Archiv 05.10.2000

Auf der Suche nach der Identität

Feierliche Reden und musikalische Darbietungen umrahmten den gestrigen Festakt zur Vereidigung der Mitglieder des Verfassungsrates. Nun sind die Weichen gestellt: Der erfolgreichen Ausarbeitung der Kantonsverfassung steht nichts mehr im Weg.

Die Vereidigungszeremonie des Verfassungsrates wartete mit vielen Höhepunkten auf

Autor: Von MURIELBOWIE

«Unsere Identität ist vielschichtig und vielfältig», erklärte Bernard Garnier, der provisorische Präsident des Verfassungrates, in seiner Eröffnungsrede. «Diese Vielfalt macht ihren Reichtum aus, den es zu pflegen gilt.» Garnier veranschaulichte seine Worte mit einem Exkurs in die Geschichte des Kantons. Die kulturelle Pluralität, die im Laufe der Geschichte erworben wurde, bilde in der neuen Verfassung eine wichtige Basis, «nicht nur für ein friedliches Nebeneinander, sondern für das gegenseitige Verständnis und den Respekt voreinander».

Die Wirtschaft bestimmt die Politik

In ihrem Referat zur Rolle des Staates zählte Ruth Lüthi, Staatsratspräsidentin des Kantons Freiburg, verschiedene Punkte auf, welche die Aufgaben des Kantons definieren. Dennoch räumte sie ein, dass nicht alle Macht beim Staat liege. «In einer Zeit, in der unser Leben ganz stark nicht nur durch politische Entscheide, sondern durch die Entscheide einer weltweiten Wirtschaft bestimmt wird, ist die Garantie der Freiheit jedes Einzelnen besonders wichtig geworden.» Wirtschaftsentscheide seien nie demokratische Entscheide, es gehe auch nie um die Freiheit des Einzelnen. «Der Staat hat hier ein wichtiges Korrektiv anzubringen.»

Ruth Lüthi schloss ihre Ausführungen schliesslich mit den Worten: «So viele edle Aufgaben für einen Staat verdienen unser ganzes Engagement.»
Auch die Jungen erhielten daraufhin die Möglichkeit, sich zu äussern. Sie forderten den Verfassungsrat auf, keine Angst zu haben, Tabus zu brechen. Doch vor allem soll er nicht vergessen, dass die Verfassung nicht die ihre ist, sondern diejenige der nächsten Generation.

Brücken bauen für die Zukunft

Den Höhepunkt des Abends bildete nebst der formellen Vereidigung der Mitglieder des Verfassungsrates die Rede von Bundesrat Joseph Deiss. Von Anfang an werde von der verfassungsgebenden Versammlung des Kantons Freiburg sehr viel mehr Innovationsfähigkeit erwartet als von derjenigen des Bundes. Und doch müsse sie ihre Überlegungen «innerhalb der beiden Dimensionen entwickeln, die die Besonderheit des eidgenössischen Systems ausmachen, nämlich die Fähigkeit, zugleich Freiburger und Schweizer zu sein», doch Freiburg solle sich nicht allein darauf Beschränken, seine Identität zu bekräftigen. «Seine Bürgerinnen und Bürger beweisen Tag für Tag, dass ein harmonisches Zusammensein in einer plurikulturellen Gesellschaft möglich ist. Die Schweiz erwartet von uns, dass wir Brücken bauen.»

Die heimlichen Gewinner des Abends waren jedoch die jungen Sängerinnen und Sänger des Kinderchors «Les Marmousets», die mit ihrer Vorstellung das Publikum verzauberten. Die «Abakustiker» gingen noch einen Schritt weiter und bewegten die Zuschauer zum Mitsingen, was nicht unwesentlich zur heiteren Stimmung in der Aula der Universität beitrug. Den Schlusspunkt setzte schliesslich die Landwehr mit ihrem Finale.