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Abgesang auf die Dorfbeiz

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

 

Zu den Problemen, mit denen ich mich bisher noch nicht ausreichend beschäftigt habe, gehört das Beizensterben. Ein Zeitphänomen wie viele andere auch, gewiss. Aber im Unterschied zu vielen anderen Zeitphänomen, die ich gelassen hinnehme, löst das Beizensterben in mir nostalgische Gefühle aus, weil sich hier eine Welt aus dörflicher (Schein-)Idylle und Bierseligkeit in Schutt und Asche aufzulösen beginnt.

 

Wenn ich abends an einem Dorfgasthaus vorbeispaziere und mir durch die erleuchteten Fenster eine gähnende Menschenleere entgegenstarrt, einsame Stühle, von keinem Hinterteil erwärmt, blankgewischte Tische, die wie sinnlos dastehen, dann wird mir manchmal wehmütig ums Herz.

Wohin, frage ich mich dann, verziehen sich die Leute nach Feierabend bloss? Was ist aus den Stammtischhockern geworden, die allabendlich ihr Urteil über den Zustand der Welt verkündeten, die ihren kochenden Ärger im Weisswein kühlten oder ihre Trübsal im Bierglas ertränkten? Wo sind all die philanthropischen Serviertöchter geblieben, die sich wie profane Beichtmütter alle Arten von Lebens- und Lügengeschichten anhörten und dafür ausnahmsweise mit einem saftigen Trinkgeld belohnt wurden? Was ist mit den Wirtinnen und Wirten, die ihre Gäste bei guter Laune hielten und pflichtschuldigst einsprangen, wo ein Jasser oder eine Jasserin fehlten? Wohin haben sie sich verflüchtigt, die warme Gemütlichkeit und die abgestandenen Sehnsüchte, die in diesen Beizen einmal ein Zuhause hatten?

Aber nicht nur in den Dörfern, auch in den Städten ist uns dieses Zuhause längst abhandengekommen. Wer erinnert sich noch an das Bahnhofbuffet zweiter Klasse, wo die Underdogs, die Clochards und Tagediebe, die Quer­denker und Bohemiens in Biergestank und Zigarettenqualm die Weltrevolution herbeifantasierten. Heute steht dort ein steriler Starbucks, wo sich geschniegelte Bankangestellte und gestylte Sekretärinnen für einen Café Macchiato brav an den Tresen stellen, um danach wieder untertänigst hinter ihren Laptops und/oder ihren Smartphones zu verschwinden.

Was ist nur aus unserer Welt geworden? Gegen was haben wir sie bloss eingetauscht?

Natürlich möchte ich mit der alten Beizenromantik nicht auch die alte Beizendramatik in die Gegenwart zurückholen: alkoholsüchtige Familienväter, die ihren Zahltag in der Beiz versoffen und Frau und Kinder ins Elend stiessen, Streithähne, um die man lieber einen Bogen machte, Schürzenjäger, vor denen sich jede Serviertochter in Acht nehmen musste, und was der unschönen Dinge mehr sind.

Und doch würden sich unsere Dörfer und Städte in geselligere und menschenfreundlichere Orte verwandeln, wenn es uns gelänge, die Wutbürger und Scharfmacher, die ihre Hasskommentare auf alle und alles im Schutz der Anonymität ins Netz hämmern, wenn es uns also gelänge, diese verirrten Menschen in die Beizen zu locken, also dorthin, wo früher einmal debattiert und gestritten, geflucht und beleidigt wurde, um pünktlich zur Polizeistunde das letzte Glas zu erheben und sich in rührseliger Eintracht doch wieder mit Gott, der Welt und allen Stammtischbrüdern zu versöhnen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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