Bulle 07.02.2018

Mann steht wegen Kindsmissbrauch in Thailand vor Greyerzer Gericht

Seit gestern Dienstag steht in Bulle ein 72-jähriger Mann vor Gericht, der in Thailand während Jahren über 80 Buben sexuell ausgebeutet haben soll.

Der gebürtige Luzerner war bereits 1980 und 1991 in den Kantonen Freiburg und Wallis wegen Missbrauch von Minderjährigen verurteilt worden. Er flüchtete aus der Schweiz, wurde aber von der Walliser Polizei in Thailand ausfindig gemacht. Nachdem der Mann seine Strafe in der Schweiz abgesessen hatte, zog er 1996 erneut nach Thailand. Dort lockte er Knaben aus armen Familien in den Pool seines Anwesens. Er warf ihnen Münzen zu, damit sie für Fotos und Videos posierten. Weiter stiftete der Angeklagte die Buben zur Prostitution an.

«Menschliche Ware»

Die Knaben seien zur «menschlichen Ware» für die sexuelle Ausbeutung degradiert worden für kommerzielle und private Zwecke des Angeklagten, schrieb Staatsanwältin Yvonne Gendre in der Anklageschrift für den Prozess am Greyerzer Bezirksgericht. Die meisten Übergriffe passierten im Zeitraum von 2002 bis 2013. Einige Opfer waren nicht älter als 10 Jahre und wurden bis ins Erwachsenenalter ausgebeutet. Die meisten der über viele Jahre missbrauchten Knaben hatten einen europäischen Kunden als «Götti», der sie «finanziell unterstützte». Der Angeklagte erkaufte sich mit Spenden für gute Zwecke ein positives Image.

Freispruch in Thailand

Sein Verteidiger machte am ersten Prozesstag geltend, der Angeklagte sei bereits in Thailand für gleichlautende Vorwürfe vor Gericht gestanden und im Mai 2014 freigesprochen worden. Er könne nicht zweimal für die gleichen Vergehen belangt werden. Der Verteidiger argumentierte, die thailändische Justiz habe nach einer Hausdurchsuchung im Jahr 2013 bei einem Franzosen, einem Freund des Angeklagten, umfassendes Fotomaterial gefunden. Diese Unterlagen hätten der thailändischen Justiz bereits vor dem Prozess vorgelegen. Trotz des Freispruchs verliess der Angeklagte Thailand Ende 2014 erneut in Richtung Schweiz, weil er befürchtete, im Rahmen von Ermittlungen der französischen Justiz verhaftet zu werden.

Die Staatsanwältin hielt der Verteidigung entgegen, das Urteil aus Thailand beziehe sich nur auf ein einziges Delikt vom Sommer 2005. Zudem hätten die thailändischen Ermittler keinen Zugang zu den 2500 verschlüsselten Fotos auf den Geräten des Angeklagten gehabt. Diese Bilder wurden erst später durch Cyber-Spezialisten entschlüsselt. Die Ermittler in Thailand hatten nur Zugriff auf rund ein Dutzend Bilder, die von der französischen Polizei übermittelt worden waren.

Angesichts der unterschiedlichen Ansichten darüber, ob der Mann überhaupt noch einmal vor Gericht gestellt werden kann, wurde der Prozess gestern unterbrochen. Er wird heute wieder aufgenommen. Die Richter unter Vorsitz von Frédérique Bütikofer Repond müssen sich zunächst der juristischen Frage widmen, ob der Prozess überhaupt noch weitergeführt werden kann.

sda/Lib./fg