Kathedrale St. Nikolaus 26.03.2013

«Glocken machen die Seele glücklich»

Zufrieden: Architekt Stanislas Rück, Glockenexperte Matthias Walter und Stiftungspräsident Augustin Macheret (v.l.).Bilder Corinne Aeberhard
So hat man die Glocken der Kathedrale St. Nikolaus lange nicht mehr gehört: Nach vier Jahren Arbeit ist vor kurzem die Restaurierung des Geläuts abgeschlossen worden. Am Montag haben die Verantwortlichen das Resultat vorgestellt.

Das Geläut der Kathedrale St. Nikolaus besteht aus dreizehn Glocken, davon elf Läuteglocken. Die älteste wurde 1367 gegossen, die jüngste 1737. Das Ensemble zähle sowohl historisch wie auch musikalisch zu den bedeutendsten in Europa, sagt der Berner Glockenexperte Matthias Walter. Der Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler ist seit Jahren mit der Restaurierung der Kathedralenglocken betraut und leitet die Arbeiten der daran beteiligten Fachunternehmen und Spezialisten.

2009 wurden diese Arbeiten aufgenommen, Ende 2012 wurden sie abgeschlossen. Den Abschluss bildete die Motorisierung der beiden kleinen Glocken im Dachreiter über dem Chor. Diese zwei Glöcklein, gegossen in den Jahren 1656 und 1737, waren seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb und können jetzt ihren Platz im historischen Geläut wieder einnehmen. Sie werden künftig einzeln, im Duett oder in Kombination mit den Turmglocken eingesetzt.

950 000 Franken Kosten

Wer sich am Montagvormittag in der Nähe der Kathedrale aufgehalten hat, hat einen Eindruck davon erhalten, wie die elf Läuteglocken nach der Restauration einzeln und im Ensemble tönen. Anlass für die Hörprobe war die Präsentation des erneuerten Geläuts vor den Medien. Besonders glücklich zeigte sich dabei alt Staatsrat Augustin Macheret, Präsident der Stiftung für die Erhaltung der Kathedrale. Er freue sich, dass die Stiftung ihren Beitrag zu dem Projekt habe leisten können. Insgesamt haben die Arbeiten rund 950 000 Franken gekostet. 150 000 Franken trägt die Stiftung, 190 000 Franken der Bund, den grossen Rest der Kanton.

Pionierarbeit für Europa

Der Aufwand habe sich gelohnt, betonte Matthias Walter. Vor Beginn der Arbeiten sei der Zustand des wertvollen Geläuts unbefriedigend gewesen. «Die Glocken, Meisterwerke der Glockengiesskunst, kamen nicht zur Geltung und gaben Klänge von sich, die an klirrende Schüsseln erinnerten.» Schuld daran seien unter anderem die Stahlachsen gewesen, mit denen man 1967 die ursprünglichen Holzjoche ersetzt habe. Gleichzeitig habe man Klöppel installiert, die musikalisch nicht optimal gewesen seien.

Bei der Restaurierung wurden die Glocken nun wieder mit Holzjochen nach mittelalterlichem Vorbild ausgestattet: Eichenholzkonstruktionen mit geschmiedeten Beschlägen. Bei der Konstruktion der Klöppel vereinten die Experten traditionelle Prinzipien und moderne Technik. So wurden die langen Klöppel, wie sie früher bei der Elektrifizierung des Geläuts für nötig erachtet worden waren, wieder durch kürzere ersetzt. Dadurch würden die Anschläge weicher und der Klang voller und tragender, so Matthias Walter. In Zusammenarbeit mit deutschen Experten sei es gelungen, am Computer die mechanische Belastung der Glocken durch die neuen Klöppel vorzuberechnen. Dabei handle es sich um eine europaweite Pionierarbeit. Von deren Resultaten habe man unter anderem bereits in der Augustinerkirche in Freiburg und am Berner Münster profitiert. Auch andere Kathedralen in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich wollten das System übernehmen.

Trotz dieser technischen Finessen gehe es bei der Glockenrestaurierung aber nicht nur um die Interessen von Fachleuten, sagte Walter. «Die ganze Bevölkerung soll sich über den neuen Klang freuen, denn Glocken können die menschliche Seele glücklich machen.»

Die zwei Dachreiterglocken wurden als letzte restauriert. 

Chronologie

Über 600 Jahre Glockenkunst

1367Gussjahr der ältesten Glocke des Geläuts, der Barbaraglocke (im vierten Turmgeschoss).

1737Gussjahr der jüngsten Glocke, der Messglocke (im Chordachreiter).

1967Ersatz von sieben hölzernen Originaljochen durch stählerne.

2001–2008Voruntersuchungen, Vermessungen und Kauf des Holzes für die Restaurierung.

2009–2010Restaurierung der beiden grössten Glocken im dritten Turmgeschoss.

2011–2012Restaurierung der neun kleineren Glocken im Turm.

2012Restaurierung der zwei Dachreiterglocken.cs