Forsthütte im Höllbach 06.06.2011

Eine Erinnerung an Pionierarbeit

Eine Erinnerung an Pionierarbeit

Die Forsthütte Hölli soll abgerissen werden, weil sie rutschgefährdet ist, weil eine Sanierung teuer ist und weil sie auch nicht mehr gebraucht wird. Gegen dieses Vorhaben regt sich Widerstand, vor allem aus sentimentalen Gründen. Viele gute Erinnerungen sind mit der Hütte verbunden. Ein Blick zurück in die Zeit der Aufforstungen im Plasselbschlund.

 

In den letzten Jahren ist es still geworden um das Forsthaus Hölli. Die Hütte liegt etwas versteckt, leicht abseits der Waldstrasse, anderthalb Kilometer von der Lantera (Falli-Hölli) entfernt im Plasselbschlund. Der Glanz früherer Zeiten ist längst abgeblättert. Der Fussweg von der Strasse ist mit Unkraut überwuchert, ebenso der Vorplatz. Die Schindeln an den Wänden sind verwittert. Kein Zweifel: Das Forsthaus Hölli hat die besten Zeiten hinter sich. Vor etwa fünf Jahren kam es zu einer Rutschung und seither konnte es aus Sicherheitsgründen nicht mehr genutzt werden. Aber schon Jahre zuvor wurde die Hütte nicht mehr regelmässig gebraucht.

Könnte sie aber sprechen, so könnte sie Zeugnis abgeben von Zeiten, als sie ein wichtiger Stützpunkt für die Forstarbeiten im Plasselbschlund war. Die Höllbach-Hütte ist 1941 erbaut worden. Das war zu einer Zeit, als die Aufforstungsarbeiten in vollem Gang waren. Ein Blick zurück: Bereits im 11. bis 14. Jahrhundert waren die grossen Waldungen im Plasselbschlund nach und nach gerodet worden. Mit der gestiegenen Nachfrage nach Holz im Zuge der Industrialisierung wurden im 19. Jahrhundert die restlichen Wälder geplündert. Die Natur rächte sich. Es kam zu Erosionsschäden und Rutschungen. Bei Gewittern entwickelten sich die Wasserläufe zu Wildbächen, die ungehemmt ins Tal donnerten und zu Überschwemmungen führten. Der Höllbach und die Ärgera machten ihren Namen alle Ehre.

Mühsame Handarbeit

Dagegen musste etwas unternommen werden. Wiederaufforstung lautet die Lösung. Grundlage bildete das eidgenössische Forstgesetz von 1876. Es dauerte aber noch Jahre, bis in Freiburg alle Kreise überzeugt waren. Der Grosse Rat hat den Staatsrat 1890 ermächtigt, die Alpen Schlattli, Stutzhöll und Luggeli im Höllbachtal zu erwerben und mit der Aufforstung zu beginnen. Es kamen weitere Alpen dazu und das gross angelegte Wiederaufforstungsprojekt, verbunden mit Stabilisierungsmassnahmen in den Bächen, nahm seinen Lauf. Deshalb ist heute noch der grösste Teil des Plasselbschlundes Staatswald. Die Forstarbeiter bauten in Handarbeit Entwässerungsgräben und Wege zu den Alpen, um von dort das Pflanzmaterial zu den Aufforstungsflächen zu bringen. Sie gingen am Montag früh ins Waldgebiet und blieben bis Samstagmittag. In Forsthütten wie der Höllbachhütte, der Italienera, der Glunggmooshütte oder der Hütte im St. Ursen-Vorsatz wurden sie verpflegt und fanden Unterkunft. Ins Rutschen geraten Bis in die 1960er-Jahre war die Höllbachhütte ein solcher Stützpunkt.

Dann erlaubte die Motorisierung die tägliche Fahrt nach Hause. In der Folge wurde die Hütte als Stützpunkt für Kurse von Forstwartlehrlingen genutzt. Gleichzeitig wurde das Forsthaus über viele Jahre an Private vermietet, zum Beispiel für Familienfeste, Zusammenkünfte aller Art oder Ferien. Die Hütte ist auf einer Felsrippe gebaut und sollte eigentlich für die Ewigkeit halten. Doch wurde 2006 beim talseitigen Fundament eine Absenkung des Bodens festgestellt. Der Hang unterhalb der Hütte war in Bewegung geraten. Zur Stabilisierung wurden grosse Bäume gefällt, um Gewicht vom Hang zu nehmen. Die Sicherung des Hangs und die Sanierung des Gebäudes wären mit hohen Kosten verbunden. Zudem ist ungewiss, ob dies etwas bringen würde. Dazu kommt, dass die Hütte für die Waldbewirtschaftung nicht mehr benötigt wird.

Ein Kulturdenkmal

Das Amt für Wald, Wild und Fischerei hat deshalb entschieden, sie abzureissen. Das Gesuch soll demnächst aufgelegt werden. «Es ist schade, dass die Hütte abgerissen werden soll», sagt Hervé Brügger, Ammann von Plasselb. Das Fundament sei noch gut und mit einigen Sanierungsmassnahmen könnte sie wieder instand gestellt werden. Er bedauert es, dass der Staat die Kosten dafür nicht im Detail ausgerechnet hat. «Die Hütte hat eine Geschichte. Sie war Dreh- und Angelpunkt bei der Aufforstung, sie war das Zuhause von vielen Arbeitern, die Pionierarbeit geleistet haben.» Er sei überzeugt, dass die Hütte schon allein wegen ihrer Geschichte erhaltenswert sei. «Unsere Vorfahren haben für die heutigen Errungenschaften hart gearbeitet. Das dürfen wir nicht vergessen», sagt Hervé Brügger. «Es ist ein Kulturdenkmal aus der Pionierzeit, ein Erbe, das man erhalten sollte.» Er sei sich bewusst, dass für so ein Projekt Geld nötig sei – Geld, das die Gemeinde nicht hat. «Die Hütte kann nur gerettet werden, wenn eine Privatperson bereit ist, Geld hineinzustecken.» Er könnte sich vorstellen, dass daraus eine Art Museum oder zumindest ein Informationszentrum über die Aufforstungsarbeit entsteht. Kosten zu hoch Walter Schwab, Dienstchef des Amtes für Wald, Wild und Fischerei, hat Verständnis für die Argumente gegen den Abbruch. «Der Erhalt wäre aber sehr teuer. Die Hütte steht schon seit längerem leer. Es müsste einiges gemacht werden», hält er fest. «Man kann als Eigentümer kaum eine Hütte stehenlassen, deren Umgebung langsam wegrutscht.» Die einzige flache Stelle um die Hütte, der Vorplatz, sei entzweigerissen. Die Mauer bei der Felskante stürze langsam ab. «Massnahmen wären schwierig und aufwendig. Eine Stabilisierung würde sicher eine sechsstellige Summe benötigen, ohne dass eine langfristige Sicherung garantiert wäre.»

Der Abbruch von Waldhütten sei auch in einer Botschaft an den Grossen Rat 2008 thematisiert worden; es sei zu keinen Reaktionen gekommen, sagt Walter Schwab. Das Amt wolle diesen Zeitzeugen nicht unbedingt entfernen, wenn sinnvolle und vertretbare Lösungen gefunden würden. «Für die Waldbewirtschaftung wird die Höllbachhütte jedoch nicht mehr gebraucht.» Mit dem Bau des Werkhofs Brügi in Rechthalten sei dieser der zentrale Ausgangspunkt für die Arbeiten im Staatswald im ganzen Sensebezirk geworden.

Erinnerung: Wo Bundesräte Kaninchen assen

Anton Brülhart ist Kantonsoberförster im Ruhestand und erinnert sich noch gut an die Glanzzeiten der Höllbach-Hütte. «Es ist keine umgebaute Alphütte, sondern sie wurde von Grund auf neu für die Forstarbeiter gebaut.» Den Bauplatz auf einem Felskopf habe der damalige Sensler Oberförster Josef Jungo gewählt. Kurt Furgler gefiel es Eine ganz besondere Erinnerung hat Anton Brülhart aus dem Jahr 1976. Damals nämlich war der Bundesrat zu Besuch in der Höllbach-Hütte. Anlass war, dass das Eidgenössische Forstgesetz 100 Jahre zuvor in Kraft gesetzt worden war. Das Aufforstungsprojekt im Höllbachgebiet galt als Paradebeispiel für die Sanierung eines heruntergewirtschafteten Voralpengebiets. «Der Bundesrat war an seinem Ausflug in den Höllbach am Dienstag, 6. Juli 1976, vollzählig: Ernst Brugger, Georges-André Chevallaz, Kurt Furgler, Bundesratspräsident Rudolf Gnägi, Pierre Graber, Hans Hürlimann und Willy Ritschard», erinnert sich Anton Brülhart. «Kurt Furgler schwärmte in den höchsten Tönen von der herrlichen Waldluft und der Alpenwelt.» Hingegen habe Ernst Brugger über Kopfweh geklagt und sich dagegen gar Pillen geben lassen. «Er äusserte sich – wahrscheinlich schlecht inspiriert von seinem brummenden Kopf – sehr ungnädig über uns Freiburger», erzählt Anton Brülhart. «Chüngù» statt «Brägù» Bekocht wurden die hohen Herren vom Wirt des Bahnhofbuffets Freiburg. Es gab Kaninchen. «Albin Neuhaus aus Plaffeien war der legendäre Koch unter den Forstarbeitern der Equipe Höllbach unter der Leitung von Förster Alfons Raemy», erzählt der ehemalige Kantonsoberförster. Die Kost von Albin Neuhaus sei bei seinen Arbeitskollegen und auch in den Lehrlingskursen beliebt und berühmt gewesen. Der beliebte Hobbykoch hätte gerne für die Bundesräte gekocht. Anton Brülhart erinnert sich an den Ausspruch von Albin Neuhaus nach dem hohen Besuch: «Ich glaube, mein Brägù hätte ihnen besser gefallen als dieser Chüngù.» Albin Neuhaus sei sehr väterlich, zuverlässig und liebenswürdig gewesen, trotz der harten Arbeit. «Nach der Pensionierung bat er darum, weiterhin im Staatswald Höllbach arbeiten zu dürfen, aber zu einem geringeren Lohn, damit er es etwas gemächlicher nehmen dürfe.» Anton Brülhart kann aus dem Stegreif viele weitere Episoden rund um die Höllbach-Hütte erzählen. «Familienferien, Polterabende, Semestertreffen, sogar einmal ein klassisches Konzert haben dort stattgefunden», erzählt er. Ein Urteil über den Entscheid des Kantons, die Hütte abzubrechen, will Anton Brülhart nicht abgeben. Zu lange war er im Staatsdienst, als dass er seine Regel bräche, in dieser Position die Entscheide der Nachfolger im Amt nicht zu kommentieren. im

 

Erinnerung: Ein Arbeitsleben «in der Höll»

Alfred Rumo ist der letzte noch lebende Arbeiter der legendären Höllbach-Equipe. Als 23-Jähriger hat er 1954 angefangen, im Staatswald zu arbeiten, 38 Jahre ist er geblieben. «Im Winter wurde mit der Waldsäge ohne Maschinen das Holz gerüstet, gefeldert (auf Holzrinnen transportiert) und mit Schlitten an den Weg transportiert, wo es mit Pferdewagen weitergebracht wurde», erinnert er sich und erzählt von Wintern mit bis zu zwei Metern Schnee. «Im Sommer wurde kein Holz geschnitten, weil der Saft im Baum war.» In dieser Zeit seien Naturstrassen, Brücken und Berghäuser repariert und Jungpflege im Wald betrieben worden. Im Frühling hätten die Arbeiter bis zu 30 000 Fichten und Erlen gepflanzt. Vor der Motorisierung fing die Woche am Montag um sieben Uhr an und endete am späten Samstagnachmittag. Den Hin- und Rückweg legten die Arbeiter auf Ski oder zu Fuss zurück. Erst als Förster Alfons Raemy in den 60er-Jahren einen Landrover kaufte, war es einfacher. Alfred Rumo erinnert sich, dass es damals selbstverständlich war, dass die Arbeiter ihr eigenes Zeppi und eine Axt mitbringen mussten, ebenso das Frühstück. Nach elfstündigen Arbeitstagen zu einem Stundenlohn von 1,20 Franken habe man abends gegessen, Radio gehört, gejasst und sei früh schlafen gegangen – obwohl die Betten im Massenlager nicht so bequem gewesen seien. «Zu essen gab es oft Häppere ù Hörnli oder Hörnli ù Häppere», sagt er. Manchmal gab es auch Speck und Wurst zu den Kartoffeln. Der 80-Jährige hat auch am Bau des Forsthauses Hölli mitgearbeitet. Kürzlich hat er die Hütte nach vielen Jahren wieder besucht – der Weg ging auf Strassen, an denen er mitgebaut hat, und durch Wälder, die er angepflanzt hat. Beim Anblick der Hütte war er erschüttert über die verlotterte Umgebung. «Die Hütte würde ewig halten, wenn man sie unterhalten würde», ist Alfred Rumo überzeugt. Er erzählt vom Schindeln, vom grossen Brunnentrog, den er selbst gebaut hat, von den Mauern, die 70 Jahre gehalten haben, und von den vielen Stunden, die er und seine Kollegen in der Hütte und im Wald drum herum verbracht haben. «Jetzt wird die Staatshütte abgerissen, die Strasse gesperrt – welch trauriger Abschied.» im