und Lübeck, Ankunft an Tag zwei gegen 17 Uhr bei Regen, 14 Grad. Am nächsten Tag gesellt sich Windstärke 8 bis 9 dazu. Da hilft nur Kultur, also ab nach Hamburg in die Elbphilharmonie, zu Hélène Grimaud.

Wir sind gespannt auf das Gebäude und die Musik, schliesslich soll die Akustik ja einmalig klar und präzise sein! Wir nehmen unsere Plätze auf bequem gepolsterten Sitzen ein. Der Saal ist voll, als das Licht gedimmt wird und eine erwartungsvolle Stille eintritt. Die ersten Huster platzen in den Raum hinein, und tatsächlich, die Akustik ist bestens!

Endlich geht es los, Hélène Grimaud setzt sich ans Klavier, das vor einem riesigen Bildschirm steht, und beginnt zu spielen. Ganz sanft, fast zögerlich, plätschert die Musik los – passend zum Thema Natur, speziell Wald und Wasser, fliessen auf der Leinwand poetische Bilder ineinander. Man spürt das Anliegen der Künstler, auf die wertvolle Natur hinzuweisen.

Und ja, man hört auch die Natur des Menschen: ein wahres Hustenkonzert. Das tiefe Räuspern meines Nachbarn zur Rechten (übrigens ein Schweizer, wie ich vernehmen konnte), dann auf Ebene 16, Reihe U.1.11 ein Raucherhusten (ich höre es genau!), das Klicken eines Fotoapparats in Block 15 von Sitz L.1.3, die korpulente Dame von Ebene 12, Sitz B.1.1 erleichtert sich regelmässig hustentechnisch, von Reihe L. 3.11 auf Ebene 15 tönt ein trockener, irritierter Husten zu Ravel, gefolgt vom allergischen Husten von Balkon 16, Y.2.11, und dem Schnupfen von Block 15, K.2.6., die «hervorragend» Liszt untermalen.

Der Herr vor mir zückt alle fünf Minuten sein Natel, hebt es leicht über seinen Kopf und schiesst ein paar Bilder – ich sehe Hélène Grimaud nur noch durch seinen Bildschirm. Der Po meines Nachbarn brummt, er zückt sein Telefon aus der rechten Potasche seiner Jeans und stellt es ab. Die Frau meines Vordermanns packt nun ihrerseits ihr Natel aus und knipst auch ein paar Bilder, da hat ihr Mann auch schon wieder seines im Anschlag.

Ich denke sehr laut darüber nach, was ich ihm antue, wenn er das nächste Mal fotografiert, als von Block 13, I.5.2. das «Whoop» einer frisch verschickten SMS erschallt. Mein Vordermann zückt schon wieder sein Telefon, diesmal um seine Nachrichten zu prüfen.

Die letzten sanften Töne klingen spannungsvoll von den Klaviersaiten, als das Niesen der Person hinter mir den Schlussakkord, und damit wohl auch die Liveaufnahme, versaut. Ist es den Menschen schlichtweg nicht mehr möglich, eine Stunde ohne Husten und Natel still zu sitzen und toller Musik zu lauschen? Davon muss nach dem heutigen Experiment dringend ausgegangen werden … Hatschi.

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

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