Mont Vully 14.09.2017

Die Erkenntnis aus dem Loch im Boden

Während zwei Wochen führen Archäologen auf dem Mont-Vully Grabungen durch und suchen nach Überresten früherer Kulturen.
Auf dem Plateau des Mont Vully finden archäologische Grabungen statt. Sie sollen die Befunde früherer Entdeckungen bestätigen und neue Erkenntnisse zutage fördern. Die Forscher erhoffen sich neue Informationen über das Oppidum aus der Helvetierzeit.

Als ihre Führer wie Divico die Helvetier dazu aufriefen, verliessen sie im Jahr 58 vor Christus ihre Siedlungen und folgten dem Zug ihres Stammes nach Frankreich – so auch die Bewohner des Oppidums auf dem Mont Vully. Die im kollektiven Gedächtnis der Schweiz tief verankerte Geschichte ist schön, aber wahrscheinlich nicht wahr, wie man aufgrund neuer Erkenntnisse aus Grabungen auf dem Hügel weiss.

Das kantonale Amt für Archäologie und Studierende sowie Wissenschaftler der Universität Lausanne arbeiten seit rund einer Woche auf dem Wistenlacherberg. Es ist die erste Kampagne seit 15 Jahren. 2002 wurden Grabungen an jenem Ort durchgeführt, an dem heute der Nachbau eines Abschnitts der Festungspalisade steht. Sie hätten Anhaltspunkte, sagt Grabungsleiter Thierry Luginbühl, dass das Oppidum nicht von den Helvetiern gebaut und verlassen worden sei, sondern von deren Vorgängern, vermutlich Sequanern. Diese seien etwa 100 vor Christi Geburt vom helvetischen Stamm der Tiguriner verdrängt worden. In jener Zeit sei wohl auch die befestigte Siedlung auf dem Hügel erobert oder aufgegeben worden, nicht einmal 30 Jahre nach ihrer Erbauung. Für die helvetische Landnahme gebe es im Übrigen auch andernorts in der Westschweiz Anzeichen.

«Wir sind sicher: Der Mont Vully ist ein zentraler Standort für das Verständnis der Geschichte des Schweizer Mittellandes während der beiden Jahrhunderte vor der Zeitenwende», sagt Luginbühl. Der Berg müsse noch viele Fragen beantworten. «Über diese Zeit ist wenig bekannt für unsere Region, weil es kaum schriftliche Überlieferungen gibt.» Man gehe auch davon aus, dass keine klare ethnopolitische Trennung möglich sei; dass also helvetische und römische Geschichte in der Region parallel zueinander ablief – und nicht etwa nacheinander.

Eine weitere Annahme, für die es Anzeichen gebe: Die Festung sei kaum bewohnt, vielleicht nicht einmal voll funktionsfähig gewesen, und sei bald verlassen worden. «Vieles, was man heute zu wissen glaubt, muss man überarbeiten.» Dafür suche sein Team mit Sondierbohrungen an zwei Orten auf dem Hauptplateau des Mont Vully nach Beweisen.

Interessant, aber falsche Zeit

Feinsäuberlich schaufeln und wischen die Archäologen den Boden weg. Das Grabungsfeld ist rund einen Meter tief und etwa 100 Quadratmeter gross. Laut Pascal Brand, der die Arbeiten leitet, habe man etwas gefunden, allerdings nicht das Erwartete: Löcher im Boden, die wohl der Entsorgung von Haushaltsabfällen am Rand einer Siedlung dienten. Das klinge zwar unspektakulär, doch die Strukturen seien über 3000 Jahre alt und stammten aus dem Ende der Bronzezeit – also etwa aus der Zeit der Pfahlbauer. So frühe Siedlungsreste auf dem Mont Vully habe man nicht vermutet, ergänzte Carmen Buchillier, Leiterin des Freiburger Amtes für Archäologie. Sie sprächen dafür, dass der Ort schon früh und immer wieder besiedelt gewesen war, mindestens zeitweise. Deshalb seien nur schon diese Entdeckungen eine Bereicherung. Sie verwies auf bronzezeitliche Funde in Lugnorre und am Murtensee. «Möglich, dass da ein Zusammenhang besteht.»

Belege für Helvetier

Aus der Zeit der Helvetier fanden die Forscher das Bauniveau der damaligen Siedlung und einzelne Objekte. Sie hoffen, dass mit ihren Erkenntnissen der ethnisch-politische Atlas der Schweiz aus der Zeit der Helvetier neu geschrieben werden kann.

Brand führte weiter aus, dass alle Strukturen auf dem Berg massiver Erosion ausgesetzt seien und die Häuser damals noch nicht aus Stein oder Lehm gebaut wurden, sondern aus Holz. Dieses könne die lange Zeit nicht überdauern. Er mache sich keine Hoffnungen auf den Fund grösserer Baukörper. Jedoch würden sie nächstes Jahr die Terrasse unterhalb des Plateaus auf der Südseite in Angriff nehmen. «Wir erwarten dort wertvolle Funde, da es wohl das eigentliche Siedlungsgebiet auf dem Mont Vully gewesen war.» Es sei einerseits besser vor Wind und Wetter geschützt, andererseits könnte zudem erodiertes Material vom Plateau dorthin getragen worden sein.

Metalldetektoren und Radar

Freiburger Experten unter dem Archäologen Michel Mauvilly haben begonnen, den Hügel mit Metalldetektoren systematisch zu begehen. Die Lausanner Forscher wiederum untersuchten ihn vor den aktuellen Grabungen vor Ort mit einem Bodenradar.

Die Grabungen werden noch bis Ende dieser Woche laufen. Parallel dazu werden die Funde dokumentiert. Dann wird das Gelände wieder zugeschüttet. Vorgesehen sind regelmässige Grabungsarbeiten bis ins Jahr 2022.

Zusammenarbeit

Kantonale Archäologen und Forscher ergänzen sich

Das Besondere an der aktuellen Kampagne ist die enge Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern des Archäologischen Amtes des Kantons Freiburg und Wissenschaftlern der Universität Lausanne sowie dem Verein Pro Vistiliaco und dem Kulturfonds der UBS. Laut Amtschefin Carmen Buchillier ist die Universität Freiburg auf die Region Mittelmeer spezialisiert, während die Lausanner Archäologie sich gut in gallischer und gallorömischer Geschichte auskennt. Nur durch diese Kooperation sei es möglich, die nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen, erläuterte Buchillier gestern. Ihr Team greife in der Regel nur ein, wenn wegen Bauprojekten Notgrabungen durchgeführt werden müssen. Da das Plateau jedoch Schutzgebiet sei, könne man Grabungen nicht mit einem Notfall begründen. «Deshalb profitieren beide Seiten von der Zusammenarbeit.»

fca