Freiburg 26.07.2017

«Wir spielen aus dem Herzen heraus»

Familientradition: Patrick Waser musiziert gemeinsam mit seinem Vater Martin. Den ersten öffentlichen Auftritt hatte Patrick mit zwölf.
Heute zeigt das Openair-Kino Freiburg den Dokumentarfilm «Unerhört Jenisch». Einer der Protagonisten ist der Bündner Schwyzerörgeli-Virtuose Patrick Waser. Die FN trafen den 26-Jährigen zum Interview.

Tattoos, Piercings und ein Basecap: Einen Ländlermusiker stellt man sich anders vor. Der Bündner Schwyzerörgeli-Spieler Patrick Waser sprach mit den FN über Volksmusik, Hip-Hop und seine jenischen Wurzeln.

 

Patrick Waser, schon als Kind wünschten Sie sich ein Spielzeug-Schwyzerörgeli. Mit diesem «begleiteten» Sie Ihren Vater und Ihren Onkel an Konzerten. Was fasziniert Sie an Ihrem Instrument?

Man kann auf dem Schwyzerörgeli alles spielen, auch Rock und Pop. Das ist allerdings recht schwierig. Das Instrument ist so gestimmt, dass es sich mehr für Ländler eignet. Fast alle in meiner Familie spielten übrigens Schwyzerörgeli, auch meine Grossmutter.

 

Welche Songs spielen Sie denn zum Beispiel?

Das letzte Stück, das ich einstudiert habe, ist der aktuelle Latin-Sommerhit «Despacito». Wenn ich mit meinem Vater und den Bündner Spitzbuaba auf der Bühne stehe, spiele ich neben Ländler momentan viel Schlager. Das ist gerade sehr gefragt. Mindestens die Hälfte des Programms müssen allerdings Ländler sein.

 

Was viele nicht wissen: Die Jenischen haben die Schweizer Ländlermusik deutlich mitgeprägt.

Es steht eine ganze Kultur dahinter. Vom Musiker Othmar Kümin, der ebenfalls jenische Wurzeln hat, habe ich uralte Stücke gelernt. Es ist eine Tradition, die auch ich weitergeben möchte. Bald werde ich heiraten, und ich möchte die Stücke auch meinen zukünftigen Kindern beibringen; natürlich nur, wenn sie das auch wollen. Die Tradition hat für mich eine grosse Bedeutung. Ich möchte, dass diese Musik weiterlebt. Dass wir die Schweizer Musiktradition mitgeprägt haben, macht mich schon stolz. Früher wurden Jenische als Abschaum bezeichnet. Einige unserer Leute – fahrend oder nicht fahrend – haben jedoch auch dazu beigetragen, unseren Namen kaputtzumachen. Es gibt auch bei uns gute und schlechte Leute.

Man sagt Ihrer Musik ja diesen typischen «jenischen Schwung» nach. Was macht diesen aus?

Das fragen alle [lacht]! Es ist einfach ein «gewisses Etwas», das ich aber auch nicht erklären kann. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir nicht nach Noten spielen, sondern aus dem Herzen heraus. Wenn ich Musiker spielen höre, kann ich sofort sagen, ob es Jenische sind oder nicht.

Basecap, Piercings, Tattoos: So stellt man sich keinen typischen Ländlermusiker vor ...

Auch das höre ich oft! Ich höre privat andere Musik, zum Beispiel Latin, House oder Hip-Hop. Schon durch die Auftritte bin ich oft an Veranstaltungen, an denen viel Ländler gespielt wird, da brauche ich auch mal etwas Abwechslung.

Der bekannte Musiker Stephan Eicher ist ein entfernter Verwandter von Ihnen. Er hat Sie und Ihren Vater im Rahmen des Films für ein gemeinsames Projekt in sein Haus in die Camargue eingeladen. Wie war die Zusammenarbeit?

Es war cool zu erfahren, dass wir entfernte Verwandte sind. Stephan Eicher ist sehr sympathisch. Er ist ein ruhiger Mann, arbeitet äusserst konzentriert. Er hat viel mit mir über die Musik diskutiert. Bis wir zusammen spielen konnten, brauchten wir allerdings einige Zeit. Lange waren wir uns nicht einig, wie. Dann spielte ich ein Zigeunerstück, und es ging plötzlich wie von alleine.

Der Trailer zum Film "Unerhört Jenisch".

Mit welchem anderen Künstler würden Sie gerne als Nächstes auf der Bühne stehen?

Am liebsten mit den Rappern Stress oder Bligg, das ­wäre recht cool.

Sie wohnen mit Ihrer Partnerin in Solothurn. Fehlen Ihnen als Familienmensch Ihre Verwandten im Bündnerland nicht?

Ich sehe die Familie ja fast jedes Wochenende und fahre oft hin wegen den Auftritten mit den Bündner Spitzbuaba.

«Unerhört Jenisch» läuft heute Abend im Openair-Kino Freiburg (ca. 21.30 Uhr).

Der Film

Stephan Eicher auf der Suche nach seine jenischen Wurzeln

Schon immer hat der bekannte Schweizer Musiker Stephan Eicher damit kokettiert, jenische Wurzeln zu haben. Im Dokumentarfilm «Unerhört Jenisch» (2016) geht er gemeinsam mit seinem Bruder Erich auf Spurensuche: Und er wird fündig, im Bündner Dorf Obervaz, wo die sesshaften jenischen Familien Waser, Kollegger und Moser zu Hause sind. Der Film führt jedoch nicht nur zu den Wurzeln der Eichers, sondern macht den Zuschauer mit der lebendigen Musiktradition der Jenischen in der Schweiz bekannt. Was vielen vielleicht unbekannt ist: Die Jenischen prägten unter anderem die Schweizer Ländlermusik deutlich mit. «Wir möchten mit unserem Film den Fokus auf den Reichtum lenken, den die Jenischen zur Schweizer Kultur beigetragen haben», sagt Co-Regisseurin Martina Rieder gegenüber den FN. Streit über die Wurzeln des Ländlers möchten die beiden Filmemacherinnen Martina Rieder und Karoline Arn keinen entfachen. «Es ist schwierig zu sagen, wie die Schweizer Volksmusik entstanden ist. Tanzmusik zu machen, war allerdings lange Zeit nur Ausgegrenzten möglich», so Rieder. Der Grund: Unterhaltungsmusik galt als lasterhaft, weil sie die Menschen zum Tanzen, Feiern und Trinken animiere. Das stand den bürgerlichen Werten im 19. Jahrhundert diametral entgegen. Mit einer tragischen Folge: Die Jenischen schämten sich oft für ihre Musikkultur, anstatt stolz darauf zu sein. Der Film «Unerhört Jenisch» ist trotz einiger Längen sehenswert und rückt einen wichtigen Teil der Schweizer Kultur- und Sozialgeschichte in den Fokus.

ea