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Acht Liter Seisler Brätzele

U Flüssigs.

Es dampft und zischt, Fett trieft auf die dunkelgrüne Blache, die den Boden schützt. Mit der Zeit hat man es im Blut. Genau so lange – Handgelenk mal Pi - muss das feuerheisse, über Generationen vererbte, schwere Gusseisen auf der Gasöfeli liegen und exakt dann – relativ später – wird es wieder gewendet. Heraus kommt die perfekte Seisler Brätzela, zumindest meistens.

Bekanntlich mögen die einen die helleren, die anderen die etwas brauneren Exemplare. Je länger der Tag dauert, desto unbrauchbarer werden sie. Sie wissen schon. Die ganz schwarzen. Die mag dann Gourmande Mika, Sau von Beruf und 15-jährig, ganz gerne.

Die etwas rundliche Dame hat normalerweise einen Rossmagen. Vor sechs Jahren – bei unserem ersten jungfräulichen Brätzele – ist sie für geschlagene zwei Tage in ihrer Hütte geblieben. Todkrank. Wegen uns. Und den Brätzele. Den schwarzen. Das war uns alles andere als recht.

Und wir haben dann über Kalorien nachgedacht. Und über unsere Hüften und Hüftprothesen und ob es auch Hüftprothesen für Schweine gibt. Seither rationieren wir Mikas Portion ganz streng. Unsere hingegen haben wir nicht so im Griff.

Bereits um drei Uhr nachmittags sitzen wir zufrieden auf der herbstlich sonnigen Terrasse und staunen. So flink waren wir noch nie! Acht Liter Nydla haben wir zu Seisler Brätzele verarbeitet. Das reicht für das grosse (FR)essen, an der Kilbi, an diesem Sonntag. Und für ein paar Apéros mehr. Wir gönnen uns ein letztes Glas Weisswein, so wie es sich eben ja gehört oder auch nicht, dann geht es ans Aufräumen. Ans Putzen der improvisierten Backstube.

Unsere diesjährige Tradlermeisterin meint, die Blache stinke jeweils fürchterlich, wenn sie sie einen Tag vorher aus dem Keller hole. Ob wir uns eine neue zulegen sollten? Nein, meinen die anderen, nach dem Brätzele stinken wir genauso gleich. Dann sagt die Gastgeberin: «Weiss jemand, was mit diesem weissen Kübel ist, der unter dem Bänkli steht?»

Frau Teig-Zubereiterin, die zuallerallerletzt die übriggebliebenen, geschätzten 10'000 Kalorien mühsam von der dunkelgrünen Blache wischt, erstarrt augenblicklich. Dort liegt ganz bestimmt Teig. Das letzte Kilo. Vergessen und ganz einsam.

Schuld am Desaster ist niemand, zu schön ist der Tag. Und so lange.

Alle fangen beschämt an zu überlegen, was mit dem Teig geschehen soll. «Komm wir schenken ihn Tante Frieda, die mit dem schönen Familienwappen», sagt Diada. Nein geht nicht, für sie sicher viel zu viel Mehl drin oder auf jeden Fall die falsche Nydla. «Tante Hilda?», sagt Siada. «Sie hat schon gebrätzelet», so Diadettäne. «Und Tante Ruth kommt aus Luzern», meint Diletschti. «Hat noch jemand eine Tante?»

Wir entscheiden uns schlussendlich fürs Einfrieren. Eingefroren wird schliesslich der Teig und nicht - die Tradition.

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