Archiv 18.12.2003

Politik der Zweisprachigkeit

Politik der Zweisprachigkeit

Reformen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Der Historiker Bernhard Altermatt beschreibt in seiner Lizentiatsarbeit den Prozess, der den Kanton Freiburg von einer Situation der sprachlichen Diskriminierung zu einer positiv gelebten Zweisprachigkeit geführt hat. Trotz Fortschritten ortet er noch Lücken und Ungleichbehandlung.

Von WALTER BUCHS

«Die Zweisprachigkeit wurde noch nie so stark gefördert und aufgewertet wie am Ende des 20. und am Anfang des 21. Jahrhunderts.» Dies hält der 26-jährige Historiker Bernhard Altermatt als Schlussfolgerung in seiner am Mittwoch den Medien in Freiburg vorgestellten Studie fest. Die Sprachenpolitik des Kantons Freiburg sei entschieden auf eine Festigung der sprachlichen Koexistenz und auf die Nutzung der kulturellen Vielfalt ausgerichtet, ergänzt er.

Ein Beitrag zur Versachlichung

Doch so unproblematisch und konfliktfrei ist das Zusammenleben nicht, wie der Autor selber einräumt. Die in Französisch erschienene Publikation will deshalb mit ihrem systematischen Überblick einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion leisten. Bernhard Altermatt gibt deshalb im Vorwort seiner Hoffnung Ausdruck, die Studie möge jenen Personen im Kanton, welche die Politik der Zweisprachigkeit prägen, Gelegenheit geben, etwas Abstand von den gelegentlich allzu geladenen Auseinandersetzungen zu bekommen. In der Einleitung seines 375 Seiten umfassenden Buches mit dem Titel «Die Politik der Zweisprachigkeit im Kanton Fribourg/Freiburg (1945-2000)» weist der Historiker darauf hin, dass die Zweisprachigkeit bewusst im Zentrum stehe, «um die Freiburger und helvetische Wirklichkeit zu beschreiben, die in einer Zeit, wo sich die europäischen Völker zunehmend näher kommen, nur zu oft unterschätzt» werde. Er beschränkt sich dabei auf die Tätigkeit der politischen Behörden und der Verwaltung auf kantonaler Ebene.

Zentrale Rolle
des Bildungswesens

Bevor Bernhard Altermatt einen detaillierten Überblick über die «Politik der Zweisprachigkeit» in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittelt, gibt er noch einen kurzen Abriss der Sprachengeschichte des Kantons. Dabei hält er fest, dass die deutschsprachige Gemeinschaft seit den politischen Umbrüchen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts unter beträchlichen Diskriminierungen zu leiden hatte. Dies habe zu einem «ausgeprägten Minderheitsreflex» geführt. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts sei die sprachliche Situation im zweisprachigen Freiburg von Ungleichheit geprägt gewesen.

Die Entwicklung der Zweisprachigkeit im Kanton Freiburg ist zwischen 1945 und 2000 durch drei Phasen gekennzeichnet, wie der Autor dann gestützt auf die offiziellen Quellen beschreibt. In den ersten beiden Jahrzehnten nach Kriegsende sei die sprachliche Situation noch durch Ungleichheit und Diskriminierung der deutschsprachigen Minderheit bestimmt gewesen.

Namentlich dank dem ständigen Druck von Vertretern dieser Minderheit und «mit wohlwollender Beihilfe» der französischsprachigen Mehrheit seien dann aber in den 60/70er Jahren sprachliche Reformen durchgeführt worden.

Höhepunkt bildete 1990 die Annahme des Sprachenartikels in der Verfassung. Am Ende des 20. Jahrhunderts seien dann Massnahmen verwirklicht worden, welche darauf abzielten, die Partnersprache und damit das Verständnis unter den Sprachgemeinschaften zu fördern. Aufgrund der entscheidenden Impulse, die stets vom Unterrichtswesen ausgingen, geht Bernhard Altermatt in allen Perioden ganz speziell auf diese Entwicklung ein.

Modus vivendi gefunden

Der Autor kommt zum Schluss, dass gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Bereich der Rechte der sprachlichen Minderheiten ein grosser Teil der Probleme habe ausgeräumt werden können.

Der Kanton und zahlreiche von der Zweisprachigkeit betroffene Gemeinden hätten einen gangbaren Weg gefunden, namentlich im zweisprachigen Seebezirk und in Teilen der Agglomeration Freiburg. Trotz zum Teil unversöhnlicher Haltung bestimmter Kreise sei somit der Sprachenfriede in der untersuchten Periode nie gefährdet gewesen.

Dennoch würden die Vorteile der Zweisprachigkeit in gewissen Regionen weiterhin verkannt. Bernhard Altermatt weist darauf hin, dass einige Gemeinden des Saanebezirks eine ausschliesslich einsprachige Verwaltung führen, obwohl sie über eine beträchtliche sprachliche Minderheit verfügen.

In zahlreichen Freiburger Gemeinden, die seit langem gemischtsprachig sind, sei sogar eine zunehmende Homogenisierung im Gang, wie anhand von Grafiken belegt wird. Die Ergebnisse der statistischen Analyse zeigten, so der Autor abschliessend, dass es jeweils dort Probleme gebe, wo trotz mehrsprachiger Wirklichkeit die Verwaltung in einem historisch zweisprachigen Gebiet lediglich einsprachig geführt wird.

Die Hauptlücken in der Freiburger Sprachenpolitik werden folgendermassen zusammengefasst: Fehlen einer Gesetzgebung über zweisprachige Gemeinden, Nichtanerkennung gemischtsprachiger Zonen und ungenügender Schutz eingesessener Minderheiten in den Gemeinden.
Zur Themenwahl

Als Deutschsprachiger ist Bernhard Altermatt in der Stadt Freiburg aufgewachsen und hat daselbst alle Schulen besucht. Erst im 9. Schuljahr ist er dabei direkt mit französischsprachigen Jugendlichen in Kontakt gekommen. Dabei habe er den Eindruck bekommen, gesteht er auf eine Frage betreffend Themenwahl für die Lizentiatsarbeit, dass ihm etwas Wichtiges lange vorenthalten wurde.

Anlässlich eines Seminars zum Theme Multikulturalität habe er in Sarajevo mit Studenten Gespräche führen können. Diese und das Leben in einer zweisprachigen Stadt hätten ihn eines gelehrt: «Der kulturelle und sprachliche Pluralismus ist ein unschätzbarer Reichtum, aber auch sehr zerbrechlich.» Das Thema für eine Studie war gegeben. wb

Bernhard Altermatt: La politique du bilinguisme dans le canton de Fribourg/Freiburg (1945-2000), Collection «Aux sources du temps présent» de la chaire d'histoire contemporaine de l'Université de Fribourg. Bestellungen: Fax 026 300 97 61; E-Mail: martha.moor@unifr.ch