Fussball 31.10.2017

Der SC Düdingen zieht die Reissleine

Nach der Beurlaubung Ende der letzten Saison ist es nun definitiv: Martin Lengen ist nicht mehr Trainer des SC Düdingen.
Zwei Spiele vor der Winterpause trennen sich der SC Düdingen und Trainer Martin Lengen per sofort. Beim Tabellenschlusslicht der 1. Liga soll wie bereits im Frühling Joël Durret die Operation «Ligaerhalt» schaffen.

In zwölf Spielen nur gerade ein Sieg, das schlechteste Torverhältnis (14:30), abgeschlagen Letzter in der Gruppe 1 der 1. Liga – die Zwischenbilanz des SC Düdingen ist miserabel. Gestern zog der Club die Konsequenzen: Martin Lengen ist per sofort nicht mehr Trainer des SCD und wird wie im Frühling, als der Berner für das Saisonfinale beurlaubt wurde, durch Joël Durret ersetzt, der seit einigen Jahren mit Erfolg die Inter-A-Junioren des Vereins leitete.

«Den Ausschlag zur Trennung vom Trainer waren einzig die sportlichen Resultate. Wir haben ganz einfach nicht die nötigen Punkte gemacht», sagt Düdingens Co-Präsident Beat Hirschi. «Nichts zu tun hat der Entscheid mit der Person Lengen. Wir haben an seiner Arbeit nichts auszusetzen.» Trotzdem stellt sich nun die Frage, ob es rückblickend nicht die bessere Lösung gewesen wäre, trotz einem weiterlaufenden Vertrag (bis Ende Saison 18/19) mit Lengen bereits letzte Saison, als der Ligaerhalt mit Durret an der Seitenlinie in extremis geschafft wurde, einen Schlussstrich unter die Zusammenarbeit zu ziehen und damit den kompletten Neuanfang zu ermöglichen. «Das war damals die beste Entscheidung für den Club. Wir dürfen nicht vergessen, was Lengen alles für den SC Düdingen geleistet hat. Die Rückrunde der letzten Saison war nur eine Momentaufnahme, wichtiger sind die grossen Erfolge, die wir in seiner fünfjährigen Tätigkeit bei uns feiern konnten.» So führte Lengen die Düdinger in der Saison 13/14 beispielsweise bis in die Aufstiegsrunde der 1. Liga.

Neue Impulse

Die heutige Realität sieht anders aus. Das Ziel für die junge Mannschaft lautete Ligaerhalt. Ein Vorhaben, das bei gut der Hälfte der Saison in akuter Gefahr ist. «Wir wussten alle, dass es hart wird. Dass es aber gleich so schwierig wird, hat mich ein bisschen überrascht. Wir hatten uns den einen oder anderen Punkt mehr erhofft», räumt Hirschi ein. «Aber so ist es halt, wenn man sich in einer Negativspirale befindet. Eine Verletzung hier, eine falsche Schiedsrichterentscheidung da – alles läuft gegen dich, und am Ende stehst du mit nur sechs Punkten da.» Nach der 0:4-Niederlage in Lancy vom Samstag musste eine Entscheidung getroffen werden. «Glauben wir noch an den Klassenerhalt, oder lassen wir es laufen? Wir glauben daran und haben deshalb die Konsequenzen gezogen.» Weil mit Heimspielen gegen Naters und Meyrin im November noch wegweisende Partien bevorstehen, wurde mit dem Entschluss nicht zugewartet. «Gelingt es uns, mit positiven Resultaten in die Winterpause zu gehen, ist noch alles möglich. Mit einem neuen Trainer wollen wir neue Impulse setzen.»

Und wenn beim SCD das Kader ganz einfach nicht über genug Qualität für den Klassenerhalt verfügt? «Ich schätze die Mannschaft als stark genug dafür ein», hält Hirschi, der die Equipe mit zusammengestellt hatte, fest. Nachdem der ehemalige Sportchef René Cavigelli aufgrund der Vorkommnissen rund um die Beurlaubung und die Rückkehr Martin Lengens das Handtuch geworfen hatte, übt Hirschi die Funktion des Sportchefs ad interim aus – und übernimmt deshalb einen Teil der Verantwortung für die ungenügenden Resultate. «Ich bin mit anderen zusammen mitverantwortlich für die Kaderzusammenstellung und stehe dafür hin. Letztlich war ich es, der das Okay für die Transfers gegeben hat.» Hirschi, der noch bis Ende Saison als Co-Präsident amtieren wird, zieht deshalb für sich persönlich ebenfalls die Konsequenzen. «In der Winterpause wird die Stelle des Sportchefs neu besetzt.» Eine Rückkehr Cavigellis sei dabei kein Thema.

Worst-case-Szenario Abstieg

Zurück ist dafür also Durret, der laut Hirschi das Unmögliche noch möglich machen soll. «Er kennt das Team und die Situation.» Zwar sei noch nicht darüber gesprochen worden, Ziel ist aber, dass der bisherige Trainer der Inter-A-Junioren bis Ende Saison das Fanion­team trainieren soll – und wenn möglich darüber hinaus. «Durret ist ein junger Trainer, der modernen Fussball spielen lässt. Wir haben ihn schon lange auf dem Radar. Er ist für uns ganz klar der Trainer der Zukunft.» Durret sei auch der Richtige im Fall des Worst-­case-Szenarios mit dem Abstieg in die 2. Liga interregional.

«Wir wären schon im Frühling auf eine Relegation vorbereitet gewesen und haben auch jetzt wieder einen Plan B in der Tasche. Eine gute Führung zeichnet sich dadurch aus, von Situationen nicht überrascht zu werden. Für den SC Düdingen mit seiner Infrastruktur wäre ein Abstieg nicht ideal, aber auch nicht der Untergang des Clubs. Manchmal braucht es einen Schritt zurück, um zwei Schritte nach vorne zu machen. Aber ich setzte mich mit diesem Szenario noch nicht heftig auseinander. Noch sind 42 Punkte zu vergeben.»

Die so händeringend benötigten Zähler holen soll Joël Durret mit dem vorhandenen Spielermaterial. In der Winterpause würden höchstens punktuell Retouchen am Kader vorgenommen werden, sagt Hirschi. «Wir sind bereits mit 13 neuen Spielern in die Saison gestiegen. Es wäre deshalb ein falsches Signal, nochmals Tabula rasa zu machen.»

Martin Lengen

«Am Ende spricht die Tabelle die Wahrheit»

Der laufende Vertrag mit Trainer Martin Lengen sei in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst worden, hatte Co-Präsident Beat Hirschi am frühen Montagmorgen gemeldet. Was oftmals nur eine Floskel ist, bestätigte Lengen auf Anfrage. «Bereits nach dem Spiel gegen Azzurri (Red.: am 30. September, 1:3-Niederlage) habe ich dem Vorstand mitgeteilt, dass wir darüber sprechen können, wenn der Club das Gefühl hat, dass er etwas machen muss. Nach dem Spiel in Lancy haben wir ein tolles Gespräch gehabt. Es ist der Zeitpunkt, um noch zu reagieren. Es geht jetzt nicht um mich, sondern um den SC Düdingen.»

Er habe von Beginn weg gewusst, dass es eine schwere Saison werde. «Die Partie in Lancy ausgenommen, haben wir zuletzt einen Aufwärtstrend gezeigt. Mit ein bisschen mehr Glück könnten wir sieben bis zehn Punkte mehr auf dem Konto haben. Aber am Ende spricht die Tabelle die Wahrheit.» Die Trennung sei die logische Folge davon. Neben dem Quäntchen Glück habe es dem SC Düdingen an Erfahrung gefehlt. «Wir verfügen nicht mehr über die individuellen Qualitäten eines Gigic, Rotzetter oder Schneuwly. Stattdessen haben in den letzten eineinhalb Jahren 15 Spieler 1.-Liga-Luft geschnuppert, die aus den eigenen Junioren kamen.» Dass all diese Spieler eine gewisse Anlaufzeit benötigen würden, sei allen Beteiligten klar gewesen.

Er habe zusammen mit dem Club probiert, den Weg der Jugend einzuschlagen, und übernehme jetzt die Verantwortung für die aktuelle Situation. Trotz der vorzeitigen Trennung hadert Lengen nicht. «Ich habe Düdingen sehr viel zu verdanken – so wie Düdingen mir.» Die letzte Phase sei weniger gut gewesen, zuvor habe der Club aber die erfolgreichste Zeit gehabt mit dem Fast-Aufstieg in die Promotion League. «Für mich ist der SCD der interessanteste 1.-Liga-Club. Ich bin stolz und glücklich, elf Jahre (Red.: erst als Spieler, dann als Assistenz- und Cheftrainer) Teil dieses Clubs gewesen zu sein.» Sein Nachfolger Joël Durret könne sich freuen, eine solche Top-Möglichkeit zu erhalten.

Der abtretende Trainer glaubt daran, dass der Ligaerhalt für den SCD noch möglich ist. «Wir sind gegen Freiburg – gegen das ich in fünfeinhalb Jahren nie ein Derby verloren habe –nicht abgefallen und mussten gegen YB und Meyrin ungerechtfertigte Elfmeter hinnehmen. Wir waren oft nahe am Sieg dran. Ich hoffe, Düdingen kehrt wieder dorthin zurück, wo es zu sein verdient.» Er selbst werde nun versuchen, etwas Abstand vom Fussball zu gewinnen. «Ich werde das Ganze in Ruhe analysieren und dann schauen, was auf mich zukommt

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«Feuerwehrmann» Joël Durret

«Ich habe absolutes Vertrauen in das Team»

Rund fünf Monate ist es her, seit Joël Durret beim SCD Martin Lengen ein erstes Mal für drei Spiele an der Seitenlinie abgelöst hat. Dank Schützenhilfe und dem 5:1-Sieg gegen Vevey in der letzten Runde hielten die Düdinger in extremis die Klasse. «Ich könnte mir eine schönere Ausgangslage vorstellen, um ein Team zu übernehmen», sagt Durret, der aber nicht lange überlegte, ob er erneut als Feuerwehrmann einspringen soll. «Für mich stand klar das Interesse des Vereins im Vordergrund. Und im Vergleich zum Frühling, als uns vor dem Vevey-Spiel schon alle eine Liga tiefer spielen sahen, ist die Lage diesmal aber weniger prekär. Ich habe viel mehr Zeit. Aber natürlich müssen kurzfristig Resultate her.»

Durret denkt dabei selbstredend an die beiden Heimspiele vor der Winterpause gegen Naters und Meyrin. «Diese Teams gehören nicht zur vorderen Tabellenhälfte. Bis jetzt konnten wir gegen die direkten Konkurrenten nicht viele Punkte holen. Das muss sich ändern.» Dazu zählt Durret auch die ersten beiden Spiele nach der Pause gegen Thun und Portalban.

Zunächst stehe für ihn der mentale Aspekt im Fokus, dann wolle er aber möglichst schnell seine Spielphilosophie einfliessen lassen. «Ich will, dass wir insgesamt mutiger auftreten, mit mehr Ballbesitz und einem höheren Pressing.» Durret ist überzeugt, dass das Team die Qualität für den Ligaerhalt hat. «Sonst hätte ich den Job nicht übernommen. Ich habe absolutes Vertrauen in das Team.»

Durret kann sich gut vorstellen, längerfristig Trainer des SC Düdingen zu werden. «Die ersten zwei Wochen sollen die Basis dazu bilden.»

fs