Archiv 27.07.2001

Die Studentenverbindung Neu-Romania

Die Studentenverbindung Neu-Romania

Sommerserie*: Mit rotem Stürmer, schwarzem Sack und Silberfisch

Sie fallen mit ihrer markanten Kopfbedeckung, dem leuchtend roten Stürmer, in den Strassen Freiburgs auf Anhieb auf - die Mitglieder der akademischen Verbindung Neu-Romania.

Von STEFAN TOFFOL

Weil es an ihrem Stamm oft gemütlich zu und her geht und der couleurstudentische Komment nicht immer tierisch ernst genommen wird, haben die Neu-Romanen im Schweizerischen Studentenverein den Übernamen «Bauern» erhalten.

Dass es in Freiburg die akademische Kommentverbindung (AKV) Neu-Romania gibt, ist auf einen eher profanen Grund - fast ist man versucht zu sagen: Sachzwang - zurückzuführen. In den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts drohte die Mitgliederzahl der Studentenverbindung Alemannia nämlich das einer Studentenverbindung bekömmliche Mass zu sprengen. «Quantitative Trennung» hiess 1938 die Lösung, was nichts anderes bedeutete, als die boomende Alemannia in zwei von den gelebten Grundsätzen her gleich geartete und in Bezug auf die Mitgliederzahl ausgeglichene Verbindungen aufzuteilen. Das war die Geburtsstunde der Neu-Romania, die sich seither mit der Alemannia in freundschaftlicher Weise verbunden fühlt. Der Name «Neu-Romania» leitet sich übrigens von der ersten Studentenverbindung an der Universität Freiburg ab.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Was die Neu-Romanen von sämtlichen Studentenverbindungen auf dem Platze Freiburg unterscheidet, ist ihre eigentümliche Kopfbedeckung. Der rote Stürmer, im Verbund mit dem dunklen Anzug (dem «schwarzen Sack») und der silberfarbenen Krawatte (dem «Silberfisch») getragen, sorgt dafür, dass die Mitglieder dieser Verbindung in den Strassen Freiburgs auf Anhieb auffallen. Ist es dieses Outfit, das einen reizt, Neu-Romane zu werden? Michael Betschart, der im Sommersemester 2001 als Senior die Geschicke der Verbindung leitet, winkt ab: «Viele Hochschulstudenten aus meiner Gegend, die mir vom Gymnasium her bekannt waren, sind Neu-Romanen geworden. Daher war der Bezug zu dieser Verbindung für mich schon früh gegeben.» Der angehende Jurist charakterisiert die Neu-Romania als eine «traditionelle und eher strenge» Studentenverbindung, die von ihren Mitgliedern viel abverlange. «Wirklich gute Freundschaften lassen sich eben nicht ohne entsprechenden Zeitaufwand knüpfen», gibt sich Betschart überzeugt. Auf ihre traditionelle Ausrichtung ist auch zurückzuführen, dass die Mitgliedschaft in der Neu-Romania nur Männern vorbehalten ist. «Jeder Verein bestimmt selbst, welche Personen er als Mitglieder aufnehmen möchte. Als traditionelle Studentenverbindung haben wir uns für die Beibehaltung der Männermitgliedschaft entschlossen. Das heisst aber nicht, dass wir Frauen nicht als gleichberechtigt ansehen», stellt der Senior klar.

Dreh- und Angelpunkt

Im Schweizerischen Studentenverein sind die Neu-Romanen unter dem Spitznamen «Bauern» bekannt. Dies liegt laut Betschart einerseits daran, dass sie den couleurstudentischen Komment nicht immer tierisch ernst nehmen. Und andererseits habe es sich herumgesprochen, dass es an den gesellschaftlichen Anlässen und insbesondere am Stamm oft gemütlich zu und her gehe. Überhaupt bildet der tägliche Stammbetrieb den Dreh- und Angelpunkt des Verbindungslebens. Am Stamm werden nicht nur rauschende Feste gefeiert, sondern auch, wie es im Verbindungsjargon heisst, das «interfakultäre Gespräch» gepflegt, Vorlesungsskripte ausgetauscht und Kontakte geknüpft. Vielfältig wie die Studiendisziplinen der Aktiven ist auch die Palette an wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Anlässen der Neu-Romania. Als in Verbindungskreisen einmalig gilt der so genannte «Wildfrass» im November, den einige edle Spender aus der Altherrenschaft der ganzen Neu-Romanen-Schar sowie Gästen aus dem Lehrkörper der Universität mit selbst geschossenem Wildbret und attraktivem Rahmenprogramm kredenzen. Zu den speziellen Anlässen gehört weiter das Pfingstsymposium, das alle drei Jahre - so auch heuer wieder - auf Schloss Pergine in der Nähe von Trient durchgeführt wird. Und mit den Gottesdiensten, die jeweils zu Beginn und am Ende eines Semesters zelebriert werden, sowie der Fronleichnamsprozession entspricht die Neu-Romania auch dem christlichen Gedankengut, das im Schweizerischen Studentenverein hochgehalten wird.

Eine Lebensschule

Sind die strengen, traditionsbewussten Studentenverbindungen wie die Neu-Romania heute überhaupt noch zeitgemäss? Michael Betschart ist überzeugt, dass dem so ist: «Eine Verbindung, in welcher Freundschaft und
Gemeinschaft gelebt werden, hat in einer Zeit der Massenuniversitäten und der zunehmenden Individualisierung nichts von ihrer Berechtigung verloren.» Das grösste Problem an den Universitäten sei die zunehmende Anonymität, und da hätten Verbindungen, in denen man miteinander Freud und Leid teile und echte, lebenslange Freundschaften pflege, durchaus Platz, so der Senior: «Verbindungen sind in einer fremden Universitätsstadt wie eine zweite Familie.» Der Nutzen einer Studentenverbindung für das einzelne Mitglied liegt laut Betschart insbesondere auch darin, dass es im kleinen Rahmen lernt, Verantwortung zu übernehmen, Führungspositionen innezuhaben und auf andere Rücksicht zu nehmen: «Dies kann für das spätere Arbeitsleben nur förderlich sein.» Verantwortung zu übernehmen ist denn auch etwas, was sich die Neu-Romania von allem Anfang an auf ihre Fahne geschrieben hat, wie ein Blick auf die umfangreiche Liste der Würdenträger in Kirche, Politik, Wissenschaft, Rechtsprechung, Wirtschaft und Kultur unter den Altherren zeigt.

KURZPORTRÄT

Name:
Akademische Verbindung
Neu-Romania

Stammlokal:
Rest. Grenette, Freiburg

Stammzeiten:

täglich mittags und abends

Gründungsjahr:

1938

Dachverband:

Schweizerischer Studentenverein

Homepage:
www.neu-romania.ch