Archiv 04.07.2000

«Die Gemeinde Muntelier ist extrem reich»

Die älteste Siedlung der Schweiz in Muntelier ist von europäischer Bedeutung: Vor 6000 Jahren lebten hier Jäger, Fischer, Weber und Landwirte. Die Auswertungen der Grabungen aus dem Jahre 1986 sind nun im 15. Band der «Freiburger Archäologie» festgehalten.

15. Band der «Freiburger Archäologie»: Das Fundmaterial «Fischergässli» wird vorgestellt

Autor: Von Irmgard Lehmann

Vor 14 Jahren haben die Archäologen in Muntelier einen unglaublichen Reichtum entdeckt: Gegenstände, die auf das Leben der Menschen vor 6000 Jahren hinweisen. Gefunden wurden mehrere Tausend Objekte: bearbeitete Knochen, geschliffene Äxte, geschnittene Feuersteine, Fischernetze, Stoffe, Holzgegenstände und Keramik. Die Funde belegen die Zeitepoche zwischen 3895 bis 3820 v. Chr. (Neolithikum). Das Pfahlbauerdorf wurde in dieser Phase fast kontinuierlich bewohnt.

«Die Funde sind von europäischer Bedeutung», sagte gestern voller Stolz Projektleiter und Autor Denis Ramseyer anlässlich der Buchvorstellung gegenüber den Medien.

Bauern, Jäger und Weber

Die Untersuchung der Fauna zeigt, dass ein grosser Teil der Tätigkeiten der Viehzucht vorbehalten war. Mehr als 93% der bestimmten Knochen stammen von Haustieren. Am besten vertreten ist das Rind, gefolgt vom Schaf und von der Ziege. Die Hundeknochen umfassen 9,5% der Haustiere, was erheblich ist.

Die neolithischen Bewohner waren Meister des Handwerks, erzählt Kantonsarchäologe François Guex. Zahlreich sind die Gegenstände, die als Instrumente für die Herstellung von Gegenständen aus Stein, Knochen und Hirschgeweih verwendet wurden. Das gesamte Fundmaterial ist bestens erhalten.
«Der Murtensee war nicht so sehr der Erosion ausgesetzt wie andere Schweizer Seen», erklärt Ramseyer. Dank der konstanten Bodenfeuchtigkeit seien die Gegenstände so über viele Jahrtausende erhalten geblieben. «Die Textilien sind so frisch, als wären sie von gestern.»

Murtensee: 25 Fundplätze

An den Ufern des Murtensees zählt man rund 25 urgeschichtliche Fundplätze. Das reiche, sehr gut erhaltene Material aus diesen Siedlungen wird in verschiedenen Museen der Schweiz gelagert. (Murten, Freiburg, Bern, Zürich, um die wichtigsten zu nennen).

Die Fundstellen an den Ufern des Murtensees geniessen schon seit vielen Jahren einen internationalen Bekanntheitsgrad. Die zahlreich vorhandenen Kulturschichten und Objekte in hervorragendem Zustand haben einen archäologisch einenhohen Stellenwert.

Auf der Hut sein, wenn gebaut wird

«Die Gemeinde Muntelier ist extrem reich», bemerkt Denis Ramseyer, und damit meint er natürlich die urgeschichtlichen Fundplätze.

So wurde am Seeufer von Muntelier bereits 1878 eine erste Sondierung vorgenommen. Es folgten rund zehn weitere. Diese Plätze werden jedoch vorderhand belassen.
Der Archäologische Dienst schaut allerdings genau hin, wenn gebaut wird. «Leider gibt es noch kein verpflichtendes Gesetz», sagt Ramseyer. Der archäologische Dienst sei jedoch mit den Gemeinden im Gespräch. Bislang hat einzig die kantonale Gebäudeversicherungsanstalt Regelungen festgehalten. Wer einen Keller baue, tue dies auf eigenes Risiko, heisst es.

Nur 150 Quadratmeter
unter die Lupe genommen

Auf der Parzelle Fischergässli steht seit 1986 eine Arztpraxis. Auf Grund des Bauvorhabens konnte damals das Fischergässli im Rahmen einer Rettungsgrabung untersucht werden. Der archäologische Dienst hat jedoch lediglich 150 Quadratmeter systematisch unter die Lupe genommen. Das sei immer so, betont Guex, nur kleine Flächen werden untersucht. Ob in so einem Fall der Parzellenbesitzer auch Besitzer der gefundenen Gegenstände sei? «Nein», antwortet Kantonsarchäologe François Guex, «laut Zivilgesetzbuch sind die Fundgegenstände Allgemeingut.» Es könne jedoch schon vorkommen, dass ein Besitzer entschädigt oder ein Finderlohn ausbezahlt werde: «Ich erinnere mich an eine Person, die in einer Kirche eine Schatulle mit Goldmünzen gefunden hat.» Die Person habe vom Staat einen symbolischen Betrag erhalten.

Kleine Auflage

Das vorliegende Werk ist der zweite Band einer Spezialgruppe der Reihe «Freiburger Archäologie», welche die archäologischen Entdeckungen an der Broye und Zihl während der zwei Juragewässerkorrektionen behandelt.

Das 240-seitige Buch mit zahlreichen Fotos und Grafiken kommt in einer Auflage von 500 Exemplaren auf den Markt. Herausgeber ist der Universitätsverlag Freiburg. Leider liegt der Band nur in französischer Sprache vor. Verlagsleiter Anton Scherrer meint dazu: «Im Rahmen dieser Reihe ist die Sprache des Projektleiters ausschlaggebend.» Dem Band ist jedoch eine deutsche Zusammenfassung angefügt.
Der erste Teil des Buches beinhaltet die Umwelt, die Architektur und die dendrochronologische Datierung (Dendrolgie = wissenschaftliche Baumkunde).
Im zweiten Teil wiederum wird das Fundmaterial vorgestellt und mit Erklärungen zur Technik und zum Gebrauch der Werkzeuge ergänzt. Autor Ramseyer freut sich: «Die Archäologieliebhaber finden im Buch das grosse Glück.»