Archiv 17.02.2006

Zwischenhalt in Raum und Zeit

Zwischenhalt in Raum und Zeit

Die Kunsthalle Fri-Art eröffnet am Freitag die Ausstellung «Stopover»

Mit «Stopover» beginnt in der Kunsthalle Fri-Art heute Freitag die grösste Ausstellung des Jahres. Über 20 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt befassen sich mit Fragen der menschlichen Existenz und der kulturellen Vielfalt. Zentrales Thema ist Lateinamerika.

Von CAROLE SCHNEUWLY

Die Ausstellung «Stopover» beginnt genau genommen schon vor den Toren des Fri-Art, nämlich draussen, an der Fassade der Kunsthalle. Die Zeltinstallation «Acampamento dos anjos» («Lager der Engel») von Eduardo Srur stellt ein vergängliches, von innen beleuchtetes Lager dar, das in gewisser Weise zur Metapher für die ganze Ausstellung wird. Die Arbeit ist für den Künstler ein Versuch, eine Welt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Zerbrechlichkeit und Dauerhaftigkeit darzustellen.

Im Treppenhaus empfängt den Besucher die In-situ-Installation «Logradouro» des Architekten Marcos Chaves, der mit Signalisationsbändern ein Spiel mit geschützten Zonen und nicht vorhersehbaren Gefahren treibt. Gleich beim Eingang zeigt João Modés Videoinstallation «Céu, da Terra» («Vom Himmel und der Erde»), wie mit Botschaften gefüllte Ballons eine Verbindung zwischen Himmel und Erde schaffen.

«Verstehen, um zu verzeihen»

Im Erdgeschoss treffen die Werke von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern aufeinander, die trotz ihrer Unterschiede miteinander im Dialog stehen. Da sind etwa Lia Menna Barretos «Arabescos de lagartixas» («Arabesken mit Salamandern»), die Einblicke in ein unwirkliches, widersprüchliches Universum ermöglichen. Wie eine Ergänzung dazu erscheint an der gegenüberliegenden Wand Ana Roldáns «Kill the Beest», eine Kombination aus den Begriffen «bees» und «beast», die weit über ein simples Wortspiel hinausgeht. Um Tiere und Worte geht es auch in den beiden Videoinstallationen «Love Lettering» und «World-Word». Und Julio Villani präsentiert zwei Werke, in denen er einerseits Marcel Duchamp und andererseits seinem Atelier-Papagei ein Denkmal setzt.

Drei Videoinstallationen ergänzen den Ausstellungsteil im Erdgeschoss: Sylvie Blocher zeigt ein im Jahr 2002 realisiertes Projekt, in dem Einwohner von Buenos Aires ihre Geschichte erzählen. Unerwartet erscheint am Ende ein Mann, der Sohn eines Vermissten, der die Namen von Verbrechern rezitiert; fast am Schluss fällt auch der Name «Menem». Die Aussagen der Menschen, die im Film auftreten, wirken aus dieser Perspektive besonders berührend - etwa der Satz: «Man kann nur verzeihen, wenn man versteht.» Die Doppelprojektion «Contagio» von Tomás Ochoa erzählt die Geschichte von Victor Lêpez, Schauspieler in Buenos Aires, der während der Wirtschaftskrise eine Zeitlang mit den Bewohnern «auf der Strasse» lebte. Gegenüber diesen beiden sehr emotionalen und bewegenden Werken wirkt João Onofres Arbeit über einen maskierten Stepptänzer schon beinahe wohltuend absurd.

Vielseitig und harmonisch

Im ersten Stock erleben die Besucher verschiedene Arten des künstlerischen Umgangs mit dem Raum. Ein aussergewöhnliches Projekt zeigt Paola Junqueira mit ihrer Performance-Reihe «24 Hours of a Hole»: Höhlen, die sie seit 1998 in verschiedenen Ländern gräbt, stehen zugleich für einen persönlichen Raum und einen weltweiten Erfahrungsspeicher. Auch die fliegenden Alabasterskulpturen von Maria-Carmen Perlingeiro stehen für ein aussergewöhnliches Raum-Erlebnis. Eindrücklich ebenfalls die szenische Konstruktion von Nils Nova, der mit verschiedenen Ausdrucksmitteln arbeitet und die Urfunktion des Bildes manipuliert, indem er es in einen fiktiven Raum projiziert. Schlusspunkt ist das Videoprojekt «Auto Psi - zehn Tage in São Paulo» über zufällige Begegnungen in einem Taxi.

Insgesamt zeigt Fri-Art mit «Stopover» eine ausserordentlich vielseitige Ausstellung, deren Bestandteile sich aber wie die Teile eines Puzzles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen. «Es geht um die Begriffe der Migration und der Bewegung, um Erfahrungen und um Entwicklungen», sagt Fri-Art-Direktorin Sarah Zürcher. Die Ausstellung eröffne ganz unterschiedliche Zugänge zum Thema und könne auf unterschiedliche Weise gelesen werden. «Wichtig ist, dass die Besucher sich Zeit nehmen, um all die Facetten zu entdecken.»

Kunsthalle Fri-Art, Kleinrahmengasse 22, Freiburg. Vernissage: Fr., 17. Februar, 18 bis 23 Uhr. Die Ausstellung dauert bis zum 30. April.
21 Künstler

Die Wanderausstellung «Stopover» ist im Jahr 2005 unter dem Titel «Espace urbain X Nature intrinsèque» in Paris entstanden. Nach dem Zwischenhalt («Stopover») in Freiburg reist sie weiter nach São Paulo. Die Ausstellung verändert sich laufend, je nach Ort und Gegebenheiten. Im Fri-Art sind 21 Künstlerinnen und Künstler mit von der Partie: Lia Menna Barreto, Fabiana de Barros und Michel Favre, Sylvie Blocher, Marcos Chaves, Helena Ignez und Fabio Delduque, Paola Junqueira, Jorge Macchi und David Oubiña, João Modé, Riviane Neuenschwander mit Sergio Neuenschwander respektive mit Cao Guimarães, Nils Nova, Tomás Ochoa, João Onofre, Maria-Carmen Perlingeiro, Ana Roldán, Eduardo Srur und Julio Villani. Ein Grossteil der Künstler ist persönlich in Freiburg anwesend. cs