Archiv 07.03.2001

Vor 15 Jahren in Nicaragua ermordet

Vor 15 Jahren in Nicaragua ermordet

Der Freiburger Maurice Demierre lebt in den Herzen vieler Einheimischer weiter

Das Jahr 2001 wurde von der Uno zum Jahr der Freiwilligen erklärt. Seit Jahrzehnten und auch heute noch sind Schweizer Freiwillige auch in armen Ländern im Einsatz. Einige bezahlten ihr Engagement für soziale Gerechtigkeit gar mit dem Leben. So auch der Freiburger Maurice Demierre, der vor 15 Jahren, am 16. Februar 1986, in Nicaragua ermordet wurde.

Von BERNARD WAEBER*

«Seit langem fühle ich mich dazu berufen, mich für die Armen und deren Entwicklung einzusetzen. Für die, die uns nötig haben. Berichte von Missionaren, die nach wie vor schreienden Bedürfnisse dieser Länder sowie der Wunsch nach einer Synthese zwischen unserer Zivilisation und anderen Kulturen haben mich in meinem Vorhaben bestärkt ...» So begründete der junge Greyerzer Maurice Demierre seine Motivation, als er sich bei der Freiwilligen-Organisation «Frères sans Frontières» (heute E-Changer) für einen Einsatz in einem Land des Südens meldete. Sein anfänglich stark von der Religion geprägtes Denken wurde mit der Zeit zusehends politischer, die als Dienstverweigerer gebüsste Strafe bot ihm genügend Zeit zum Nachdenken und zum Sichfinden.

1982 wanderte er nach Nicaragua aus, zwei Jahre später folgte ihm seine Freundin Chantal Bianchi nach. Dort arbeiteten die beiden eng mit einer Bauernkooperative zusammen, sie fühlten sich solidarisch mit der armen Landbevölkerung und halfen mit beim Aufbau einer gerechteren Gesellschaft nach der sandinistischen Revolution. 1986 lief der Vertrag aus, der 28-jährige Freiburger wollte in die Schweiz zurückkehren, doch dieser Entscheid fiel ihm nicht leicht: «Das Schwierigste ist nicht, die Arbeit hinter sich zu lassen, sondern, diese Leute zu verlassen, dieses Leben hier, diese Gewohnheiten und diesen revolutionären Prozess, um in eine Schweiz zurückzukehren, die kalt ist und grau und reaktionär, wo das Leben viel schwieriger ist ... Aber man kehrt ja nicht für immer zurück. Das Leben ist Bewegung, , es bedeutet sich vorwärts bewegen, hin zu einem utopischen Ziel.» Dies schrieb er in einem Brief an seine Schwester und seinen Schwager, im Februar 1986. Es sollte sein letzter sein.

Der Gefahr bewusst

l 16. Februar 1986: Bäuerinnen aus der Umgebung von Somotillo, die am Sonntag ihre dort für die Armee im Einsatz stehenden Ehemänner und Söhne besucht haben, bitten den Schweizer Freiwilligen, sie nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu fahren, denn der letzte Bus ist schon abgefahren. Somotillo liegt im Norden von Nicaragua, nicht weit von der honduranischen Grenze entfernt. Von dort dringen immer wieder Contras, bewaffnete Truppen von Regierungsgegnern, über die Grenze ins Land ein.

Maurice Demierre kennt die Gefahr, doch er gibt dem Drängen der Frauen nach. Seine Grosszügigkeit und seine tiefe Verbundenheit zu den Leuten dieser Region werden ihm zum Verhängnis. Minuten später sind er und fünf Bäuerinnen tot. Sie sind in einen Hinterhalt der Contras geraten, ihr ziviles Fahrzeug ist auf eine in den USA produzierte Mine gestossen und die Insassen sind von Maschinengewehrsalven durchlöchert worden.

Der Tod des jungen Freiburgers löste hüben wie drüben grosse Bestürzung aus. Die offizielle Schweiz aber tat kaum einen Wank. Sie verurteilte dieses politische Verbrechen nicht.

Sandinistische Befreiungsfront
übernahm 1979 die Macht

Am 19. Juli 1979 war Nicaragua in den Blickpunkt des Weltgeschehens gerückt: Der blutige Diktator Anastasio Somoza Debayle war gestürzt worden, die Sandinistische Befreiungsfront kam an die Macht und versuchte einen politischen Kurs anzusteuern, der auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der vorher extrem ausgebeuteten und unterdrückten Bevölkerung abzielte.

Eine Regierung im Dienste der zahlreichen Armen und nicht zur Verteidigung der Interessen von wenigen Reichen. Grosse Anstrengungen in Bezug auf Alphabetisierung, Gesundheit, Landverteilung wurden unternommen. Und dieser Aufbruch des nicaraguanischen Volkes hin zu einer gerechteren Gesellschaft löste eine Welle von internationaler Solidarität aus.
Aus aller Welt strömten Freiwillige und politische Aktivisten voller Idealismus nach Nicaragua, um am Neuaufbau dieses Landes teilzunehmen. Hier war die Verwirklichung des Traums einer ganzen Generation greifbarer als anderswo. Auch «Frères sans Frontières» begann seine Tätigkeiten in diesem Land, phasenweise waren 15 bis 20 Freiwillige dieser Organisation in Nicaragua tätig.

Den USA und ihren Alliierten aber war die neue nicaraguanischen Regierung ein Dorn im Auge, es war die Zeit des Kalten Krieges. Die Amerikaner unter den Präsidenten Reagan und Bush setzten mit einer ökonomischen Blockade und mit militärischer und finanzieller Unterstützung der Contras die Sandinisten unter Druck. Nicaragua sah sich gezwungen, hohe Summen für seine Verteidigung auszugeben. Dafür stand dieses Geld für die Entwicklung des Landes nicht zur Verfügung. Der Bürgerkrieg und die zunehmenden Versorgungsengpässe höhlten die Moral der Nicaraguaner aus. 1990 wurden die Sandinisten bei den Wahlen überraschend von der bürgerlichen Allianz geschlagen.

Der Krieg in Nicaragua hat in den achtziger Jahren insgesamt an die 30 000 Opfer gefordert, darunter mehrere ausländische Freiwillige. Der Freiburger Maurice Demierre liegt in Somotillo, der Stätte seines Wirkens, begraben.

Nicaragua heute

l 16. Februar 2001: In Nicaragua zeigen Globalisierung und Neoliberalismus ebenfalls ihre Auswirkungen. Gewiss, die Infrastruktur und die Versorgung vor allem in den Städten haben sich im letzten Jahrzehnt deutlich verbessert. Doch das Land ist weiterhin sehr arm, nach wie vor das zweitärmste in Amerika nach Haiti. Kürzlich wurde es in den Kreis der am höchsten verschuldeten Ländern (HIPC-Länder) aufgenommen. Ein grosser Teil der Schulden wird ihm erlassen, allerdings mit von der Weltbank bestimmten Auflagen. Nach wie vor ist Kaffee das wichtigste Exportprodukt, doch bringt dessen Anbau angesichts der momentan sehr tiefen Preise im Welthandel kaum Gewinne.

Der Graben zwischen Arm und Reich hat sich wieder vertieft. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, mehr als eine halbe Million der fünf Millionen Nicaraguaner sind ausgewandert, vorwiegend nach Costa Rica und in die USA. Der Analphabetismus hat wieder zugenommen, die gesundheitliche Versorgung hat sich verschlechtert. Viele ehemalige Grossgrundbesitzer sind aus dem Ausland zurückgekehrt und haben ihre in den 80er Jahren beschlagnahmten Güter zurückerhalten.

Die meisten Leute sind ernüchtert und desillusioniert, vor allem die Intellektuellen. Die liberale Regierung des arroganten Präsidenten Arnoldo Alemán gilt als äusserst korrupt. Und der Frente Sandinista hat selbst bei vielen Sympathisanten an Glaubwürdigkeit verloren, und dies vor allem aus zwei Gründen. Erstens haben sich viele von der Parteispitze 1990 nach den verlorenen Wahlen schamlos bereichert. Zweitens haben die Sandinisten vor zwei Jahren mit ihren liberalen Erzfeinden einen Pakt geschlossen, der einer Machtaufteilung zwischen diesen beiden Parteien, unter Ausschluss der anderen politischen Gruppierungen, gleichkommt. Im November 2001 finden die Präsidentschaftswahlen statt. Und es sieht ganz nach einem erbitterten Kampf zwischen Liberalen und Sandinisten aus. Bei den Regionalwahlen im vergangenen Jahr gewannen die Sandinisten die Hauptstadt Managua zurück, und sie stellen nun in den meisten Städten