Archiv 22.09.2006

Ein Stück jüngster Geschichte

Mit der Armeereform sind zahlreiche Militärbauten überflüssig geworden. Um zumindest einen Teil davon der Nachwelt zu erhalten, haben Experten des VBS ein Inventar erstellt. Eine Broschüre zeigt, welche Bunker und Panzersperren aus kulturellen, historischen oder ökologischen Gründen schützenswert sind.

Broschüre über militärische Denkmäler in den Kantonen Freiburg und Bern

Autor: Von PATRICK HIRSCHI

Die Geschichte der militärischen Befestigungen in der Schweiz ist etwa 200 Jahre alt. Doch weder auf den Jurahöhen noch in den Alpen hat die Eidgenossenschaft erstmals Abwehrvorrichtungen gebaut, sondern im Mittelland - genauer gesagt in Aarberg, wie Ex-Brigadier Jürg Keller aus Sugiez am Donnerstag anlässlich der Präsentation der Broschüre «Militärische Denkmäler in den Kantonen Bern und Freiburg» ausführte.Kurz nachdem Napoleon zum zweiten Mal an die Macht kam, entstand dort die erste Brückenschanze. Und auch später spielte das Berner und Freiburger Seeland immer wieder eine zentrale Rolle in den Verteidigungsüberlegungen der Schweiz. Als sich im Ersten Weltkrieg die Grabenfront zwischen Frankreich und Deutschland ausweitete, befürchteten die eidgenössischen Strategen ein Umgehung über die Schweiz. Es entstand eine Fortifikationslinie, die vom Jurafuss über den Vully und Murten bis nach Salvenach reichte.

«Schokoladebunker» im Gantrisch

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde fast alles abgebrochen - im Irrglauben, dass es keinen Krieg mehr gebe, wie Jürg Keller bemängelte. Die Panzersperren beim Löwenberg, zwischen Jeuss, Gurmels und Liebistorf sowie in Kleingurmels entstanden zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Einzig die Anlage auf dem Vully blieb bestehen. Die Linie vom Jura bis zur Saane diente als vorgezogene Stellung, weil man mit dem Bau der Reduit-Anlagen in den Alpen im Verzug war. «Das Reduit wurde erst im Herbst 1944 fertiggestellt, also nach der Invasion der Alliierten in der Normandie», sagte Keller.Kurz nach Kriegsende hatte die Schweizer Armee laut Jürg Keller Testschüsse auf Bunker im Gantrischgebiet abgegeben. Deren Mauern wiesen schon nach dem ersten Einschlag Löcher von über einem Meter Tiefe auf. «Weich wie Schweizer Schokolade», soll eine französische Zeitschrift damals geschrieben haben. Die Baumängel hatten zur Folge, dass einige der Verantwortlichen verurteilt wurden.Im Zuge der Armeereform 95 findet sich heute für zahlreiche dieser Befestigungsanlagen keine Verwendung mehr. 13 Jahre lang hat eine Arbeitsgruppe mit zivilen und militärischen Experten eine Bestandesaufnahme der Infrastruktur gemacht und Broschüren über schützenswerte Verteidigungsanlagen herausgegeben.

37 Freiburger Anlagen

In der gestern präsentierten Broschüre sind 37 militärische Sperrstellen des Kantons Freiburg verzeichnet. Von nationaler Bedeutung sind dabei die Anlage unter dem Schloss Greyerz, die Festung Löwenberg, die Sperrstelle Mühle-Biberenächer bei Liebistorf sowie die Anlage La Tine bei Montbovon. Im Anhang befindet sich ebenfalls ein Beschrieb zur Reduit-Anlage auf dem Vully.Die Ausgabe «Bern/Freiburg» ist die zweitletzte ihrer Art. Gemäss Silvio Keller von Armasuisse, der Nachfolgeorganisation der Gruppe Rüstung im eidgenössischen Militärdepartement, wird im November die letzte Broschüre für die Kantone Waadt und Genf veröffentlicht. Später sollen Inventare über Militärflugplätze und Hochbauten wie Kasernen oder Zeughäuser entstehen.