Murten 08.11.2017

Wie Johann Wolfgang von Goethe vor 240 Jahren in Murten zum Langfinger wurde

Die Ruine des Beinhauses von Murten nach der Zerstörung.
Im neuen Seebutz erzählt ein Text die Geschichte des Beinhauses Murten.

Morgen erscheint der «Seebutz 2018». Die 68. Ausgabe des Heimatbuches des Seelandes und Murtenbiets widmet sich nebst Themen wie den Hugenotten, einer Wildkatze und Orchideen auch dem Beinhaus von Murten. Dessen Geschichte begann am 22. Juni 1476. Nachdem die Burgunder und deren Verbündete die Schlacht von Murten verloren hatten, lagen rund 10 000 Tote auf Feldern und im See. «Das war eine Krankheitsgefahr und ein logistisches Problem», sagt der Germanist Rolf Hubler aus Villarepos, der Autor des Artikels.

Eintracht und Überheblichkeit

Drei Tage lang fledderten die siegreichen Eidgenossen die Leichen auf dem Schlachtfeld. Das war damals Brauch. Dann verscharrten sie die Toten in zwei Massengräbern zwischen Merlach und Greng.

Bis neun Jahre später Peter von Erlach, der Prior der Katharinenkapelle zu Murten, den Bau eines Beinhauses veranlasste, um darin die exhumierten Schädel und Knochen der Gefallenen bis unter die Decke zu stapeln. Neben diesem 1485 fertiggestellte Beinhaus wurde eine Kapelle errichtet. «Damit klar war, welche Instanz die letzte Weiche stellt», schreibt Rolf Hubler im Text.

Am Ossarium, wie Fachleute Räume zum Aufbewahren menschlicher Gebeine nennen, wurde eine Kalkplatte mit der Inschrift von Albrecht von Haller angebracht: «Steh, still, Helvetier! Hier ligt das kühne Heer. Die Eintracht schlug den Feind. Lernt, Brüder. eüre Macht, sie ligt in eürer Treü.»

Jakobinerbaum, Linde, Obelisk

Dass die Eintracht die Burgunder stürzte, sei ein Mythos, sagt Rolf Hubler. «Die Überheblichkeit ihres Anführers Karl der Kühne, der die Eidgenossen als Bauerntölpel unterschätzte, war ebenso entscheidend.»

Die folgenden fast 200 Jahre wurde das Beinhaus regelmässig renoviert. Es galt als nationale Gedenkstätte und war eine touristische Attraktion für britische und französische Romantiker. Aber nicht nur. Auch berühmte Leute besuchten das Beinhaus.

Giacomo Casanova berichtete davon im achten Kapitel seines sechsten Buches «Histoire de ma vie». Johann Wolfgang von Goethe war 1779 auf seiner zweiten von drei Schweizerreisen ebenfalls dort und schrieb seiner Vertrauten Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein in einem Brief: «Wir kamen tüchtig im Regen nach Murten, ritten aufs Beinhaus und ich nahm ein Stükgen Hinterschädel von den Burgundern mit.»

Der letzte prominente Besucher des Beinhauses war Napoleon 1797 auf seinem Weg zum Rastatter Kongress. Dann, am 3. März 1798, zerstörten burgundischen Soldaten der Musiktruppe beim Durchmarsch der französischen Armee das Beinhaus und pflanzten an dessen Stelle einen Jakobinerbaum. Den ersetzten die Freiburger Behörden durch eine Linde, die 1822 jenem quadratischen Obelisken weichen musste, der seither als Denkmal für die Schlacht bei Murten dient.

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