Kritik 03.01.2018

Melodienpracht und eigenwillige Unterhaltung

Die Koloratursopranistin Serenad Burcu Uyar sorgt in der Rolle der todgeweihten Antonia für ergreifende Momente.
Die 32. Auflage der Oper Freiburg bringt Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» ins Equilibre und damit an Silvester ein volles Haus.

Hoffmanns Muse tritt vor den Vorhang und verkündet: «Berauscht euch ohne Unterlass, ob mit Wein, Poesie oder Tugend.» Der Rausch als ein bisschen Urlaub vom Leben? Ein passendes Credo zum Silvesterabend? Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine dunkle Taverne. Am grossen Biertisch sitzen allerlei Sonderlinge. Studenten, die mit Hoffmann zechen, damit der Dichter seinen Kummer über die unglücklichen Liebschaften vergessen kann. Zur Stelle ist auch Lindorf, Hoffmanns bühnenwirksamer teuflischer Gegenspieler, den der klangvolle Bariton Christophe Lacassagne frostig und heissglühend ins Spiel bringt. Er bittet den Dichter, seine Liebesgeschichten zu erzählen. Die Seelenwelt des Dichters tut sich auf.

Leben und Leiden eines Künstlers

Hoffmanns Erzählungen ist ein vielschichtiges Werk, das Leben und Leiden eines Künstlers reflektiert. Den komplexen Geschichten vermag man aber kaum ganz zu folgen. Um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fokussieren, haben die Regisseure Oliver Desbordes und Benjamin Moreau – sie führten in Freiburg zum dritten Mal Regie – den Kneipentisch zu einer Zirkusmanege erhoben. Darauf bewegen sich die Hauptfiguren. Doch die Fokussierung gelingt nicht durchwegs. Zu verzwickt sind die drei Frauengeschichten. Zu wild die zahlreichen Nebenaktionen.

Regisseure und SolistInnen aus Frankreich prägen die Aufführung. Jean-Noel Briend verkörpert den Dichter Hoffmann mit dynamisch ausdrucksstarkem Heldentenor-Timbre, der allerdings gewöhnungsbedürftig ist. Grossartig gesungen ist die Figur der Muse von der Mezzosopranistin Lamia Beuque. Schlau und bezwingend treibt sie den Dichter immer wieder an.

Drei Frauengeschichten

Im ersten Akt tritt Olympia, Hoffmanns grosse Liebe, in die Manege: eine bezaubernd aussehende mechanische Puppe, eine fast perfekte Schöpfung des Physikers Spalanzani (Yannik Badier). Hoffmann nimmt sie durch eine «rosa Brille» als echte Frau wahr. Elodie Ada Tuca als Olympia beeindruckt mit einer unglaublich kräftigen Koloraturstimme.

Der zweite Akt führt nach Venedig zur Kurtisane Giulietta: Mit der «Barcarole», dem Lied der Liebe, verzaubert die Sopranistin Charlotte Despaux das Publikum. Nebenbuhler, Duell und ein vergifteter Kelch sorgen für Turbulenzen.

Szenisch ist der dritte Akt der schönste. Die Manege ist mit einem immensen purpurroten Tuch bedeckt. Aus diesem Rot erhebt sich die von Hoffmann geliebte Antonia im weissen Brautkleid. Doch die Frau ist gefangen. Das rote schwere Tuch schlingt sich immer enger um ihren Köper. Sie muss sterben, weil sie singt. Die türkische Koloratursopranistin Serenad Burcu Uyar sorgt in der Rolle der Todgeweihten für ergreifende Momente.

«Die Geschichte stellt den Moment dar, in dem der Schaffende dem Wahnsinn nah ist.»

Olivier Desbordes und Benjamin Moreau

Regisseure

 
 

Dass auf dieses Bild ein trockener Epilog folgen muss, der die Zuschauer wieder in die Weinstube zurückführt, ist schade, zerstört er doch den faszinierenden Zauber. Will es so die Vorlage?

Exzellenter Chor – engagiertes Orchester

Offenbachs Musik bietet zweifelsohne Melodienpracht: Laurent Gendre bietet mit dem professionellen Kammerorchester Freiburg einen starken Abend: mit viel Esprit, Präzision und betörenden Klangfarben. Auch der Chor – mit Freiburgerinnen und Freiburgern – ist ein klangstarkes, ausgewogenes Ensemble.

Offenbachs letztes Werk

Was bringt uns diese Oper? Welche Reflexionen stellen sich ein in Bezug auf unsere Wirklichkeit? «Diese Geschichte kann nicht einfach in die Moderne gezerrt werden, sondern stellt den Moment dar, in dem der Schaffende dem Wahnsinn ganz nahe ist und im Nebel seiner Träume ertrinkt», schreiben die Regisseure. Man müsse die Geschichte erspüren, nicht verstehen.

Dass Freiburg seit über 30 Jahre eine Oper auf die Bühne bringt, ist vorab dem Präsidenten Alexandre Emery und seinem Team zu verdanken. Vorbildlich auch das zweisprachige Programm und die zweisprachig eingeblendeten Untertitel. Dass das Konzept «Silvester und Oper» weit über die Kantonsgrenzen ausstrahlt, haben am Sonntag die vielen auswärtigen Gäste gezeigt.

Weitere Aufführungen: Freitag, 5., Sonntag, 7., Freitag, 12., Sonntag, 14. Januar

Hintergrund

Zur Entstehung von Offenbachs letzter Oper

Das Libretto von «Hoffmanns Erzählungen» basiert auf einem Schauspiel mit Erzählungen des deutschen Schriftstellers und Juristen E.T.A Hoffmann. Offenbach bat den Verfasser Jules Barbier, daraus das Opernlibretto zu schreiben. Das Werk wurde 1881 in Paris uraufgeführt.

Mit der Aufführungsgeschichte dieser Oper sind Katastrophen verbunden. 1881 ging das Ringtheater in Wien während einer Vorstellung in Flammen aus. Sechs Jahre später vernichtete ein Brand in der Pariser Opéra Comique das Orchestermaterial. Offenbach hat das alles nicht mehr erlebt. Der deutsch-französische Komponist und Cellist war schwer krank, als er die Oper schrieb. Er starb 1880. «Hoffmanns Erzählungen» blieben unvollendet. Doch lagen zahlreiche Varianten und Fassungen vor. Das führt dazu, dass die Produktionen immer wieder anders sind. Freiburg hat sich für die Version mit gesprochenen Dialogen des Verlegers Choudens entschieden, der sich nach dem Tode Offenbachs um die fehlenden Teile kümmerte.

il