Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

1968 als sprachenpolitisches Jahr

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Der 40-jährige Historiker und Politikwissenschaftler Bernhard Altermatt ist Fraktionspräsident der CVP-/GLP-Fraktion im Freiburger Generalrat, Vorstandsmitglied beim Verein Kultur Natur Deutschfreiburg sowie seit neustem stolzer Vater einer kleinen Tochter. Er hat sich mit dem Thema «1968 und die Sprachenfrage» auseinandergesetzt. Das Epochenjahr stellt nämlich auch für die Deutschfreiburger eine wichtige historische Zäsur dar.

Wie stellte sich in sprachpolitischer Hinsicht die Ausgangslage im Kantone Freiburg vor 1968 dar?

Nach 1945 – und auch bereits vorher – war die deutsche Sprache und die Deutschsprachigen in Freiburg diskriminiert. Es bewegte sich wenig, und die Unzufriedenheit stieg. 1959 wurde die Deutschfreiburgische Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie hat in den 1960er-Jahren zahlreiche Impulse gegeben, darunter der Kulturpreis und die Theatergesellschaft, die bis heute bestehen, sowie eine Petition an die Kantonsbehörden eingereicht. Auch im Grossen Rat kam es zu zahlreichen Vorstössen von Deutschfreiburger Grossräten, die eine Sensibilisierung bezüglich der Zweisprachigkeit herbeiführten.

Was war aus Ihrer Sicht der Grund für diese damalige Diskriminierung?

Schlicht die Minder­heiten­situa­tion – Freiburg stellt diesbezüglich keine Ausnahme dar. Dasselbe galt für die Jurassier in Bern oder die sprachlichen Minderheiten in Belgien und Kanada. In den 1960er-Jahren kam es dann an all diesen Orten zu dem, was die Forschung heute als «ethnic revival» (ethnische Wiedergeburt) bezeichnet.

Führte die Freiburger Sprachenpolitik auch zu Eklats?

Ja, zu einem Mini-Skandal am Fernsehen. 1966 sendete das Deutschschweizer Fernsehen eine Reportage aus Freiburg, die zu Kritik an der kantonalen Sprachensitua­tion führte. Staatskanzler René Binz und Peter Boschung, der Präsident der Deutschfreiburgischen Arbeitsgemeinschaft, gerieten ziemlich unsanft aneinander.

Haben Sie diese Sendung gesehen?

Leider nicht. Man müsste noch tiefer im SRF-Archiv recherchieren und auf einen Glücksfall hoffen. Peter Boschung beklagte sich jedoch, es sei ein Skandal, wie die Deutschfreiburger schlecht behandelt würden, und der Staatsrepräsentant reagierte nicht sehr verständnisvoll. Aus heutiger Sicht war es wohl keine grosse Sache. Aber früher äusserte man sich generell viel zurückhaltender im Fernsehen.

Wie reagierte der Staatsrat damals darauf?

Er analysierte die Sprachenfrage erstmals eingehend und publizierte 1968 einen Bericht.

Und zu welchen Schlüssen kam dieser Bericht?

Dass man sich aktiv um den Sprachfrieden bemühen muss. Dass es nicht automatisch funktioniert. Dass man in der Verwaltung mehr Deutschsprachige anstellen muss, und dass die deutsche Sprache generell zu stärken ist. Schliesslich lief das Ganze auf eine anzustrebende Gleichstellung beider Sprachgruppen in der Verfassung hinaus.

Gewalttätige Züge trug die Deutschfreiburger Emanzipationsbewegung aber nie?

Nein. In Freiburg wurde das Problem im Rahmen eines relativ konstruktiven Prozesses gelöst. Es ging vor allem um kulturelles Engagement, um eine Sensibilisierung der Behörden und um viele kleine Anpassungen.

Es folgten diverse Reformen.

Ja. Die Deutschfreiburger sind besser im Staatsrat vertreten, ab 1966 kurzzeitig sogar mit drei von sieben Mitgliedern. Strassenschilder und Ortsnamen werden auch auf Deutsch geschrieben. Ausserdem gibt es mehr Übersetzungen beim Staat. Gut lässt sich die beschleunigte Entwicklung am Schulwesen aufzeigen: 1968 wird das Amt für deutschsprachigen obligatorischen Unterricht bei der Erziehungsdirektion geschaffen und der erste vollamtliche deutschsprachige Schulinspektor angestellt. Im gleichen Jahr öffnen die ersten deutschsprachigen Lyzeumsklassen auf Kollegiumsstufe, und ab 1969 gibt es dann deutschsprachige Sektionen mit eigenen Vorstehern. 1969 entsteht auch am Lehrerseminar eine deutsche Sektion – vorerst nur für Männer, ab 1971 mit Frauen.

Profitierten auch die Welschen von den Reformen?

Ja. So wurde in Murten für den zweisprachigen Seebezirk 1968 eine französischsprachige Sekundarschule eröffnet. Das zeigt, dass es nicht nur um die Besserstellung einer deutschsprachigen Minderheit ging, sondern um mehr Anerkennung gegenüber Minderheiten generell.

Einen eigentlichen Zusammenhang zwischen der Deutschfreiburger Bewegung und den sogenannten «68ern» gab es aber nicht?

Nein. Die Sprachenfrage spielte bei den «68ern» keine grosse Rolle. Umgekehrt betrifft auch die Emanzipation Deutschfreiburgs die 60er-Jahre als ganzes Jahrzehnt, und nicht nur das Jahr 1968. Auch Peter Boschung war alles andere als ein «68er». Doch wurde 1968 sehr wohl ein grosser Sprung vorwärtsgemacht.

Wie war es in der Kantonshauptstadt mit der Emanzipation der Deutschfreiburger?

Die Stadt hat sich recht aktiv an diesem Prozess beteiligt. Allerdings hat sie bis heute nie eine offizielle Amtssprache definiert. Viele meinen, die Amtssprache der Stadt Freiburg sei allein das Französische. Aber es gibt offiziell gar kein Reglement und keinen Entscheid, der eine Amtssprache definiert. Und das sehe ich eigentlich auch als Chance zur Stärkung einer pragmatischen Zweisprachigkeit.

Und das Klischee, dass die Unterstadt deutsch war?

Das stimmte schon in den 60er-Jahren nicht mehr wirklich. Die Deutschschweizer waren damals im bescheideneren sozialen Milieu der Unterstadt einfach deutlich sichtbarer als in der Oberstadt. Aber durchmischt war die Unterstadt seit jeher. Ausserdem wurde in den 60er-Jahren das Schönberg-Quartier erschlossen, und viele Menschen zogen von den alten Häusern der Unterstadt in diese modernen Siedlungen um. Der damalige christlichsoziale Syndic Max Aebischer war übrigens der erste und für lange Zeit letzte deutschsprachige Stadtammann Freiburgs. Heutzutage ist die Unterstadt längst wieder «hip» geworden. Bilingue wie der Rest der Stadt blieb sie durch alle sozialen und kulturellen Veränderungen hindurch.

Welche Rolle spielte die Universität?

Die Uni war seit ihrer Gründung 1889 diejenige Institution im Kanton und in der Stadt, die die Zweisprachigkeit von Anfang an am besten umgesetzt hat. Ohne seine zweisprachige Hochschullandschaft wäre Freiburg damals wie heute eine mehr oder weniger einsprachige Provinzstadt.

Inwiefern fügte sich diese ganze Entwicklung in eine breitere Tendenz in der Schweiz in Europa und weltweit ein?

Mit den Fortschritten in der Bildung und der wirtschaftlichen Besserstellung verstärkt sich in den 1960-er Jahren das Bewusstsein von zahlreichen Minderheiten. Es entstanden sprachlich-kulturelle Bewegungen, die Forderungen nach Anerkennung und Gleichberechtigung stellten. Entscheidend für den Sprachfrieden war dann, wie die jeweiligen Mehrheits-Behörden reagierten.

Etwa auch im Jura?

Die jurassische Bewegung ist in den 60er-Jahren sehr aktiv: ab 1962 mit dem sogenannten Front de Libération Jurassien, der sogar kleinere Attentate verübt, ab 1963 auch mit der separatistischen Jugendorganisation Béliers. Diese besetzte 1968 das bernische Oberamt in Delsberg und störte eine Session des Nationalrats in Bern. Als Reaktion schaffte der Kanton Bern 1968 zwei Kommissionen zur Lösung der Jurafrage.

Eine Abspaltung wie im Falle des Kantons Jura stand bei den Deutschfreiburgern aber nie zur Diskussion?

Nein. Man muss bedenken: Der Grund für die Abspaltung war im Kanton Bern ein doppelter. Der Nordjura war nicht nur französischsprachig, sondern auch katholisch. Der reformierte Südjura verblieb wie die Stadt Biel beim Kanton Bern. Und der allergrösste Teil der Deutschfreiburger war mehrheitlich ebenso katholisch wie ihre frankophonen Mitbürger. Hier spielte die Konfession in Abgrenzung zu Bern und Waadt eine wichtige identitätsstiftende Rolle in unserem Kanton.

Und der Seebezirk?

Er stellt insofern einen Sonderfall dar, als er sowohl sprachlich als auch konfessionell durchmischt ist. Manche nennen den Seebezirk gar eine Schweiz im Kleinen.

Wie stellte sich die Situation in den 60er-Jahren in den anderen zwei- oder mehrsprachigen Kantonen der Schweiz dar, im Wallis und im Kanton Graubünden?

Hier war die Entwicklung sehr ähnlich wie in Freiburg. Im Oberwallis gab es seit 1948 den Rottenbund, der ebenfalls zur Verteidigung der deutschsprachigen Interessen gegründet wurde. Und im Bündnerland waren vor allem die Minderheiten der Rätoromanen und Italienischsprachigen von Diskriminierung betroffen.

Und wo stehen wir heute?

Dank des in den 1960er-Jahren verstärkten Engagements ist die Deutschfreiburger Minderheit heute gut anerkannt. Sie hat ihre Rechte und gilt als gleichwertig, auch wenn sie eine Minderheit geblieben ist. Vor allem der Staat macht das heute vorbildlich, ebenso die Körperschaft der Agglomeration Freiburg. Beide haben den Schritt zum Selbstverständnis als zweisprachiger Kanton und zweisprachige Stadt vollzogen. Es gibt aber immer noch ein Manko, wenn es um die Anerkennung von zweisprachigen Gemeinden geht. Das ist weniger in der Stadt ein Problem als vielmehr im Umland zwischen Saane- und Sensebezirk, ebenso im Seebezirk.

1968

50 Jahre danach

Ein halbes Jahrhundert ist seit dem Schicksalsjahr 1968 vergangen. Die FN zeigen in einer Serie auf, wie Freiburg dieses Jahr erlebte, was es für Auswirkungen hatte und was heute von den «68ern» übrig geblieben ist.

jcg

«1966 sendete das Fernsehen eine Reportage aus Freiburg, die zu öffentlicher Kritik an der kantonalen Sprachensituation führte.»

«Auch dank des Engagements in den 1960er- Jahren ist die Deutsch­freiburger Minderheit heute gut anerkannt.»

«Die Sprachenfrage spielte bei den Freiburger ‹68ern› kaum eine Rolle.»

Mehr zum Thema