Archiv 28.07.2012

Bienenzucht verträgt keine Alleingänge

In diesen Tagen müssen die Imker ihre Bienen gegen diegefährliche Varroa-Milbe behandeln, um nicht nochmals grosse Verluste einzufahren. Zur Information der Imker haben der Bienenzuchtverband und das Zentrum für Bienenforschung gestern zum «Varroa-Höck» eingeladen.

Autor: Karin aebischer

Bei den Freiburger Imkerinnen und Imkern sitzt der Schock über das noch nie so dagewesene Bienensterben vom vergangenen Winter (die FN berichteten) immer noch tief. «Die Imker haben Angst, dass ihnen im nächsten Winter das Gleiche passieren könnte», sagt der Bienenwissenschaftler Jochen Pflugfelder vom Zentrum für Bienenforschung (ZBF) der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux. Für die Präsidentin des Sensler Imkervereins Franziska Ruprecht sowie für den Kantonalverband war deshalb klar, dass sie einen Informationsabend für die Imker organisieren wollen. Zum ersten Mal sind deutsch- und französischsprachige Imker gestern Abend im Landwirtschaftlichen Institut in Grangeneuve für einen zweisprachigen Vortrag zusammengekommen, um sich von den Wissenschaftlern des ZBF über die richtige Behandlung der Varroa-Milbe und den Stand der Forschung zu informieren. «Varroa destructor steht bei den Gründen für das Bienensterben auf Platz eins, zwei und drei», unterstreicht Pflugfelder die Problematik.

Verbotene Mittel verwendet

Dass die Varroa-Milbe solch dramatische Völkerverluste verursacht, ist durch unwirksame oder unterlassene Behandlung zu erklären. «Es wurden zum Teil Behandlungsmittel verwendet, die keine Zulassung haben und die aufgrund von Resistenzen bereits unwirksam sind», sagt der Bienenwissenschaftler. Die richtige Anwendung ausschliesslich zugelassener Mittel sei die einzige Sicherheit dafür, dass die Völker wirksam gegen die Milbe behandelt würden. «Was ein Imker tut oder nicht tut, hat zwangsläufig Auswirkungen auf andere Imker.»

Wer Bienen hält, kann nicht verhindern, dass eine Übertragung von Krankheiten und Parasiten von anderen Völkern stattfindet. Für die Varroa-Milbe ist dies die Überlebensstrategie; sie kann ein stark befallenes Volk verlassen, das keine Chance hat, den Winter zu überstehen. Diese sogenannte Reinvasion (siehe Kasten) ist der Grund, wieso ein Imker, der noch so gut behandelt, ohne es zu bemerken, erneut viele Milben in seinen Völkern haben kann. Im Winter sind die parasitierten und kurzlebigen Bienen der Grund für das Sterben des Bienenvolks.

Jochen Pflugfelder arbeitet an der Forschungsanstalt Agroscope mit Nachdruck an einer nachhaltigen biologischen Bekämpfung der Varroa-Milbe. Doch bis diese umgesetzt werden kann, muss die Situation dringend verbessert werden. «Wir müssen versuchen, die Völker zu einem Zeitpunkt koordiniert zu behandeln. Damit würden wir den Milben den Weg abschneiden.» Die Lösung sei also eigentlich ganz einfach.

Alle am selben Tag

Die Varroa-Behandlung müsste so organisiert sein wie die 1.-August-Feiern, die auch alle am selben Tag stattfinden. «Wir untersuchen dieses Jahr, ob nicht der ‹eidgenössische Ansatz› einer koordinierten Behandlung funktionieren könnte.» Im Berner Mittelland untersucht Pflugfelder bereits dieses Jahr die Wirksamkeit einer flächendeckenden gleichzeitigen Behandlung der Völker, dies mittels eines grossen Feldversuchs.

Aktuell die einzige Chance

Franziska Ruprecht ist von diesem Ansatz bereits jetzt überzeugt. «Wir schaffen es nur auf diese Weise. Es sind keine Alleingänge möglich», sagt die engagierte Bienenzüchterin. Auch die Freiburger Bienenkommissärin Barbara Volery bezeichnet die koordinierte Behandlung als «momentan einzige Chance», um die Reinvasion der Varroa-Milbe zu verhindern. Sie zeigt sich sehr erfreut über den einberufenen «Varroa-Höck». «Je besser die Imker informiert sind, umso besser können wir die Milbe bekämpfen.»

Denn die Folge des Milben-Befalls der Bienen ist nicht nur im Kanton Freiburg, sondern weltweit ein grosses Problem, wie Jochen Pflugfelder erläutert. «Sollten wir eine Lösung für das Problem finden, kann diese als ‹Swiss made› weltweit eingesetzt werden.» Das Zentrum für Bienenforschung ist in der Forschungsarbeit hierzu bereits «relativ weit fortgeschritten».

Bereits jetzt können die Imkerinnen und Imker Einfluss darauf nehmen, wie es ihren Bienenvölkern im kommenden Winter ergehen wird. Die Varroa-Behandlung sollte jetzt erfolgen.Bild Aldo Ellena/a

Hilfe vom Bund:Neuer Dienst für die Bienen

Der Bund hat im Mai beschlossen, auf Anfang 2013 hin einen Bienengesundheitsdienst einzuführen. Dieser soll die Bienengesundheit fördern und die Zahl der Völkerverluste senken. «Das ist ein ganz wichtiger und schon lange nötiger Schritt», sagt der Biologe und Bienenwissenschaftler Jochen Pflugfelder. Die Erkenntnisse aus der Wissenschaft würden damit schneller umgesetzt. Auch der Freiburger Staatsrat will Bemühungen zum Schutz der Bienenvölker fördern (FN vom 19. Juni). Eine neue Gesetzesbestimmung auf kantonaler Ebene lässt Subventionen zu, zum Beispiel in Form der vergünstigten Abgabe von Behandlungsmitteln oder auch für Weiterbildungen. ak

Reinvasion:Von einem Volk zum nächsten

Da die Varroa-Milbe selbst keine Flügel hat, geht sie von einem bereits geschwächten Volk auf räuberische Bienen über und gelangt so zum nächsten Bienenvolk. Bis zu 300 Milben pro Tag können auf diese Weise in ein Volk übertragen werden, wie Bienenwissenschaftler Jochen Pflugfelder erklärt. Die Varroa-Milbe hat nur einen einzigen Wirt, die Honigbiene. Nur bei ihr kann sie Blut saugen. Wenn die Milbe ein Volk befallen hat, stirbt es ohne Behandlung nach zwei bis drei Jahren. Die verkürzte Lebensdauer der Arbeiterinnen ist hierbei der kritische Faktor für den Tod des Bienenvolkes im Winter. ak