FREIBURG 02.08.2017

«Die Politiker sensibilisieren»

Marianne Hepp gefallen in Freiburg die Altstadt, der Fluss und die Aussicht auf die Berge.
Die 16. Internationale Deutschlehrertagung in der Saanestadt wagt einen Spagat zwischen Tradition und Innovation. Marianne Hepp, Präsidentin des Internationalen Deutschlehrerverbands, verrät, warum.

Kaum jemand kennt die Herausforderungen des gegenwärtigen Deutschunterrichts so gut wie sie: Marianne Hepp. Sie ist nicht nur Professorin für deutsche Sprachwissenschaft an der italienischen Universität Pisa. Seit 2009 präsidiert die 59-Jährige auch den Internationalen Deutschlehrerverband.

 

Wie sind Sie auf Freiburg als Tagungsort gekommen?

Dabei spielten viele Faktoren eine Rolle. Einerseits gibt es ein Rotationsprinzip zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz und den übrigen deutschsprachigen Ländern. Noch wichtiger ist aber die Bereitschaft der Veranstalter, die Tagung auch durchzuführen. Der Aufwand ist schliesslich enorm. Im Schnitt sind sechs Jahre Vorbereitungszeit nötig.

Wie ist die Stimmung unter den Tagungsteilnehmern?

Ausgezeichnet. Es herrscht eine sehr konstruktive Atmosphäre. Viele Teilnehmer sind auch nicht zum ersten Mal dabei. Man kennt sich und nutzt die Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch.

«Wenn Fremdsprachen gestrichen werden, ist es nie die weltweite Lingua franca Englisch»
 

Ein Tagungspunkt, der «politische» Montag, ist neu.

Genau. Früher waren die Internationalen Deutschlehrertagungen vor allem Fortbildungsanlässe. Seit einiger Zeit kam aber der Wunsch auf, die sprachpolitischen Anliegen an einem Tag zu bündeln – um die Politiker zu sensibilisieren.

Worum geht es dabei denn genau?

Es geht um die Bedeutung der Fremdsprachen, die Notwendigkeit der Sprachvermittlung überhaupt. Gegen das Englische als weltweite Lingua franca hat das Deutsche einen relativ schweren Stand. Wenn Fremdsprachen gestrichen werden, ist es nie das Englische. Gerade die Vermittlung einer zweiten Kultur spielt im Rahmen eines solchen internationalisierten Englischunterrichts allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Fremdsprachenunterricht ist aber auch im Rahmen der Integration von Flüchtlingen immer wichtiger.

Am Freitag wird zum Abschluss eine Resolution verabschiedet. An wen richten Sie sich damit genau?

An die Politiker, an Bildungs- und Kulturministerien. Die Mehrheit des Deutschunterrichts für Fremdsprachige wird weltweit gesehen immer noch von der öffentlichen Hand finanziert – und die entscheidet letztlich, wie viel Geld für welche Sprache eingesetzt wird. Gerade in einer globalisierten Welt ist es zentral, dass nicht alles auf das Englische reduziert wird.

Wie ist die Stellung des Deutschunterrichts weltweit gesehen?

Wir stellen eine gewisse Verschiebung fest. Während die Zahl der Deutschlernenden in Westeuropa und Skandinavien eher abnimmt, eröffnen sich seit Jahren ganz neue Märkte: etwa in China, Indien, Zentralafrika und Lateinamerika. Die Lehrerausbildung hinkt da hinterher, in erster Linie nicht qualitativ, sondern rein quantitativ. Es gibt in diesen Ländern schlicht zu wenig Deutschlehrer.

«Viele Teilnehmer kommen aus Ländern, in denen ein Deutschlehrer im Schnitt 500 Franken pro Monat oder weniger verdient.»

 

Gestern Dienstag gab es keine fachlichen Veranstaltungen.

Genau. Das hat allerdings nicht nur mit dem 1. August zu tun. Bei jeder Internationalen Deutschlehrertagung ist ein Tag für Exkursionen reserviert, die den Teilnehmern die Geografie und die Kultur des gastgebenden Landes näherbringen sollen – oft in Verbindung mit einem literarischen Thema. Diese Exkursionen finden dieses Jahr in einem Umkreis von 150 bis 200 Kilometern um Freiburg statt und führen zum Beispiel nach Bern, in die Schweizer Berge oder an die Seen. Ein Highlight unter diesen Exkursionen wird diejenige zum Thema «Literatur und Käse» sein.

Viele Teilnehmer stammen aus Ländern der Dritten Welt. Für sie dürfte der finanzielle Aufwand enorm sein, um an einer solchen Tagung teilnehmen zu können.

Das ist tatsächlich so. Unser Verband wird allerdings von einer Vielzahl von Stipendiengebern unterstützt. Ohne diesen Goodwill wäre die Teilnahme für viele Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich kaum möglich. Man darf nicht vergessen, dass viele Teilnehmer aus sehr armen Ländern kommen, in denen ein Deutschlehrer im Durchschnitt 500 Franken im Monat oder noch weniger verdient.

Und wie gefällt Ihnen Freiburg persönlich?

Ausgezeichnet. Ich liebe die Altstadt, den Fluss, die Natur rundherum und die Sicht auf die Bergketten.