Freiburg 23.01.2017

«Der Austausch ist ein gutes Medikament»

Clément Wieilly.
Der Freiburger Clément Wieilly möchte Opfern von Zwangsmassnahmen zu ihrem Recht verhelfen. Auch im Sensebezirk.

Clément Wieilly hatte es in seinem Leben nicht leicht: Der 62-Jährige ist im burgerlichen Waisenhaus der Stadt Freiburg aufgewachsen. Er wurde geprügelt und sexuell misshandelt. Seine Eltern hat er nicht gekannt. Die eine Schwester ist verhungert, die beiden Brüder waren auch im Heim. Dass er noch eine Schwester hat, die in Solothurn lebt, hat er erst vor wenigen Jahren erfahren.

Clément Wieilly machte eine Spenglerlehre, später sattelte er um auf Sportlehrer und arbeitete als sozio-kultureller Animator. Heute lebt er von einer IV-Rente.

Als Bundesrätin Simonetta Sommaruga sich im Jahr 2013 bei den Heim- und Verdingkindern sowie den Zwangsadoptierten entschuldigte, erkannte er: «Ich gehöre auch zu diesen Leuten.» Er suchte in Archiven nach Dokumenten aus seiner Kindheit und erfuhr mehr über seine Familie – und wie die Behörden wegschauten und sich nicht um die Familie in Not kümmern wollten. Von diesem Moment an begann er, sich für Heim- und Waisenkinder aus dieser Zeit zu engagieren. «Viele Opfer sind heute alt, und es geht ihnen schlecht – weil sie gar nie die Chance auf ein gutes Leben hatten», sagt Wieilly.

Clément Wieilly ist Gründungsmitglied der Stiftung «Agir pour la Dignité» und sitzt als Vertreter der Betroffenen am runden Tisch des Bundes für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Er kämpft für seine Rechte – beispielsweise für ein Bankkonto, das auf seinen Namen lautet, das ihm die Behörden nach seiner Volljährigkeit jedoch verschwiegen haben.

Clément Wieilly trifft immer wieder Opfer von Zwangsmassnahmen im Kanton Freiburg. Er hält ihre Geschichte fest. Und er hilft ihnen, ein Gesuch für den Solidaritätsbeitrag zu stellen: Anerkannten Opfern von Zwangsmassnahmen stehen Beiträge von bis zu 25 000 Franken zu. «Viele wissen das gar nicht», sagt Wieilly. «Und andere wissen nicht, wo sie die Unterlagen dazu finden.»

Treff im Sensebezirk

Dabei stellte Clément Wieilly fest, dass im Sensebezirk bisher nicht viel für die Opfer von Zwangsmassnahmen getan wurde. Er möchte das ändern. «Ich träume von einem Treffpunkt im Sensebezirk», sagt er. Schon nur, dass sich ehemalige Heimkinder oder Fremdplatzierte austauschen könnten, sei sehr wichtig. «Das ist ein gutes Medikament.» Er stellt sich vor, dass eine Gemeinde die Räumlichkeiten für einen Treffpunkt zur Verfügung stellen könnte und dass dank Spenden im Treffpunkt auch eine einfache Pflege und therapeutische Massagen angeboten werden könnten. Selber stellt er sich zur Verfügung, um die Lebensläufe der Opfer aus dem Sensbezirk festzuhalten. «Die Leute sollen mich einfach kontaktieren – ich spreche auch ein wenig Deutsch, das geht schon.» Clément Wieilly hat viele Projekte. So möchte er auch Lieder schreiben, die sich um das Leben von Opfern von Zwangsmassnahmen drehen. «Ich habe da schon eine Idee für die Texte.» Auch dafür sucht er Geld und Partner. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Musik möchte er den Treff mitfinanzieren.

Er plant eine Sammelklage

Und noch ein weiteres Vorhaben treibt Clément Wieilly um: Im Kanton Freiburg gab es 18 Institutionen für platzierte Kinder. «Ich möchte, dass all diese Institutionen anerkennen, dass sie Kinder misshandelt und Leid über sie gebracht haben», sagt Wieilly. Darum plant er eine Sammelklage gegen den Kanton Freiburg. «Ich verlange eine symbolische Geste für die Opfer» – was nichts anderes heisst als eine finanzielle Unterstützung. «Viele Opfer von Zwangsmassnahmen leben heute in Armut. Der Kanton soll ihnen etwas Würde zurückgeben.»

http://agirdignite.ch/clement-wieilly; Kontakt: 079 564 42 27

Chronologie

Jahrelanges Unrecht

Bis 1981 haben in der Schweiz Tausende von Personen schwerstes Unrecht, Misshandlungen und Missbrauch erlitten. Menschen wurden ohne Gerichtsbeschluss administrativ versorgt, Frauen zur Abtreibung gezwungen oder Kinder gegen den Willen ihrer Mütter fremdplatziert. Die Betroffenen werden nun finanziell entschädigt: Im letzten Herbst hat das Bundesparlament sich für einen Solidaritätsfond ausgesprochen. Dieser stellt ehemaligen Verdingkindern und Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen insgesamt 300 Millionen Franken zur Verfügung. Das Gesetz sieht individuelle Solidaritätszahlungen von bis zu 25 000 Franken vor. Ausserdem müssen die Kantone Anlaufstellen für die Opfer einrichten, und Betroffene sollen Einsicht in die Dokumente erhalten. Weiter soll das Unrecht wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

njb