Schönheitskur 09.08.2012

Schweizweit einzigartige Glocken

Kennt den Turm der Freiburger Kathedrale St. Nikolaus wie seine Westentasche: der Berner Kunsthistoriker und Glockenspezialist Matthias Walter.Bild Corinne Aeberhard
Die 13 Glocken in der Freiburger Kathedrale St. Nikolaus sind mit keinem anderen Ensemble vergleichbar. Seit 1737 in ihrem Bestand unverändert, haben sich die imposanten Instrumente aber eine Schönheitskur verdient.

Wer die restaurierten Glocken der Kathedrale bestaunen will, muss 250 der insgesamt 368 Stufen hinaufsteigen. Matthias Walter kennt sie in- und auswendig. Wie oft er schon hier oben gewesen ist? «Bestimmt an die dreissig Mal», sagt er, «gezählt habe ich nicht.»

Der Berner ist Kunsthistoriker und Glockenspezialist. Seit Jahren gehört er zur Equipe, die das Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert auf Vordermann bringt. Walters Aufgabe ist es, den Glocken zu ihrem schönstmöglichen Klang zu verhelfen. Bislang hat die Aargauer Giesserei Rüetschi dank Walters Beratung acht der 13 Instrumente mit speziell angefertigten Klöppeln und Holzjochen–so heissen die Tragbalken der Glocken–ausgestattet. Im Herbst kommen in einer dritten Etappe die drei kleinsten, unter ihnen die Totenglocke im vierten Stock des Turms, an die Reihe.

 Glocken sind–zu leise

In dem Stockwerk tanzen die Staubkörner im Sonnenlicht. Rostrote Kacheln bedecken den Boden, in einer Ecke liegen sie nur lose aufgehäuft. Eine steile, ungesicherte Holztreppe ermöglicht es, einen Blick auf die Antriebsräder und den Glockenstuhl zu werfen. Bislang sind die Räume noch nicht so weit renoviert, als dass sie für Besucher zugänglich wären. Laut dem Architekten Stanislas Rück, der die Restaurationsarbeiten leitet, soll dies in zwei Jahren aber der Fall sein. Bis dahin werden auch die Fensterläden aus dicken Holzplanken ausgewechselt.

«Die Turmakustik ist ebenso wichtig wie die Wahl des richtigen Glockenklöppels», erklärt Matthias Walter deren Bedeutung. Es bringe nicht viel, die Glocken und ihren Klang wieder herzurichten, wenn es unten auf der Strasse niemand höre. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten, in denen das Geläut zu laut sei, muss für die Freiburger Kathedrale und ihre bislang geschlossenen Schallfenster noch eine annehmbarere Lösung gefunden werden. Der Spezialist meint deshalb: «Erst wenn die letzte Restaurierungsetappe beendet ist, wird das Ergebnis befriedigend sein.»

Trotzdem läuten die zum Teil tonnenschweren Glocken schon heute bemerkenswert voller und klangreicher als noch vor vier Jahren. «Glocken produzieren eine ganze Reihe von Tönen, wovon wir, je nach Grösse des Instruments, nur einen Teil wahrnehmen», so Matthias Walter. Damit sich die Haupttöne auch optimal entfalten können, müssen die Form und die Beschaffenheit des Klöppels genau berechnet werden. «Der Klöppelstahl darf nicht zu fest sein, denn sonst würde er die jahrhundertealten Glocken beschädigen», führt der Spezialist aus. «Sind die Klöppel hingegen zu weich, verformen sie sich und damit den Klang.»

Und tatsächlich: Schaut man den mittleren Glocken in den Glockenmund, zeigen abgenutzte, kreisrunde Flächen, wo die Klöppel bei jedem Läuten der letzten fünfhundert Jahre aufgeschlagen sind. Hin und wieder sind die Glocken von gutmeinenden Händen gedreht worden, wodurch teilweise zahlreiche Stellen ausgeschlagen wurden. «Dank der besser bekannten Materialeigenschaften der neuen Klöppel erwarten wir, dass in Zukunft keine Dellen mehr in die Glocken geschlagen werden», so Walter.

 Ab und zu ein Aussetzer

Die für die Herstellung der Klöppel nötigen Parameter hat das europäische Kompetenzzentrum für Glocken ProBell errechnet. Doch theoretische Formeln allein reichen bei Restaurierungen nicht aus: Ausprobieren und nachbessern ist auch hier immer wieder nötig. «Wir haben aufgrund der Kenntnisse, die wir 2009 bei der Restaurierung der grossen Glocken gewonnen haben, die Berechnung für die kleineren Exemplare angepasst», so der Spezialist. Andere Ungereimtheiten müssen hingegen später behoben werden–etwa der zu kurz geratene Klöppel der Gambachglocke, durch den sie ab und zu einen Aussetzer hat.

«Wir haben in kurzer Zeit sehr viele Erkenntnisse gewonnen», meint der Spezialist stolz. Diese würden nun bei anderen Restaurierungen angewendet. Für den Autodidakten fast noch wichtiger ist aber, dass durch das Freiburger Beispiel lang gehegte Irrtümer widerlegt werden konnten. «Man hat zum Beispiel geglaubt, die Belastung für die Glocke durch den Klöppel könne nur gering gehalten werden, indem eine Glocke mit möglichst niedrigem Schwungwinkel läutet. Ein höherer Schwungwinkel macht aber den Klang schöner und lebendiger.

Seit unseren Messungen von März wissen wir, dass mit dem richtigen Klöppel trotz hohem Schwungwinkel die Glocken schonend geläutet werdenkönnen.»

Auch tonnenschwere Glocken müssen restauriert werden und erfordern einen behutsamen Umgang. Bild zvg

«KA Normal»

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20. Jahrhundert: Bedürfnis nach Fortschritt und Harmonie

L ange Zeit ist man der Meinung gewesen, Glocken benötigten gar keine Restaurierung. Die Instrumente galten als Inbegriff der Beständigkeit – nicht nur aufgrund ihrer robusten Bauart, sondern auch, weil sie mit ihren Schlägen den Tagesablauf bestimmten und bei drohender Gefahr die Bevölkerung lautstark warnten.

In den 1930er-Jahren setzte in den Schweizer Kirchtürmen ein Modernisierungsschub ein: Glocken, die musikalisch nicht perfekt zusammenpassten, wurden durch aufeinander abgestimmte Ensembles ersetzt, und in der Folge wurden die Antriebe elektrifiziert. In Freiburg ersetzte man zudem 1967 die hölzernen Joche durch metallene. Ein Unding, wie der Experte Matthias Walter findet, denn dadurch seien historische Kunstwerke vernichtet worden. «Zudem läuteten die Glocken danach rascher und hektischer.» Seit den Renovierungsarbeiten hängen die tonnenschweren Glocken nun wieder wie in den Jahrhunderten zuvor an Tragbalken aus Eichenholz.

Insgesamt sind die Kosten für die Restaurierungsarbeiten auf knapp 840 000 Franken beziffert. Den Grossteil zahlt der Kanton, doch auch die Stiftung für den Erhalt der Kathedrale trägt ihren Teil dazu bei.

Um die nötigen Mittel zusammenzutragen, hat die Stiftung vor drei Jahren ein umfassendes Buch über die Kathedrale herausgegeben. Letztes Jahr hat sie zudem eine Postkartenserie herausgegeben. cf

Zur Person

Ausbildung in Bern und Deutschland

Matthias Walters Faszination für Glockenklänge ist ihm quasi in die Wiege gelegt worden. «Ich bin zwischen zwei Kirchen aufgewachsen», erzählt er. Deren Läuten habe seinen Alltag bestimmt. Und rasch habe ihn interessiert, warum Glocken nicht immer gleich klingen. Der heute 34-Jährige hat in Bern Kunstgeschichte und Musikwissenschaften studiert, bevor er in Deutschland eine Ausbildung zum Glockensachverständigen machte. «Deutsche Landeskirchen und Diözesen haben ihre eigenen Sachverständigen, die hauptberuflich angestellt sind. Deshalb gibt es diese Kurse», so Walter. Weit mehr Erfahrungen habe er aber auf Reisen gemacht. Heute arbeitet Walter bei der Berner Denkmalpflege und schreibt daneben an seiner Dissertation. Das Thema: Schweizer Kirchenbau im frühen 20. Jahrhundert.cf

Sommerserie

Die Kathedrale und ihre Schätze

2012 feiert das Freiburger Domkapitel St. Nikolaus sein 500-jähriges Bestehen. Aus Anlass des Jubiläums erzählen die FN diesen Sommer Geschichten und Geschichtliches rund um das Domkapitel und die Kathedrale.cs

Zur Person

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Matthias Walters Faszination für Glockenklänge ist ihm quasi in die Wiege gelegt worden. «Ich bin zwischen zwei Kirchen aufgewachsen», erzählt er. Deren Läuten habe seinen Alltag bestimmt. Und rasch habe ihn interessiert, warum Glocken nicht immer gleich klingen. Der heute 34-Jährige hat in Bern Kunstgeschichte und Musikwissenschaften studiert, bevor er in Deutschland eine Ausbildung zum Glockensachverständigen machte. «Deutsche Landeskirchen und Diözesen haben ihre eigenen Sachverständigen, die hauptberuflich bei Restaurierungen angestellt sind. Deshalb gibt es diese Kurse», so Walter. Weit mehr Erfahrungen habe er aber auf Reisen und Besichtigungen gemacht. Heute arbeitet der Vater einer kleinen Tochter bei der Berner Denkmalpflege und schreibt daneben an seiner Dissertation. Das Thema: Schweizer Kirchenbau im frühen 20. Jahrhundert.cf