Merlach 28.12.2017

Greifvögel sollen Krähen vertreiben

Krähen sind nicht nur intelligent, sondern können auch ganz schön lärmige Nachbarn sein. Mithilfe eines Falkners möchte nun die Gemeinde Merlach eine 400-köpfige Kolonie aus dem Chatoneypark vertreiben.

Im idyllischen Merlacher Chatoneypark geht es laut zu und her: Seit Jahrzehnten hat eine Saatkrähen-Kolonie das Gelände am Murtensee als ihr Zuhause auserkoren. Dass die Lebensweise von Rabenvögeln oft sehr lärmig ist, sorgt für Unmut, da die Tiere wie in Merlach gerne in Pärken und Wohnquartieren nisten. «Es gab in den letzten Jahren vermehrt Reklamationen von betroffenen Anwohnern», sagt Gemeindepräsidentin Josiane Zeyer auf Anfrage.

Gekrächze statt «Stille Nacht»

Die Merlacher kennen das Spektakel, das sich jeden Tag bei der Dämmerung bietet: Von überall her kommen die Koloniebrüter angeflogen und nehmen krächzend Kurs auf ihr Quartier. Auf schätzungsweise 300 bis 400 Tiere ist der Bestand mittlerweile angewachsen. Dass den Krähen nun unblutig zu Leibe gerückt werden soll, beschloss dieses Jahr der Gemeinderat. Dies soll mithilfe eines Falkners geschehen: Mitte November hat Ulrich Lüthi aus Kriechenwil seine Tätigkeit aufgenommen.

«Die Krähen kennen schon mein Auto.»

Ulrich Lüthi

Falkner

 

Offenbar bereits mit sichtlichem Erfolg: Bei seinem Einsatz letzte Woche war es ungewohnt still im Chatoneypark. «Die Krähen kennen schon mein Auto», sagt Lüthi, und lacht. «Sagenhaft. Daran merkt man nur, wie intelligent sie sind.» Der Falkner baut seine Gerätschaften auf; Sakerfalkendame Berta nimmt auf dem Sitzbalken Platz. Lüthi entfernt sich 40 Meter von ihr und hebt die Hand: Das Zeichen, dass sie an der sogenannten Lockleine quer über den Rasen losfliegen soll. Sicher landet der rund 1,3  Kilogramm schwere Vogel auf Lüthis Faust, die in einem dicken Lederhandschuh steckt. Zur Belohnung gibt es ein aufgetautes Eintagesküken. Die gleiche Prozedur wiederholt er mit verschiedenen Entfernungen und Greifvögeln. Nebst Sakerfalke Berta hat er einen Wanderfalken und zwei Wüstenbussarde mitgebracht. In Richtung Krähenkolonie schickt Lüthi keinen der Vögel. «Die Präsenz der Greifvögel genügt schon, um die Krähen zu vergrämen.» Diese sind die natürlichen Fressfeinde der Krähen, und gelten als potenzielle Gefahr. Dass sich momentan fast keine Krähen im Park befinden, spiele keine Rolle. «Die Tiere kommunizieren unter­einander.»

Vereinzelt kommen Schau­lustige vorbei, um dem Falkner bei der Arbeit zuzusehen. «Wir haben früher pro Paar Krähenbeine Geld erhalten», erinnert sich ein älterer Zaungast an seine Jugend in der Ostschweiz. Manche Krähe sei sogar im Kochtopf gelandet. Den Krähen im Chatoney blüht dank Falkner Ulrich Lüthi ein besseres Schicksal.

Vor 15 Jahren hat Lüthi mit der Falknerei angefangen. Heute lebt er neben seiner Tätigkeit als Heilmedium und Coach davon. Seit zwei Jahren setzt er seine Greifvögel zur Vergrämung von Krähen und Tauben ein. Erste Erfolge verzeichnete Lüthi bereits in Thun und Münsingen. «Vorher waren die Saatkrähen geschützt», sagt er über die nützlichen Allesfresser, die unter anderem auch Schädlinge vertilgen. Durch eine zufällige Begegnung mit einem Merlacher Gemeinderat kam die Idee auf, es auch in Merlach mit einer Vergrämungsaktion zu versuchen.

Skeptischer Wildhüter

Der Wildhüter des Seebezirks Elmar Bürgy zeigt sich skeptisch. «Das Problem wird nur verlagert», sagt er gegenüber den FN. Weit weg würden die Krähen nicht ziehen. «Ich kenne die Kolonie seit über 25  Jahren, ihre Fressplätze geben die Vögel nicht so schnell auf.» Neue Schlafplätze würden sie voraussichtlich in einem nahe gelegenen Wohnquartier suchen, wo sie sich vor dem Greifvogel geschützt fühlen. «Eine ähnliche Erfahrung haben wir schon in Muntelier gemacht.» Dass sie Lüthi wie vorgesehen Richtung Chablais oder Grengwald vertreiben kann, sieht er als wenig realistisch an: «Das ist zu weit weg. Ausserdem leben dort wilde Greifvögel: Zu unsicher für die Krähen.»

«Im Januar werden wir im Gemeinderat besprechen, wie es weitergehen soll.»

Josiane Zeyer

Gemeindepräsidentin Merlach

 

Tatsächlich: Einige Tage später machen die FN die Krähen in der Dämmerung in der Nähe ausfindig: Lautes Gekrächze ist in der nahen Bubenbergstrasse zu hören: Von «Stille Nacht» halten die Rabenvögel an Heiligabend wohl nicht viel. Eine Stunde später sind die heimatlos wirkenden Tiere weitergezogen: Zum Schwimmbadparkplatz, direkt neben dem Chatoneypark. Einen Tag später haben sie gar ihr altes Domizil zurückerobert. Ob das Problem jemals gelöst werden kann? Oder lautet die Prognose «Nimmermehr», wie der Rabe im berühmten Gedicht des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe immerzu wiederholt? «Im Januar werden wir im Gemeinderat besprechen, wie es weitergehen soll» , sagt Gemeindepräsidentin Josiane Zeyer. Eine weitere Massnahme sei schon geplant: Im Februar sollen die Nester aus den Bäumen entfernt werden. Damit möchte die Gemeinde dem Brüten der Tiere entgegenwirken. Noch bis am 9. Januar ist Falkner Lüthi im Einsatz; die Daten sind auf der Homepage der Gemeinde Merlach aufgeschaltet.

Zahlen und Fakten

Treu, klug, gesellig und lärmig

Sie leben in Dauerehe, nisten in Kolonien und suchen in Trupps gemeinsam nach Nahrung: Die klugen Saatkrähen sind gesellige Tiere. Rund 7000 Vogelpaare leben laut der Schweizerischen Vogelwarte in der Schweiz (2015).

ea