FREIBURG 14.09.2017

Wenn David gegen Goliath kämpft

Seit 1909 sammelt das Freiburgische Rote Kreuz Altkleider für die Bedürftigen des Kantons.
Das Freiburgische Rote Kreuz sammelt seit 1909 Altkleider. Doch nun arbeitet der Konkurrent Texaid mit der Post zusammen. Der Geschäftsführer des Roten Kreuzes ist enttäuscht. «Geschäft ist Geschäft», heisst es seitens der Post. Texaid beschwichtigt.

In einigen Teilen des Kantons wurde die Bevölkerung unlängst mit einer Broschüre informiert, dass die Briefträger im September auch Altkleider-Säcke einsammeln. Für dieses Projekt arbeitet die Post mit Texaid zusammen.

Charles Dewarrat, Geschäftsführer des Freiburgischen Roten Kreuzes, ist darüber sehr enttäuscht und findet keine Erklärung dafür. «Diese international tätige Aktiengesellschaft präsentiert sich als Partner von gemeinnützigen Organisationen, verfolgt aber auch private Interessen», schreibt er in einem Leserbrief. Er fragt, wann diese «Augenwischerei» aufhöre und warum eine «altehrwürdige Einrichtung wie die Post» auf diese Zusammenarbeit eingegangen sei.

In Tat und Wahrheit sei der Handel mit Altkleidern ohne soziale Zielsetzung ein «lukratives Geschäft», so Dewarrat. Die grossen Player im Alttextilmarkt wüssten das nur zu gut. Aber um Erfolg zu haben, würden sie «ein Deckmäntelchen, einen respektablen Partner» brauchen. Da komme die Zusammenarbeit mit der Post wie gerufen. Dewarrat fragt sich, ob das Zusammengehen dieser beiden Schwergewichte das Aus für die Arbeit des Freiburgischen Roten Kreuzes bedeute, das seit 1909 Textilien ohne Zwischenhändler und zum alleinigen Nutzen der Bevölkerung sammle, sortiere und verwerte. «Mit dem Ertrag aus dem Verkauf von Alttextilien finanzieren wir so unterschiedliche Aktivitäten wie die Betreuung von kranken Kindern, Entlastungsmöglichkeiten für Familien, Fahrdienst, Hausbesuche, Sprachkurse, Weihnachtsfeiern für Senioren und vieles andere mehr», schreibt Dewarrat. «Ein schweizweit einzigartiges Angebot, auf das unser Kanton stolz sein darf.»

Alternative Einnahmequellen

«Der Auftrag von Texaid ist ein Mandat, das wir aufgrund eines Kundenwunsches ausführen», sagt Olivier Flüeler, Mediensprecher der Post, auf Anfrage. Ebenso wie mit Tex­aid würde die Post mit diversen weiteren Partnern zusammenarbeiten, etwa den Anbietern regionaler landwirtschaftlicher Produkte. Schweizweit habe die Post derzeit 31 solcher Partner. Im Kanton Freiburg arbeite man während der Spargelsaison mit einem Spargelproduzenten in Kerzers für solche Auslieferungen zusammen. «Auf der letzten Meile sind solche Angebote eine gute Ergänzung unserer Dienstleistungen», so Flüeler. Die Postboten müssten ja ohnehin jeden Werktag zu allen Briefkästen gehen – schweizweit zu vier Millionen Haushalten. Und da das Volumen an klassischer Briefpost wegen der stetig zunehmenden elektronischen Kommunikation Jahr für Jahr um ein bis zwei Prozent abnehme, müsse sich eben auch die Post nach neuen, alternativen Einnahmequellen umsehen. Dieses Angebot sei auch nicht neu, sondern existiere schon seit über zwei Jahren. Wenn ein Kunde mit so einem Verteilwunsch an die Post herantrete, werde vor der Ausführung selbstverständlich immer zunächst geprüft, ob das Angebot seriös sei und ob die Post es überhaupt ausführen könne. Die Frage, warum die Post mit Texaid zusammenarbeitet, ist daher aus der Sicht von Flüeler obsolet. Es sei jedem potenziellen Kunden freigestellt, mit so einem Wunsch an die Post heranzutreten – auch dem Freiburgischen Roten Kreuz. Auch angesichts der Tatsache, dass Texaid ein Partner des Schweizerischen Roten Kreuzes sei – was auch auf der Texaid-Homepage und den Altkleider-Säcken so vermerkt sei –, verstehe er die Aufregung nicht. Die Sammelaktion laufe schweizweit, in diesem Monat September auch in Gemeinden des Kantons Freiburg. Die Säcke könnten von den Spendewilligen gefüllt werden, und der Postbote nehme sie dann wieder mit. Logistisch sei dies für die Postboten derzeit kein Problem, da die Haushalte ihre Kleidersäcke in der Regel nie alle gleichzeitig hinstellen würden. Falls nötig, würden die Säcke nach dem eigentlichen Postbotengang mit einem Vierradfahrzeug separat eingesammelt. Es gebe auch viele Haushalte, die die Sammelsäcke gar nicht vor die Türe stellten, sondern selber zu einem Sammelcontainer bringen würden. Die Post kontrolliere nicht, ob die Säcke auch wirklich mit Altkleidern gefüllt würden.

«Arbeitsplätze gefährdet»

«Das Schweizerische Rote Kreuz ist schon ein Partner von Texaid», entgegnet Charles Dewarrat im persönlichen Gespräch mit den FN. «Allerdings hat sich unser Kantonalverband schon vor längerer Zeit explizit beim Schweizer Roten Kreuz von dieser Zusammenarbeit zurückgezogen.» Der Unterschied zwischen dem Freiburgischen Roten Kreuz und Texaid sei, dass es keinerlei Profit aus seinen Kleidersammlungen schlage, sondern ausschliesslich sozialen Zielen verpflichtet sei. Insgesamt arbeiteten 32 feste Mitarbeiter bei der Kleidersammlung des Freiburgischen Roten Kreuzes mit. Ausserdem würde man pro Monat auch 40 bis 50 Arbeitslosen in entsprechenden Beschäftigungsprogrammen eine sinnvolle Tätigkeit bieten. Dies sei einzigartig in der Schweiz und ursprünglich aus den Nöten der Zeit der zwei Weltkriege entstanden. Keine andere Rot-Kreuz-Sektion in der Schweiz würde dies anbieten – und dies alles sei nun durch die Konkurrenz von Texaid gefährdet. Bei Texaid aber vermutet Dewarrat, dass alle nicht mehr so schönen gesammelten Kleider nicht Bedürftigen gespendet würden, sondern im Textilrecycling lande – einem sehr lukrativen Geschäft. Die Post würde sich ihrerseits mit ihrer Argumentation komplett aus der Verantwortung ziehen. «Texaid ist ein internationales Unternehmen, das in Europa präsent ist», sagt er. Wohl seien verschiedene Schweizer Organisationen wie das Schweizerische Rote Kreuz, Solidar Suisse, Kolping Schweiz, Caritas, die Winterhilfe Schweiz oder das HEKS als Partner vermerkt. Diese würden aber nicht etwa Altkleider von Tex­aid erhalten, sondern würden lediglich ihren guten Namen zur Verfügung stellen, um mit einem Anteil am Gewinn entschädigt zu werden. Persönlich kämpfe er schon seit 15 Jahren gegen die Machenschaften von Texaid an. Die Spendewilligen in der Schweiz würden von Tex­aid bewusst getäuscht, so Dewarrat. Immerhin habe er inzwischen bereits einen Teilsieg erreicht. Im Januar dieses Jahres habe er einen Warn-Brief an alle Freiburger Gemeinden verschickt und dabei erreicht, dass ihm 35 Gemeinden – darunter alle grösseren wie Freiburg, Marly, Wünnewil-Flamatt oder Rechthalten – versprochen hätten, dass sie dieses Jahr keine Texaid-Sammelaktion erlauben würden. Auch Texaid habe auf einen entsprechenden Brief reagiert und versprochen, im Gespräch mit der Post zu prüfen, ob man künftig im Kanton Freiburg ganz auf eine Sammelaktion verzichten wolle. Diese Gespräche sollen in diesem Monat September stattfinden.

«Natürlich ist auch Altkleider-Sammeln eine Angelegenheit, die dem freien Markt unterworfen ist», räumt Dewarrat ein. «Natürlich hat Tex­aid juristisch gesehen das Recht, in der Schweiz Altkleider zu sammeln. Aber ebenso habe ich auch das Recht, meine Meinung zu sagen und die Leute über den Unterschied zwischen unsern Aktionen und jenen von Texaid aufzuklären.»

«Keine Konkurrenzsituation»

«Von einigen Gemeinden haben wir eine Absage für die Stras­sensammlung erhalten», bestätigt Rahel Ziegler, verantwortlich für Marketing und Kommunikation bei Texaid, als die FN sie mit den Aussagen von Dewarrat konfrontiert. «Die Dienstleistung wird in diesen Gemeinden daher nicht angeboten.» Im Bezug auf das Freiburgische Rote Kreuz denke sie nicht, dass es sich um eine Konkurrenzsituation handle. Viel eher würden sich die beiden Organisationen ergänzen.

Das Rote Kreuz sammle Alttextilien, um seine Läden im Kanton Freiburg zu bestücken, und sei auf eine relativ geringe Menge möglichst hochwertiger gebrauchter Textilien angewiesen. Texaid hingegen stelle eine flächendeckende Sammel- und Entsorgungs-Infrastruktur für sämtliche Alttextilien bereit. Dies ist laut Ziegler vor allem für die Gemeinden wichtig, da Alttextilien rechtlich als Siedlungsabfall gelten und die Gemeinden verpflichtet seien, eine ordnungsgemässe Sammlung und Verwertung sicherzustellen.

«Das Gespräch gesucht»

«Wir haben dem Roten Kreuz angeboten, uns gegenseitig über die Entwicklung der jeweiligen Sammelmengen im Kanton Freiburg auszutauschen, verbunden mit der Zusage, das Rote Kreuz in seiner Sammlung zu unterstützen, falls seine Sammelmengen abnehmen sollten», so Ziegler weiter. Weiter habe Texaid dem Roten Kreuz Freiburg angeboten, die Kleidersammlung mit der Post gemeinsam durchzuführen und die gesammelten Mengen aufzuteilen. Beides sei abgelehnt worden, so dass man seitens Texaid davon ausgehe, dass keine Gefährdung der Beschäftigung des Roten Kreuzes bestehe. Im Weiteren würde Tex­aid seine Sammelsysteme stetig nach ökologischen und ökonomischen Kriterien überprüfen. Sollte es sich im Zuge einer solchen Evaluation herausstellen, dass ein Sammelsystem in einem Kanton nicht mehr sinnvoll umgesetzt werden könne, so würde man Alternativen erarbeiten. Dies gelte auch für den Kanton Freiburg. «Texaid ist eine Aktiengesellschaft, die gewinnorientiert arbeitet», hält Ziegler fest. «Im Sinne einer Charity-Private-Partnership erwirtschaften wir finanzielle Mittel für karitative Organisationen, 2016 rund 7,2 Millionen Franken.» Die beteiligten Hilfswerke würden aus den Verkaufserlösen Geldmittel erhalten, die direkt ihren karitativen Projekten zugutekommen würden. Die Hilfswerke seien auch als Aktionäre an Tex­aid beteiligt. Es stimme, dass die Nachfrage von Kleiderkammern sowie aus Krisengebieten nur einen geringen Teil der gesammelten Menge an Alttextilien beanspruche. Der Rest werde gesetzeskonform verwertet. Tex­aid verschiebe sicher keine Gewinne ins Ausland. Dies wäre steuerrechtlich unzulässig.

Kleidersammler

Wer ist Texaid?

Texaid, 1978 gegründet, besteht aus der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Hilfswerke und der Texaid-Textilverwertungs-AG. Die Texaid-Arbeitsgemeinschaft ist ein Zusammenschluss der Hilfswerke Schweizerisches Rotes Kreuz, Winterhilfe Schweiz, Solidar Suisse, Caritas Schweiz, Kolping Schweiz und HEKS. Sie betreibt zusammen mit einem privaten Investor im Sinne einer Charity-Private-Partnership die Texaid Textilverwertungs-AG. Diese sammelt, sortiert und verwertet gebrauchte Kleidung, Schuhe und Haushaltungstextilien. Mit der Schweizer Muttergesellschaft sowie weiteren Standorten in Deutschland, Österreich, Bulgarien, Ungarn und und Marokko gehört Texaid zu den grössten Organisationen ihrer Art in Europa.

jcg
«Auf der letzten Meile sind solche Angebote eine gute Ergänzung unserer Dienstleistungen.»

Oliver Flüeler

Mediensprecher der Post

«Wir erwirtschaften finanzielle Mittel für karitative Organisationen, 2016 rund 7,2 Millionen Franken.»

Rahel Ziegler

Texaid

«Ich habe das Recht, die Leute über den Unterschied zwischen unsern Aktionen und jenen von Texaid aufzuklären.

Charles Dewarrat

Freiburgisches Rotes Kreuz