Weihnachtsbaum 20.12.2017

«Der Christbaum, die eierlegende Wollmilchsau»

Der unförmige, ausgedünnte Weihnachtsbaum von damals hat bei den Konsumenten von heute keine Chance mehr. Die Ansprüche sind gross, und der Kauf des Christbaums ist zu einer Gewissensfrage geworden.

Die Dachorganisation der schweizerischen Christbaumproduzenten, IG Suisse Christbaum, geht davon aus, dass rund 1,2 Millionen Tannen zu Weihnachten in den Schweizer Stuben stehen. Das Aussuchen des passenden Weihnachtsbaumes ist für viele Konsumentinnen und Konsumenten ein traditionelles Ritual. Dabei gehen sie wählerisch vor. «Die Ansprüche nehmen zu», weiss Philipp Gut, Geschäftsführer der IG Suisse Christbaum. Der Baum muss schön aussehen, darf keine Nadeln lassen, und er soll auch nicht stechen. «Der Christbaum muss eine eierlegende Wollmilchsau sein.» Mit Abstand die beliebteste Baumart ist laut Gut darum die Nordmanntanne, welche diese Kriterien am besten erfüllt, gefolgt von der Rottanne (Fichte) und der Weisstanne. Die robuste Blautanne hat wegen ihren stechenden Nadeln an Boden verloren.

Die Zeiten, als der Grossvater das hässlichste Tännchen aus dem Wald nach Hause brachte, sind also vorbei. Dabei wären gerade die Tannen, die im Wald gezogen werden, am ökologischsten. Denn dort ist im Gegensatz zu Landwirtschaftsflächen der Gebrauch von Pestiziden und Dünger verboten. Gleiches gilt für Tännchen aus Bio-Betrieben. Doch sie machen nur einen kleinen Anteil am Schweizer Markt aus.

Schön ist nicht gleich ökologisch

Über die Hälfte der Christbäume – nämlich 60 Prozent – stammen aus dem Ausland, zumeist aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden. Ihr Anbau erfolgt oft in Monokulturen, wo synthetischer Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. Die Schweizer Christbäume aus der Region geniessen dagegen den Ruf, ökologisch zu sein. Den Kauf von Schweizer Bäumen preist auch IG Suisse Christbaum an. Als Vorteile nennt sie: kurze Transportwege, meist frisch geschlagene Bäume, lange Haltbarkeit, das Erhalten von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung in der Schweiz. Doch der gute Ruf ist ins Wanken geraten.

Zeigen Sie uns ihren Weihnachtsbaum und sie haben die Chance auf einen tollen Preis - mehr dazu am Schluss des Artikels.

Stichproben von Vision Landwirtschaft, der Denkwerkstatt, die eine nachhaltige, eigenwirtschaftliche Landwirtschaft propagiert, ergaben, «dass bei vielen Produzenten unnötig viel Pestizide zum Einsatz kommen». Das bestätigt Geschäftsführer Andreas Bosshard auf Anfrage. Aus diesem Grund habe Vision Landwirtschaft zusammen mit Coop im Jahr 2016 Richtlinien für einen nachhaltigen Anbau von Weihnachtsbäumen erlassen. Diese wurden auch von der Landi übernommen. Die Richtlinien untersagen das flächendeckende Abspritzen der Kulturen mit Herbiziden. Der Einsatz von Fungiziden und Insektiziden ist eingeschränkt.

Richtlinien sind erst der Anfang

«Das ist ein Kompromiss, der den heutigen Stand der Technik berücksichtigt», erklärt Bosshard. Die Anbaumethoden unterlägen einem ständigen Prozess, den es zu verbessern gelte. Dazu ist auch Coop bereit, wie Coop-Mediensprecherin Yvette Petillon gegenüber den FN bestätigte. «Wir arbeiten daran, künftig komplett auf Herbizide beim Anbau von Christbäumen zu verzichten.» Coop verkauft heuer 80 Prozent Schweizer Tannen, 10 Prozent der Coop-Tannen sind biozertifiziert.

Hier geht's zum Artikel über den Weihnachtsbaum-Verkäufer auf dem Rathausplatz - mit Video.

Giftfrei produzieren ist schwer

Zu den Coop-Lieferanten, die nach der besagten Richtlinie produzieren, zählt auch Alexandre Castella aus Sommentier in der Nähe von Romont. Mit 400 000 Bäumen ist er der grösste Christbaumproduzent in der Schweiz. Er habe vier Jahre lang versucht, biologisch zu produzieren. «Aber es war zu kompliziert, es lohnt sich finanziell nicht.» Für ihn sind die Richtlinien ein guter Kompromiss: «Es ist besser, in der Schweiz zu produzieren», sagt er.

Wie schwierig es ist, Christbäume in Bio-Qualität zu ziehen, weiss Simon Fünfschilling aus Lully im Kanton Freiburg. Er ist der grösste biozertifizierte Christbaumproduzent der Schweiz. «Es ist sehr, sehr schwierig. Es braucht viel mehr Leute. Unkraut ist unser Hauptthema.» Kurze Zeit habe er es auch mit Schafen als tierische Mähmaschinen versucht. «Aber ich bin einfach kein Schäfer.» Schon oft hat Fünfschilling ans Aufgeben gedacht. Doch die Überzeugung obsiegte.

Migros zieht noch nicht mit

Die Migros hält sich derweil an die Richtlinien des Bundes zum ökologischen Leistungsnachweis. Dazu sagt Andreas Bosshard von Vision Landwirtschaft: «Diese Regeln schreiben praktisch nichts vor.» Gemäss einer Sprecherin will Migros eine Anwendung der Richtlinien von Vision Landwirtschaft prüfen. Bis jetzt habe die Migros mit einheimischen Tannen aber vor allem auf die kurzen Transportwege gesetzt. Dieses Jahr verkauft der Detailhändler in der Westschweiz allerdings nur ausländische Christbäume – wegen einem Qualitätsproblem des Schweizer Lieferanten. In der Deutschschweiz sind es 40 und 70 Prozent. Bio-Tannen hat sie gar nicht im Angebot.

Aufruf

Kugeln, Kerzen und ganz viel Lametta

Eine stattliche Nordmanntanne mit echten Kerzen, ein Baum voller Teddybären, Kugeln aus Kristall, bunt glitzernder Lametta oder blinkender LED-Lämpchen – wie schmücken Sie Ihren Weihnachtsbaum? Schicken Sie uns ein Bild davon an fn.redaktion@freiburger-nachrichten.ch. Unter den Einsendern verlosen wir drei Ausgaben der Kolumnensammlung von Stephan Moser «Flou-Flou für den Weltfrieden».

im