Granges-Paccot 29.12.2017

«Der Beruf des Polizisten ist faszinierend»

1981 ist der Greyerzer Pierre Schuwey ins Freiburger Polizeikorps eingetreten. Seit 2012 ist er Kommandant der Kantonspolizei. Nach sechs Jahren an der Spitze tritt der 60-Jährige Ende Jahr in den Ruhestand. Mit den FN zog Schuwey Bilanz.

Erst vor ein paar Wochen hat Polizeikommandant Pierre Schuwey sein Büro im neuen Kommandogebäude der Freiburger Kantonspolizei in Granges-Paccot bezogen. Nicht für lange Zeit, denn Ende Jahr geht er in Pension. Für das neue Gebäude kann er nur schwärmen – auch weil es mit einheimischem Holz erstellt wurde und weil es wegen der Nachhaltigkeit ein Vorzeigeobjekt für den Kanton ist. Im Interview mit den FN zieht der abtretende Kommandant der Freiburger Kantonspolizei Bilanz über seine 36-jährige Karriere bei der Polizei.

Pierre Schuwey, mit was für einem Gefühl räumen Sie Ende Woche Ihr Büro? Was für ein Polizeikorps übergeben Sie Ihrem Nachfolger Philippe Allain?

Ich kann meinem Nachfolger ein Polizeikorps übergeben, das sehr motiviert, gut ausgebildet und gut organisiert ist. Ein Korps, das die Herausforderungen, die heute an die Polizeikorps gestellt werden, annimmt. Und ich übergebe das Büro mit dem Gefühl, meine Arbeit getan zu haben.

Nachfolger Philippe Alain im Videointerview bei seiner Ernennung:

Der Grosse Rat hat vor einiger Zeit eine Personalaufstockung um 43 Einheiten auf 570 Polizisten bewilligt. Aber ganz zufrieden können Sie damit nicht sein, denn Sie hatten auch zusätzliche Kräfte in zivil als Spezialisten für die Cyberkriminalität, für die Informatik und für die Vergehen im Finanzbereich gefordert.

Ja, der Grosse Rat hat die Aufstockung auf 570 Polizisten bewilligt. Damit liegen wir in der Westschweiz gemessen an der Bevölkerung mit 572 Einwohnern auf einen Polizisten aber immer noch am Ende der Tabelle. Im Schweizer Schnitt kommen 453 Einwohner auf einen Polizisten. Wir werden nun in den nächsten Jahren jeweils 30 Aspirantinnen und Aspiranten ausbilden. Gleichzeitig werden aber rund 20 Polizisten pro Jahr das Korps verlassen, dies wegen Pensionierungen oder aus anderen Gründen. Leider stellen wir fest, dass sich nicht genügend deutschsprachige Kandidaten melden, wohl wegen der Sprache. Gehaltsmässig sind wir sicher konkurrenzfähig mit den anderen Kantonen. Wir können aber nicht mit den Gehältern des Bundes mithalten, weshalb immer wieder einige Angestellte nach Bern ziehen. Was die Anstellungen von zivilen Spezialisten im Bereich der Informatik, der Cyberkriminalität oder der Finanzdelikte betrifft: Diese fallen unter das allgemeine Personalbudget des Staates. Und da hat der Staatsrat einen Personalstopp verhängt.

 

Aber gerade was die Cyberkriminalität, die Bekämpfung des Terrorismus oder des Finanzbetrugs anbelangt, wären diese Stellen ja sehr wichtig?

Gewiss, aber wir haben heute rund 150 Personen in zivil angestellt und versuchen wenn möglich, bei einem Weggang einer Person diese durch einen Spezialisten zu ersetzen. So suchen wir aktuell zwei Finanz- und sechs Informatik-Experten. Gerade im Bereich der Cyberkriminalität haben wir grosse Anstrengungen unternommen. Da müssen beispielsweise die Handydaten eines Einbrechers entziffert werden. Wir unterstützen aber alle Polizisten, um sie in diesem Bereich fortzubilden.

 

«Hat eine Handlung eines Polizisten Strafcharakter, so wird der Fall analysiert.»

Pierre Schuwey

Scheidender Polizeikommandant

 

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr eines terroristischen Anschlags in Freiburg ein?

Eine solche Gefahr kann nie ausgeschlossen werden. Wir haben im Jahr 2015 Anstrengungen unternommen, damit die verschiedenen Dienste besser miteinander kooperieren, vor allem auch mit dem Nachrichtendienst des Bundes. Wir wissen, dass sich in der Schweiz rund 90 Leute der Terrororganisation IS angeschlossen haben. Einige sind gestorben, andere befinden sich nach wie vor im Ausland, und einige sind in die Schweiz zurückgekehrt. Es ist nicht auszuschliessen, dass sich unter ihnen auch Freiburger befinden. Wir haben alle Polizisten in der Bekämpfung von terroristischen Anschlägen ausgebildet, und wir haben einen permanenten Stab formiert. Vernimmt ein Polizist, dass sich da oder dort verdächtige Personen aufhalten, so muss er dies dem Stab melden, der dann der Sache auf den Grund geht.

 

Sie haben aber auch Vorkehrungen getroffen, wenn Grossereignisse anstehen?

Ja, als Beispiel sei hier die St.-Nikolaus-Feier in der Stadt Freiburg erwähnt, wo sich Tausende von Menschen ansammeln. Da erwartet die Bevölkerung von uns, dass wir die Zugangsstrassen absperren, damit keine Lastwagen in die Menge fahren können. Würden wir dies nicht tun, so hätten die Zuschauer kein Verständnis dafür, dass wir nicht vorkehrende Massnahmen treffen.

 

In Ihrer früheren Tätigkeit als Chef der Freiburger Gendarmerie haben Sie grosses Gewicht auf die Sicherheit der Strassen gelegt. Was haben Sie dabei erreicht?

In den 70er-Jahren gab es auf den Freiburger Strassen jährlich rund 70 Tote. Heute sind es noch sieben bis acht. Gegenüber dem Vorjahr sind heuer die Unfälle um acht Prozent zurückgegangen. Natürlich haben auch die besseren Strassen und die sichereren Autos dazu beigetragen. Aber wir haben gemacht, was zu tun war. Und dies mit vernünftigen Massnahmen, ohne Fallen zu stellen. Wir sind auf den Strassen präsent, man sieht uns. Auf gewissen Strecken, die zum Schnellfahren einladen, machen wir systematische Kontrollen. Dabei wollen wir vor allem jene Lenker sanktionieren, die auf einer 80er-Strecke mit 140 bis 160  km/h unterwegs sind. Aber die Ordnungsbussen, die wir verhängen und die jährlich rund sieben Millionen Franken ausmachen, sind im Vergleich zu anderen Kantonen im unteren Bereich. Es ist nicht so, dass der Kanton uns aufruft, vermehrt Kontrollen durchzuführen, damit er Mehreinnahmen generieren kann.

Drogenhandel – ist das ein wichtiges Thema in Freiburg?

Durchaus. Je mehr Kontrollen wir machen, desto mehr stellen wir fest, dass es einen Markt dafür gibt und dass viele Freiburger Drogen konsumieren. Aber es gibt keine bestimmten Plätze zum Beispiel in der Stadt Freiburg, wo mit Drogen gehandelt wird. Dafür haben wir auch mit unseren zivilen Polizisten gesorgt.

«Der Respekt vor Amtspersonen ist heute verloren gegangen. Das trifft aber nicht nur auf die Polizisten zu.»

Pierre Schuwey

Scheidender Polizeikommandant

 
 

Sie konnten vermelden, dass die Zahl der Einbrüche in letzter Zeit zurückgegangen ist. Weshalb?

Bei den Einbrüchen stellen wir fest, dass deren Anzahl gewissen Zyklen unterworfen ist. Manchmal nehmen sie zu, manchmal wieder ab. Es ist aber eine Tatsache, dass es ausländische Banden heute schwieriger haben, in die Schweiz einzudringen, wenn sie es über Frankreich versuchen. Einige Banden konnten wir auch verfolgen und dingfest machen.

 

Sie haben schon mehrmals erwähnt, dass das Problem der Polizei die 24-­Stunden- ­Gesellschaft sei. Was heisst das?

Früher war es zu Beginn der Woche eher ruhig. Heute ist die Polizei während sieben Tagen in der Woche permanent im Einsatz. Es kann auch am Montagabend zu Streitereien kommen. Zugenommen hat auch die häusliche Gewalt. Täglich müssen unsere Polizisten fast zweimal deswegen ausrücken. Diese Vergehen werden heute des Amtes wegen verfolgt.

 

Oft hat man das Gefühl, dass der Respekt vor der Polizei heute verloren gegangen ist. Stellen Sie das auch fest?

Ja, der Respekt vor Amtspersonen ist verloren gegangen, aber das trifft nicht nur auf die Polizisten zu, das gilt auch für Politiker, Behörden, Lehrpersonen. Das ist unsere heutige Gesellschaft.

 

Inwiefern hat sich in diesem Zusammenhang das Konzept der bürgernahen Polizei bewährt?

Es hat sich gut bewährt. Wir haben dieses Konzept von Kanada übernommen. Die bürgernahe Polizei ist vor allem da, um Probleme zu lösen, wenn es solche gibt – wenn zum Beispiel Jugendliche auf einem öffentlichen Platz Lärm verursachen. Im gemeinsamen Gespräch mit den Jugendlichen werden Alternativen gesucht. Und die Leute können sich auch an die mehr als 100 bürgernahen Polizisten wenden, wenn sie Probleme haben.

 

In Ihrer sechsjährigen Amtszeit als Kommandant sorgte die Polizei kaum für negative Schlagzeilen. Auch haben Sie nicht versucht, Straffälle innerhalb der Polizei zu vertuschen – etwa wenn zwei Polizisten einen Strafgefangenen verprügeln.

Die Regeln sind klar. Hat eine Handlung eines Polizisten Strafcharakter, so wird der Fall analysiert. Ist eventuell ein Straftatbestand gegeben, so muss ich den Fall zwangsläufig an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Auch wenn ich unsicher bin, informiere ich sie. Danach liegt die Angelegenheit nicht mehr in der Kompetenz des Kommandanten. Die Staatsanwaltschaft entscheidet dann, ob ein Straffall vorliegt. Da bin ich streng, aber ich handle auch menschlich und helfe, wenn ich es kann. Wir haben ein ausgezeichnetes Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft, und wir respektieren uns gegenseitig. Genauso haben wir auch ein gutes Vertrauensverhältnis zum Staatsrat. Ich habe mit viel Freude mit Staatsrat Erwin Jutzet und nun auch mit Maurice Ropraz zusammengearbeitet. Wir haben auch viele Anstrengungen unternommen, um die Medien und somit die Bevölkerung besser zu informieren.

 

Wenn man Sie so hört, dann haben Sie den Traumberuf ergriffen und würden ihn nochmals ergreifen.

Mein Vater war Polizist, und da gab es für mich nichts anderes, als auch Polizist zu werden. Und ich habe es auch nicht bereut. Ich habe in den 36  Jahren als Polizist drei Berufe ausgeübt. Zuerst war ich in der Kriminalpolizei und habe dort wissenschaftliche und juristische Untersuchungen zu Kriminalfällen durchgeführt. Dann wurde ich Chef der Gendarmerie und nun zuletzt Kommandant der Freiburger Polizei. Dabei konnte ich mit vielen Persönlichkeiten aus der Politik und Wirtschaft in Kontakt treten. Ich durfte auch die wahren Werte der Freiburgerinnen und Freiburger kennenlernen, ihnen mit Respekt, mit Vernunft, mit Pragmatismus und mit Einfachheit begegnen. Ich durfte auch viele Höhepunkte erleben, wenn ich etwa an das Eidgenössische Schwingfest in Estavayer-le-Lac oder an die Tour de France in Freiburg denke. Natürlich wird man auch mit menschlichen Dramen konfrontiert, aber den Beruf des Polizisten würde ich jederzeit wieder ergreifen.

Zur Person

Eine 36-jährige Polizeikarriere

Pierre Schuwey wurde 1957 im Greyerzerland geboren. Seine Kindheit verbrachte er unter anderem im Kanton Neuenburg. Heute lebt der verheiratete Vater von zwei Kindern in Grolley. Er studierte an der Universität Lausanne Kriminologie und trat 1981 in das Freiburger Polizeikorps ein. Er wurde dann bei der Kriminalpolizei Chef des kriminaltechnischen Dienstes, bevor er 1993 die Leitung der Gendarmerie übernahm. Auf interkantonaler Ebene hatte Pierre Schuwey von 2002 bis 2009 die Führung der Westschweizer Gruppierung Ordnungsdienst GMO inne und leitete so zahlreiche Einsätze von erstrangiger Bedeutung, etwa im Rahmen des WEF in Davos, der Euro 2008 oder des G8-Gipfels in Evian. Im Jahr 1993 wurde er Vizekommandant der Freiburger Kantonspolizei, 2012 Kommandant.

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