Kritik 25.09.2017

Wenn die Kollegiumskirche zum Tanzsaal wird

Die acht Tänzerinnen von Da Motus sorgten in der Kollegiumskirche für ein aussergewöhnliches Orgelfestival.
Der Auftritt von Da Motus am Freitag war ein kühnes Unterfangen und eindeutig ein Höhepunkt des 20. Orgelfestivals.

Erotischer Tanz von Frauen in den heiligen Hallen der Barockkirche des Kollegiums Sankt Michael: Hätte man sich das vor zehn, zwanzig Jahren vorstellen können? Sicher nicht. Mit der Kreation «Movimento en orgue» hat das internationale Orgelfestival wahrhaftig etwas gewagt. Inspiriert vom virtuosen und vielschichtigen Spiel des Organisten Pier Damiano Peretti füllten acht rot gekleidete Tänzerinnen den Raum mit Spannung, Farbe und Bewegung und fesselten so das Publikum.

Rot der Vorhang des Beichtstuhls, rot die Bekleidung der Kardinäle, rot die omnipräsente Farbe des Kirchenstaates. Darum auch rot das schwingende Kleid der Tänzerinnen. Für Antonio Bühler und Brigitte Meuwly, Künstlerische Leiter von Da Motus, haben die Frauen Symbolcharakter. «In einer Institution, die vom männlichen Element und gar von Frauenfeindlichkeit geprägt ist, wollen wir der Feminität einen Platz einräumen», erklärte Bühler.

Drei Choreografien dialogisierten mit zeitgenössischer Orgelmusik: Im ersten Auftritt «Armonia delle sfere» verteilten sich die Tänzerinnen im Kirchenraum und brachten – jede auf eigene Art – Geist und Körper in Einklang mit dem imposanten Orgelwerk von György Ligeti. Im Chor, im Beichtstuhl, hinter dem Gitter der Seitenkapelle agierten die Tänzerinnen. Auf der Kanzel die Freiburgerin Nicole Morel. Das Publikum war gebannt und bewegte sich behutsam im abgedunkelten Kirchenraum von Frau und zu Frau, wie in einem Museum von Bild zu Bild. «Wir wollen die Fantasie anregen, aber kein bestimmtes Bild auslösen», sagt die 25 jährige Tänzerin Jenna Hendry nach der Aufführung. Doch die Message war klar: Gefangen ist die Frau.

Anders im Teil zwei dem «Movimento ed estasi». Peretti, Professor an der Musikhochschule Wien, spielte ein Werk des zeitgenössischen österreichischen Komponisten Wolfram Wagner. Eine Musik voller Poesie, die die verzückten Tänzerinnen – estasi eben – am Schluss zu einer innigen Umarmung animierte, ohne sich zu berühren oder sich zu nahe zu treten. Auch das ein Symbol?

Im dritten Auftritt gab der estnische Komponist Aro Pärt den Ton an. Ein Werk, dessen Schlichtheit und Reduktion auf das Wesentliche der Organist wunderbar zur Geltung brachte. Die Tänzerinnen stiegen zu zweit auf vier Tische, die verteilt im Raum standen. Begaben sich in die Froschperspektive, um mit sukzessiv ausladenden Bewegungen mehr Platz einzunehmen: Frau zeigt Stärke, Wille und Präsenz.

Fesselnde Magie

Die ausgezeichnete Choreografie von Da Motus, Träger des Kulturpreises des Kantons Freiburg 2014 sowie des Schweizer Tanzpreises 2015, war eindeutig ein Höhepunkt am internationalen Orgelfestival, das seine 20 Jahre feierte. Aber auch die Orgelwerke von Nadia Boulanger und Ottorino Respighi als Intermezzi unterstrichen die fesselnde Magie in der Kollegiumskirche. Einzig die etwas farblose Fantasie von César Franck hätte man aus dem Programm streichen können, zumal aufgrund einer Orgelpanne die Zeit schon vorgerückt war.

Intensives Erlebnis

Doch die einzigartige Performance im ungewohnte Umfeld hat die Musik intensiver erleben lassen: Man sah etwas, das man hörte, und man hörte, was man sah. Möge Solches wieder geschehen.

20. Internationales Orgelfestival

Festival im Zeichen der Vielfalt und der Innovation

Ruth Lüthi, Präsidentin der Orgelakademie, zieht eine sehr positive Bilanz des 20. Orgelfestivals: «Zu diesem Jubiläumsjahr hat das Festival mit einem vielfältigen und kreativen Programm aufgewartet, das von ausgezeichneten Musikern und Musikerinnen getragen wurde», sagt sie. Schon das Eröffnungskonzert mit der Aufführung von Bachkantaten für Alt und Orgel durch Marie-Claude Chappuis, Maurizio Croci und dem Barockorchester Harmonices Mundi habe ein grosses Publikum angelockt und begeistert. «Das Zusammenspiel von zeitgenössischer Orgelmusik, modernem Tanz und dem barocken Rahmen der Kollegiumskirche hat neue Dimensionen der Orgelmusik aufgezeigt und tief beeindruckt», erklärt sie zur Zusammenarbeit mit der Tanzgruppe Da Motus. Der Organist Arvid, Gast aus Lübeck, habe in der Kathedrale sein Publikum in den Bann gezogen. Die Qualitäten der Chororgel von Manderscheidt und der grossen Orgel von Alois Mooser habe er voll zum Ausdruck bringen können. Das erste Festivalwochenende wurde mit einem Chorkonzert in Plaffeien abgeschlossen. Der Freiburger Chor Divertimento Vocale habe zusammen mit der Organistin Ekaterina Kofanova das Publikum begeistert.

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«Wir wollen die Fantasie anregen, aber kein bestimmtes Bild auslösen.»

Jenna Hendry

Tänzerin