Archiv 12.05.2000

Vielfalt bleibt Europas Stärke

Europa darf nicht zu einem zentralisierten Gebilde werden, sondern soll im Respekt vor der Vielfalt verschiedene Entscheidungsebenen zulassen. Soziale Sicherheit und Freiraum, dass sich geistige Werte entfalten können, ist zu gewährleisten. Solche Hoffnungen und Visionen wurden am gestrigen Festakt an der Universität formuliert, wenn auch zum Teil aus unterschiedlichem Blickwinkel.

Universität greift am Europatag Schlüsselfragen der Zukunft auf

In seinen Ausführungen zum Europatag hat Bischof Bernard Genoud festgehalten:«Ich bin glücklich feststellen zu können, dass diese Universität die Ethik respektiert, lehrt und fördert.» Dabei hob er den spezifischen Beitrag der Fakultäten hervor. Zum Beitrag der Kirche im Europa des 21. Jahrhunderts erinnerte er an die grosse zivilisatorische Leistung der Kirche. Diese habe ihre Energie im Glauben geschöpft, der auch im 21. Jahrhundert die Quelle sei, um geistigen Werten Raum zu geben (siehe auch Frontseite).

Wirtschaftliches und soziales Handeln

Der Unternehmer Georges Jacobs, Präsident der europäischen Industrie- und Arbeitgeberverbände, setzte die wirtschaftliche Entwicklung und Wohlfahrt in den Vordergrund, um überhaupt die soziale Verantwortung wahrnehmen zu können. Nach seiner Meinung ist die Globalisierung eine unumkehrbare Tatsache. Es habe keinen Sinn, sich dagegen abzuschotten. Vielmehr sei es angezeigt, alles zu unternehmen, um dank innovativen Leistungen in der Spitzengruppe der wirtschaftlich entwickelten Länder mitzufahren. Er sprach sich zudem für ein dezentral geführtes Europa aus; betonte aber, dass er nicht an das Europa der Regionen glaube.

Staatsratspräsidentin Ruth Lüthi zeigte sich aber überzeugt, dass es auch im Europa des 21. Jahrhunderts autonome Regionen geben wird. «Die Einheit Europas wird umso besser spielen, je mehr die Autonomie der Regionen gewährleistet wird. Das ist wohl der wichtigste Beitrag, den wir zum Aufbau Europas leisten können,» betonte sie in der eher schwach besetzten Aula der Universität.
Ruth Lüthi erinnerte weiter daran, dass politische Entscheide heute auf lokaler Ebene getroffen werden, wirtschaftliche Entscheide aber auf globaler Ebene. Dadurch komme es zum Verlust der Verantwortung der Wirtschaft für die regional-politischen Einheiten, ja zur Missachtung des Gemeinwohls. Das Problem müsse in dem Sinne gelöst werden, dass die wirtschaftlichen und die politischen Entscheidungsebenen sich wieder annähern.
«Die Globalisierung, so wie wir sie heute verstehen, werde das 21. Jahrhundert nicht überleben,» gab sich die Staatsratspräsidentin überzeugt. Nach ihrer Meinung ist Globalisierung destruktiv für einen Staat in dem Sinne, als sie eine Absage an die soziale Verantwortung beinhaltet. «Das führt zu einer Gesellschaft, die aus Individualisten, ja Egoisten besteht, was für ein Zusammenleben einer Gesellschaft eine Katastrophe ist.»

Keine Einheitskultur in Europa

In ihrem Plädoyer zur Wahrung der Vielfalt in Europa, hielt Ruth Lüthi fest, dass die Vielfalt ein grundlegendes Element der Identität und der Kultur Europas sei. Sie sei überzeugt, dass sich das soziale und politische Europa nicht ohne das kulturelle Europa entwickle. Unter dem kulturellen Europa verstehe sie vor allem den Einbezug der Bevölkerung. Es sei nicht ein Produkt, das von oben diktiert werde, sondern das sich von Grund auf aufbauen müsse. Damit werde Konsolidierung von unten geschaffen.

«Das 21. Jahrhundert wird Europa die Konsolidierung verschaffen durch die kulturelle und soziale Identitätsbildung,» gab sich die Freiburger Staatsratspräsidentin überzeugt. Damit sei nicht die Einheitskultur Europas zu verstehen, aber es müsse die Abkehr von nationalistischen Bewegungen sein. «Dies wird nur möglich sein, wenn Kulturen und Religionen im gegenseitigen Respekt zusammenleben können, sich gegenseitig bereichern und stimulieren. Eine Voraussetzung dazu ist, dass soziale Disparitäten abgebaut werden und Minderheiten nicht aufgrund ihrer ethnischen, sprachlichen oder religiösen Herkunft benachteiligt werden», schloss Ruth Lüthi ihre Vision für Freiburg, für die Schweiz, aber auch für Europa ab.