Katharina M. Fromm 23.03.2017

Forschergeist – forscher Geist

Wer kennt sie nicht, die Kinder eines bestimmten Alters, die einem stundenlang Löcher in den Bauch fragen können, indem sie nach jeder Antwort einfach noch mal ein «Warum?» einwerfen. Irgendwann beendet der Erwachsene das Gespräch dann meist mit einem «Darum – basta.» Und meist endet es auf diese Weise, weil wir – sind wir ehrlich – die Frage aus wissenschaftlichen Gründen nicht beantworten können, oder weil wir schlichtweg noch nie über diese Frage nachgedacht hatten oder gerade keine Lust oder Zeit zu weiteren Diskussionen haben.

Ich selbst freue mich über die Kinder, meist zwischen acht und zwölf Jahren, die zu uns an die Uni kommen im Rahmen des Programms «Goûters scientifiques» oder «KidsUni». Aufgeregt und mit leuchtenden Augen können sie dann kaum den Beginn des Programms erwarten, welches zuerst mit einer kleinen Einführung in die Chemie im grossen Hörsaal beginnt. Dort musste ich auf die harte Tour lernen, dass man Kindern dieser Altersgruppe besser nicht mit rhetorischen Fragen kommt – sonst gehen alle Finger hoch und jeder will eine Antwort geben. Am Ende des Tages, nachdem die Kinder dann etwa Slime hergestellt oder Filzstifte in ihre Farbkomponenten zerlegt haben, holen die Eltern ihre aufgeregten Sprösslinge wieder ab und sehen sich konfrontiert mit der Forderung, zu Hause doch bitte gleich ein Labor im Keller einrichten zu dürfen. Der junge Mensch also: Ein Forscher und Entdecker!

Sofern der Forschergeist die Pubertät überlebt – leider bleibt nur bei wenigen Jugendlichen die Freude an den Naturwissenschaften erhalten – kommt der eine oder andere junge Mensch zu uns zum Studium an die Universität. So richtig spannend wird es dann im Master und während dem Doktorat. Hier gehen wir an die Grenzen des heutigen Wissens: So werden tagtäglich in Freiburg neue Moleküle oder Materialien hergestellt, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Aber nicht nur an unserer Universität, überall, wo geforscht wird, entstehen neue Erkenntnisse, und so steht man einerseits in Konkurrenz, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen. In internationalen Publikationen, an Konferenzen, bei Vorträgen und Workshops wird die neue Erkenntnis geteilt und diskutiert. Forschung ist also auch eine Möglichkeit, Freiburg auf internationaler Ebene bekannt zu machen. Manchmal mündet die Forschung in Patenten, Start-ups und Produkten für uns alle.

Gibt es noch viel zu forschen? Nun, wir kennen über 100 chemische Elemente, die wie die Buchstaben eines Alphabets fungieren. Im (lateinischen) Alphabet haben wir üblicherweise 20 bis 30 Buchstaben und können damit ganz schön viele Wörter bilden, jährlich kommen einige hinzu. In der Chemie können wir mit 100 Elementen Moleküle in Analogie zu Wörtern bilden. Die Kombinationsmöglichkeiten dafür sind quasi unendlich. Und aus Wörtern entstehen Sätze, Kolumnen, Bücher – aus Molekülen entstehen zum Beispiel Materialien oder Medikamente, aus Materialien komplexe Apparate. Tagtäglich «arbeiten» wir indirekt oder direkt mit rund 80 der über 100 Elemente, sei es in unserem Körper, den Lebensmitteln, unseren Kleidern, dem Auto oder dem Natel, das wir bei uns tragen. Der forsche(nde) Geist, egal welchen Alters, geht immer neugierig durchs Leben, indem er Fragen stellt, Dinge hinterfragt, bis er versteht. In diesem Sinne: Wieso, weshalb, warum?

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.