Leichtathletik 30.09.2016

Schnelle Beine dank dünner Luft

Andreas Kempf zeigt den Schlauch in seinem Zimmer in Magglingen, über den der Sauerstoffgehalt reguliert wird.
Bild Charly Rappo
Seit gut drei Wochen schläft Andreas Kempf im Höhenzimmer in Magglingen. Durch den reduzierten Sauerstoffgehalt steigert sich die Leistungsfähigkeit. Das soll dem Freiburger beim Murtenlauf Beine machen.

Das Nutzen der Höhenluft ist nichts Neues. Bereits im antiken Griechenland wurden Kranke in die Berge geschickt, um sich zu erholen. Heute ist das Höhentraining fester Bestandteil im Trainingsprogramm von Ausdauersportlern. Durch den reduzierten Luftdruck in der Höhe gelangt weniger Sauerstoff ins Blut, die Muskulatur wird mit Sauerstoff unterversorgt. Dies veranlasst den Körper, gegenzusteuern und mehr rote Blutkörperchen zu bilden, was sich wiederum leistungssteigernd auswirkt. Während beispielsweise die Spitzenläufer aus Kenia, die in ihrer Heimat stets in der Höhe trainieren, langfristig von diesem Effekt profitieren, verpufft die Wirkung eines temporären Höhentrainingslagers. Auch zahlreiche Schweizer Ausdauersportler nutzen das Höhentraining deshalb als unmittelbare Vorbereitung auf wichtige Wettkämpfe. Das nationale Sportzentrum in Magg­lin­gen bietet den Athleten seit Jahren eine Alternative für Trainingscamps in St. Moritz und ähnlichen Gefilden – das Höhenzimmer. In diesem saugen zwei ausserhalb installierte Generatoren mit einem Schlauch Luft weg, entziehen ihr Sauerstoff und pumpen sie anschliessend wieder zurück in den Raum. Die Zusammensetzung der Atemluft wird so verändert, dass der Sportler virtuell auf 2500 bis 2600 Metern über Meer lebt.

Bis zu zwölf Stunden pro Tag

Als Vorbereitung für den Murtenlauf vom Sonntag übernachtet seit fast drei Wochen der Freiburger EM-Halbmarathon-Teilnehmer Andreas Kempf im Magglinger Höhenzimmer. «Wenn ich nicht gerade zum Arbeiten in Bern bin (Red.: eine 40-Prozent-Stelle beim Lauf-Shop Big Friends in der Altstadt) verbringe ich auch durch den Tag ein paar Stunden im Zimmer.» Um einen guten Effekt zu erzielen, sei ein Schnitt von zehn bis zwölf Stunden erforderlich, erklärt der 28-Jährige. Als Faustregel gilt, dass die Leistungsfähigkeit unmittelbar nach dem Aufenthalt im Höhenzimmer oder dann aber nach zwei bis drei Wochen am grössten ist, ehe sie wieder abnimmt. «Mit dem Murtenlauf teste ich die erste Variante», sagt Kempf, für den der Aufenthalt im Höhenzimmer eine Premiere ist. Die ersten Tage habe es sich teilweise noch komisch angefühlt. «Insbesondere gegen den Morgen war mein Schlaf unruhig. Und ich trank zunächst noch zu wenig und hatte als Folge davon Kopfschmerzen.» Inzwischen merke er aber keinen Unterschied mehr. Einmal am Tag müsse er das Zimmer lüften. «Das mache ich immer dann, bevor ich für einige Stunden ausserhalb bin. Denn es dauert vier bis fünf Stunden, bis die Höhe wieder erreicht ist.»

Ermöglicht hat dem Heitenrieder den Aufenthalt im Höhenzimmer sein Nationaltrainer, der teils beim Bundesamt für Sport in Magglingen arbeitet. «Bezahlen muss ich es allerdings selber, beziehungsweise mein Club und die Sponsoren.» Kostenmässig sei der Aufwand jedoch nicht grösser, als wenn er in einem der beiden Hotels des Sportzentrums in Magglingen übernachten würde.

«Live high – train low»

Dank dem Spezialzimmer trainierte Kempf in den letzten Wochen nach der etablierten Höhentrainingsmethode «live high – train low». «Dadurch hat man auf der einen Seite den Effekt der Höhe, kann aber auf der anderen Seite auch von der höheren Qualität des Trainings im Flachland profitieren», hält der Läufer fest. Anders als in den Bergen müsse das Training nicht angepasst werden, und auch der Pulswert bleibe in denselben Bereichen wie sonst.

Das war Ende Juni vor den Schweizer Meisterschaften über die 10 000 Meter noch anders gewesen, als er sich in St. Moritz auf den Wettkampf vorbereitet hatte. «Abgesehen davon, dass ich an Eisenmangel litt, konnte ich mich damals vom Trainingslager nur schlecht erholen.» Das Resultat für Kempf war in Thun ein nicht zufriedenstellender fünfter Rang. «Deshalb bin ich gespannt, wie es nun beim Murtenlauf gehen wird.» Dieses Rennen sei aber nur ein Ziel, das er mit der simulierten Höhenluft verfolgt. «Ein anderes ist die Qualifikation für die Cross-EM. Ende Oktober werde ich in Tenero an einem Trainingslager von Swiss Athletics teilnehmen. Nach dem Murtenlauf bleibe ich noch einige Tage im Zimmer und hoffe, im Tessin Nutzen daraus ziehen zu können, indem ich hart trainieren kann. Und schliesslich geht es darum, herauszufinden, wie mein Körper darauf reagiert und wann er am leistungsfähigsten ist, um so Erkenntnisse für zukünftige Zielwettkämpfe zu gewinnen.»

Top 10 das Ziel

Zunächst aber gilt es für Andreas Kempf am Sonntag beim Murtenlauf ernst. Vor zwei Jahren nahm der ehemalige Schweizer Meister über 5000 Meter am Gedenklauf erstmals teil und wurde in 57:50 Minuten Elfter. «Ich habe mir die Startliste angeschaut. Ich strebe einen Platz in den Top 10 an, wenn es ausserordentlich läuft gar die Top 6», formuliert Kempf sein Rangziel. «Zeitmässig orientiere ich mich an der Leistung von vor zwei Jahren. Wenn möglich, will ich unter 57 Minuten laufen.»

83. Murtenlauf

Das Programm

Morgen Samstag, 14 bis 17.30 Uhr:

Georges-Python-Platz in Freiburg: Mini-Murtenlauf für Kinder und Jugendliche (700 bis 3500 Meter).

Sonntag, 8.45 Uhr:

Start der Walker ab Murten (17,17 Kilometer).

9.20 Uhr:

Start der Walker und der Jogger ab Courtepin (8,6 Kilometer).

10.15 bis 10.39 Uhr:

Start ab Murten der verschiedenen Blöcke für den Murtenlauf (17,17 Kilometer).

Zieleinläufe in Freiburg:

Ab 10.30 Uhr halber Murtenlauf, Walking. 11.05 bis 13 Uhr Läuferinnen und Läufer der 17,17 Kilometer.