Archiv 07.07.2008

Das österreichische Ensemble Accentus eröffnet das 12. Festival Geistlicher Musik

Mitreissend vital hat Accentus am Samstagabend in der Kollegiumskirche Freiburg jüdische Musik aus dem 13. bis 19. Jh. gespielt.

Autor: Irmgard Lehmann

«Das Ensemble Accentus und das iberische Sänger-Duo führen uns von tiefen Träumereien zu Vulkanausbrüchen der Freude», hiess es im Programm. Accentus hat gehalten, was es versprochen hat. In der bis auf den letzten Platz besetzten Kollegiumskirche haben die 450 Besucherinnen und Besucher Musik erlebt, deren Poesie und Vielschichtigkeit sich in meditativen wie auch in hinreissenden Rhythmen äusserte. Wie wunderbar etwa das Lauten- und Flötensolo im zweiten Teil des Abends. Wie faszinierend etwa die sechs Instrumentalisten mit Fidel, Flöte, Laute, Harfe und Schlagzeug im «Hija mia mi querida» vor der Pause.

Hohes Lob gebührt dem Sänger, Cesar Carazo. Vom ersten bis letzten Ton hielt er das Publikum mit seiner sonoren, warmherzigen, unforcierten Stimme im Bann. Die bildhaften Romancen erwachten zu lebendigen Klanggemälden. Dass er auswendig sang - dies im Gegensatz zu Isabel Alvarez, der Sopranistin mit ihrer aparten, kostbar timbrierten Stimme - hat ein weiteres Mal gezeigt, wie so Musik direkt vermittelt wird.

Accentus, wurde 1992 gegründet und ist auf Tournee - Cypern, Athen, Freiburg, Klagenfurt, sind einige der Stationen. Das Ensemble spielte Musik der sephardischen Juden, die ab Ende des 15. Jahrhunderts (christliche Reconquista) aus Spanien vertrieben wurden, emigrierten und sich in Griechenland, der Türkei, in Nordafrika und Osteuropa niederliessen.

Die kurzen Vokal- und Instrumentalwerke (13. bis 19. Jh.) trugen Namen wie Sofia, Izmir, Rhodes oder Saloniki, und zwar darum, weil Musikwissenschaftler die Romancen mit Volksmusikcharakter Ende des 19. Jh. in ebendiesen Gegenden gefunden haben. Das Liedgut wurde mündlich überliefert und trägt daher typische Züge der neuen Heimat: Da glaubt man einen Muezzin zu hören, oder den Gondoliere, in sentimentalen Melodien schwelgend, den Zigeunermusiker, der fidelnd zum Tanz auffordert, um sich alsbald irgendwo am abendlichen Meeresstrand oder auf einem türkischen Bazar wiederzufinden.

Deutschsprachige Erklärung

Aber nicht nur die Musik, die ja ursprünglich aus Spanien stammt, hat fremde Farben angenommen, sondern auch die Sprache. Spanisch hat sich mit fremdem Sprachgut vermischt - Ladino (Judenspanisch, auch Sephardisch genannt) heisst diese Mischung. Zu verstehen war sie kaum - darum die Übersetzung im Programmheft, doch leider nur in Französisch. Wenigstens ein Stück musikalische Erklärung auf Deutsch hätte man sich gewünscht - zumal davon eine Übersetzung im Programmheft stand.

Aufforderung zum Klatschen

Zur Musik, zum faszinierenden Abend dürfte hingegen kein kritisches Wort fallen, wenn nicht diese Klatscherei am Schluss des Konzertes dem Nachklingen von wunderbarer Musik ein so jähes Ende bereitet hätte. Wie kann man sich nur zu einem solchen Stilbruch hinreissen lassen - zumal sich das Festival «Geistlich» nennt und man immerhin in der Kirche St. Michael sitzt. Eigentlich müsste sich das Ensemble dessen bewusst sein, zumal Accentus das Umfeld kennt und bereits im Jahre 2000 am Festival aufgetreten ist.

Das heutige Konzert, die h-Moll-Messe von Bach mit Michel Corboz, ist leider schon ausverkauft.