FREIBURG 10.11.2017

Ein Hauch von 1968 an der Universität

Rund 600 Studierende protestierten gestern gegen die Erhöhung der Semestergebühren.
Etwa 600 Studentinnen und Studenten haben gestern mit einem Marsch von der Uni Miséricorde zum Freiburger Rathaus gegen die Erhöhung der Semestergebühren protestiert. Dies, obwohl der Staatsrat die Erhöhung zwei Tage zuvor bereits abgesegnet hatte.

Rote Fahnen wurden geschwenkt, Pauken geschlagen. Massenweise zirkulierten Astrid-Epiney-Masken, teils mit der Aufschrift «Lügnerin». Parolen wurden in Megafone geschrien und Transparente in die Höhe gehalten, mit Aufschriften wie «Nein zur Erhöhung», «Die Ausbildung verteuern und die Steuern senken? Nein!», «Keine freie Uni ohne freie Gesellschaft» oder «Kein Geld für mehr Gebühren». Es war ein Hauch von 1968, der gestern Nachmittag durch den Innenhof der Universität Miséricorde in Freiburg wehte.

Friedlich verlaufen

Rund 600 Studentinnen und Studenten, Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter und selbst einige Professoren hatten sich hier versammelt, um gegen die Erhöhung der Semestergebühren zu protestieren, die am Dienstag vom Staatsrat abgesegnet worden war (die FN berichteten).

Nach einer ganzen Reihe von Ansprachen setzte sich der Zug in Bewegung, um via St.-Michaels-Gasse und Georges-Python-Platz bis zum Rathaus zu marschieren – begleitet von diskretem Polizeischutz. «Die Demonstration war bewilligt», sagte Polizeisprecher Martial Pugin auf Anfrage. «Wir haben ein entsprechendes Sicherheitsdispositiv vorbereitet. Dabei ging es allerdings mehr um die Sicherung des Verkehrs.» Die Demonstration blieb denn auch friedlich.

«Fait accompli geschaffen»

In der Menge sah man auch einige bekannte Gesichter, so die SP-Grossräte Xavier Ganioz (Freiburg) und Kirthana Wickra­ma­sin­gam (Bulle). «Diese Demonstration ist absolut nötig», sagte Ganioz. «Der Staatsrat hat hier auf dem Verordnungsweg ein Fait accompli geschaffen.» Nächste Woche werde er einen parlamentarischen Vorstoss zum Thema ein­reichen.

Hier geht's zu den Meinungen von Studierenden.

Zu den Rednerinnen gehörte auch Virginie Burri, Gewerkschaftssekretärin beim Verband des Personals öffentlicher Dienste VPOD. «Ich bin heute vor allem hier, um mich für die Doktoranden einzusetzen», sagte sie. «Denn diese mussten bis anhin keinerlei Semestergebühren bezahlen, nun wird für sie eine Taxe von 180  Franken pro Semester erhoben.» Dabei würden Doktoranden ja oft als Angestellte ihre Arbeitsleistung der Universität zur Verfügung stellen. Auch Burri sprach im Übrigen von einem Fait accompli. Dieses hat ihrer Ansicht nach allerdings bereits das Rektorat geschaffen – und dies, ohne mit der Studentenschaft zu diskutieren. Aber auch der Staatsrat habe sich sehr schnell entschieden.

«Wir bedauern dieses Timing»

«Der Staatsrat hat die Argumentation des Rektorats eins zu eins übernommen», sagte Jean-Thomas Vacher, Co-Präsident der Studierendenschaft der Uni Freiburg (Agef), welche die Demonstration organisiert hatte. «Und dies unmittelbar vor unserer Demonstration. Wir bedauern dieses Timing sehr.» Vacher beklagte sich auch über das Rektorat; dieses agiere «ausschliesslich unilateral» und informiere bloss, statt auch die Studentenschaft zu konsultieren. Dass Rektorin Astrid Epiney an der De­mon­stra­tion nicht erschienen sei, erstaune ihn daher nicht.

Nutzlos sei dieser Marsch keinesfalls, auch wenn der Staatsrat bereits einen Entscheid gefällt habe – im Gegenteil. Denn noch bestehe die Möglichkeit, dass der Grosse Rat entsprechend interveniere. «Die Erhöhung der Semestergebühren bedeutet einen klaren Verlust an Attraktivität für die Universität Freiburg», so Vacher. «Für viele Studierende bedeutet sie auch eine Verlängerung der Ausbildung, weil sie mehr Zeit für Nebenjobs aufwenden müssen.» Es sei aber auch eine Frage des Prinzips. «Denn aus der Ausbildung wird auf diese Weise eine persönliche Investition gemacht – statt einer kollektiven Investition ins gemeinsame Wohl aller.» Es gehe dem Studentenverband Agef mit seinem Protest im Übrigen nicht nur um die gegenwärtigen Studenten, sondern auch um zukünftige Generationen. «Wir sind unterwegs zu einem neuen bildungspolitischen Neoliberalismus, und das ist ein grosses Problem», bemerkte Vacher dazu.

Natürlich gebe es Finanzhilfen für Studentinnen und Studenten, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind. Aber diese Möglichkeit werde viel zu wenig bekannt gemacht. Ausserdem seien es gegenwärtig lediglich 170 Studierende, denen die Universität die Studiengebühren erlassen habe.

«Freie Meinungsäusserung»

Astrid Epiney, die Rektorin der Universität, liess gestern die Vorwürfe der Studierendenschaft im Gespräch mit den FN nicht unerwidert. «Selbstverständlich dürfen die Studierenden diese Demonstration durchführen», betonte sie, «sie haben ein Recht auf freie Meinungsäusserung.» Die Demonstration sei im Vorfeld korrekt angemeldet worden, und die Universität stelle den Demonstrierenden die Lokalität und auch Tische zur Verfügung. Bezüglich des Entscheids zur Erhöhung der Semestergebühren verwies Epiney auf den Staatsrat. Dies sei dessen Entscheidung gewesen, wobei für den entsprechenden Antrag des Rektorats aus ihrer Sicht nach wie vor gute Gründe sprechen. «Es ist unsere Pflicht, ein gutes Lehr- und Forschungsangebot sicherzustellen, auch und gerade zugunsten der Studierenden», sagte die Rektorin.

Dass bei einer Mehrheit der von den FN befragten Studenten die Eltern deren Studium finanzieren (siehe unten), überrascht die Rektorin nicht. «Gleichwohl gibt es viele Studierende, die nebenbei arbeiten und auf diese Weise zu ihrem Lebensunterhalt beitragen», sagte sie. In der Tat sei eine Gebührenerhöhung für die Betroffenen immer unangenehm, räumte Epiney ein. Allerdings sei diese Erhöhung – die unter dem Strich 30  Franken mehr pro Monat bedeute – für die ganz grosse Mehrheit der Studierenden zumutbar und werde wohl niemanden davon abhalten, in Freiburg zu studieren. Sicher gebe es gewisse Studierende, die weder von ihrer Familie noch durch Stipendien ihrer Heimatkantone Unterstützung erhielten. Diese Studierenden hätten aber schon heute die Möglichkeit einer reduzierten oder erlassenen Semestergebühr – oder sogar einer zusätzlichen finanziellen Unterstützung durch den Dienst Uni-Social, und dies selbst dann, wenn sie keinen Anspruch auf ein Stipendium in ihrem Heimatkanton hätten.

«Wir haben uns nach den jüngsten Diskussionen um die Gebührenerhöhung vorgenommen, die Studierenden noch besser über diese verschiedenen Möglichkeiten der finanziellen Hilfe zu informieren», so Epiney.

Sozialdemokraten

«Wir weisen die Erhöhung der ­Gebühren zurück»

Die SP des Kantons Freiburg reagierte vorgestern mit einem Communiqué auf den staatsrätlichen Entscheid, die Semestergebühren der Universität Freiburg zu erhöhen. «Die SP weist diese Position zurück und wird sich auf dem parlamentarischen Weg an der Grossratssession kommende Woche dagegen wehren», heisst es darin. Die Studierenden hätten schon heute beträchtliche Lebenshaltungskosten zu tragen, unter anderem für Unterkunft, Krankenkasse oder Transport. Dazu kämen weitere, direkt ans Studium gebundene Kosten, etwa für Bücher oder Prüfungsgebühren. Eine Erhöhung der Semestergebühren bringe eine grosse Anzahl Studierende in finanzielle Schwierigkeiten.

jcg