Archiv 03.07.2000

Karottenfütterung via Natel

Sieben Tage Reitsport auf höchstem Niveau - das Seven Days Masters in Kerzers ist eine Grossveranstaltung, beliebt bei Reitern und Besuchern. Zwischen viel organisatorischem Aufwand, professionellem Umgang mit den Pferden und dem sportlichen Wettkampf bietet der Anlass auch Platz für Fachsimpeln, ausgelassener Feststimmung und nüchternem Business.

Das Seven Days Masters in Kerzers - ein Blick hinter die Kulissen

Autor: Von URS HAENNI

Der Parcoursbauer tritt zu «Mister Seven Days», Jürg Notz, und fragt ihn, wo er den Warsteiner-Sprung platzieren soll. Beim nächsten Springen bezahlt nämlich Warsteiner die Preisgelder, und da will der deutsche Bierhersteller auch ins beste Licht gerückt sein. Sponsorennamen und deren Platzierung, das ist so ziemlich das einzige, das im Labtop der drei Parcoursbauer nicht fest programmiert ist.

Die Dreier-Kombinationen, die Mauern oder Boxer, alles was von den Pferden das letzte an Sprungkraft und Geschicklichkeit verlangt, entsteht zuerst als kleine Skizze auf einem flachen Computer-Bildschirm.
Von den Parcoursarchitekten geht der Auftrag direkt nach hinten ins Materiallager. Stangen in allen Farbkombinationen - blau-weiss, grün-schwarz, gelb-rot, weiss-rot - warten dort auf ihren Einsatz.
Ordnung ist das wichtigste, damit ein Parcours möglichst schnell abgebrochen und der nächste wieder aufgestellt werden kann. Das Programm des Seven Days Masters ist dichtgedrängt, den Pferdesportfreunden soll möglichst Non-Stop-Unterhaltung geboten werden. Die Traktoren kurven auf dem Platz herum, während vor dem Jury-Turm die Preisverteilung stattfindet. Und dann solls auch schon mit dem nächsten Concours weiter gehen.

Die Amazone mit der Camel, der Zeitnehmer mit der Krummen

Auf dem Einreit-Platz hinter dem VIP-Zelt herrscht emsiges Treiben. Ein bisschen Galoppieren, dazwischen ein Sprung über ein Hindernis; das Pferd soll bereit sein, wenn es zur Parcoursbesichtigung geht. Eine gewisse Nervosität können die Pferde nicht verbergen. Das Wiehern zeigt, dass sie wissen, um was es geht. Doch auch die Reiter sind angespannt. Eine Amazone zieht hastig an einer Camel-Zigarette.

Wie es erst an einer internationalen Meisterschaft zugeht, lässt sich nur erahnen, denn beim Seven Days Masters ist die Atmosphäre bewusst locker. Bei der samstagnachmittäglichen Prüfung, wo immerhin einige der besten Reiter der Schweiz antreten, ist «tenu légère» angesagt: Man reitet meist in einem weissen oder blauen kurzärmeligen Hemd.
Der Jury-Präsident rückt seine Hosenträger zurück, und der Zeitnehmer unterstützt einen der Hauptsponsoren: Er zieht an einer Originalen-Krummen von Villiger. Die Zeitmessung und die Fehlerbeurteilung haben die beiden im Griff. Langjährige Erfahrung und eine erprobte Informatik lassen innert Kürze nach einem Springen die Rangliste der über 50 teilnehmenden Paare ausdrucken.
Der Speaker versorgt die Zuschauer mit den wichtigsten Informationen, Reiter, Pferd, Fehlerpunkte, Zeit, Rang, ansonsten aber ertönt Musik aus drei Metallkoffern voll mit CDs. Die Musik entspannt. Nerven der Reiter und der Pferde sollen nicht unnötig beansprucht werden.

Aufregung wegen zwei toten Pferden

Wer nicht gerade reitet, der mischt sich gerne unter die Zuschauer auf der Tribüne. Der ältere Mann mit Dächlikappe verrät Fachwissen: «Dä Cheib drückt schön, het viu Chraft. Das isch e schöne Nuller.»

«D'Etter-Giele» machen sich bereit, unter dem blauen Schirm des deutschen Bierherstellers zückt eine Amazone ihr Natel. Wer mit Sporen an den Lederstiefel herumläuft, der hat zumeist auch ein Handy am Gürtel montiert. Die FN hören mit: «Du chasch em jetzt scho e Sack Rüebli gää.»
Das VIP-Zelt ist am Nachmittag noch fast leer. Eine Serviertochter wischt einen Stuhl ab. Soeben hat man den Platz benässt. Und nun fallen plötzlich ein paar Regentropfen aus heiterem Himmel. 22 Tische umfasst die VIP-Loge, einige wenige sind nicht reserviert. Sandoz hat den Tisch neben Remund, Warsteiner neben Gnägi-Druck. Der Abend verspricht einen kulinarischen Höhenflug. Vier Gänge: «Magret de Canard, Bouquetière de Légumes, Pommes Parmentiers.»
Alles wird auf Platz zubereitet, sagt Jürg Notz stolz. Er weiss, dass sein Reitanlass mit den Sponsoren steht und fällt. Eintritt verlangt er nicht, umso besser ist dann die Stimmung, wenn jeweils abends die Ränge um den Concours-Platz voll besetzt sind. Notz hustet. Er steht eine Woche lang unter Strom.
Zu schaffen macht ihm ein Zwischenfall, der sich während der Woche ereignete. Es gab zwei tote Pferde. Die Polizei wurde eingeschaltet, man dachte an einen Stromschlag, doch die Untersuchungen haben nichts ergeben. Gewiss, am Seven Days Masters kommen gegen 500 Pferde nach Kerzers, doch diese Pferde sind austrainierte Athleten im besten Alter - da machen zwei Todesfälle nervös.

«Da galoppiert eine Million vorbei»

Nervosität vor allem auch, weil ein solcher Anlass viel mit Geschäft zu tun hat. Alleine für den Reitstall Notz sind die Springkonkurrenzen ein wichtiges Schaufenster. «Es hat immer wieder Leute auf der Tribüne, die Pferde kaufen», weiss Notz.

Und dann gibt es noch die fast Unverkäuflichen. «Hier kommt gerade eine Million vorbeigaloppiert», sagt Notz und zeigt auf den Reitplatz. Und das an einer Nachmittagsprüfung.
Die Kontrollen in den Boxen sind verschärft worden, aber bloss in der Nacht. Tagsüber herrscht dort ein Betrieb wie in den Formel-1-Boxen.
Schon die Lastwagen der Reitställe müssen den Vergleich mit den springenden Pferden von Ferrari nicht scheuen. Das ist High-Tech auf fünf Achsen mit 20 Rädern. Ein rollender Stall für sechs Pferde. Seitlich lässt sich das Materialdepot öffnen, gleich hinter der Führerkabine dringt ein Duft aus der Küche, auf dem Dach ist die Satellitenschüssel ausgefahren.
Lesley McNaught hat ihren eigenen Lastwagenzug da, «d'Etter-Giele» aus Müntschemier, die Hauris aus dem Aargau, die Guerdats aus dem Jura, die Crottas aus dem Tessin. Allesamt Pferdesportfamilien mit Traditionen über mehrere Generationen.
Selbst die gemieteten Zeltboxen erinnern an die Formel 1. Rollende Werkzeugkästen stehen offen, daneben poliert ein Reiter die Steigbügel.
Für den Start darf kein Detail ausser Acht gelassen werden. Und wenn dann doch etwas fehlt, dann findet man es ja vielleicht an einem der Stände auf dem Wettkampfgelände. Einer mit Lederstiefeln und Sporen wird beim Vorbeigehen angesprochen: «Wichse, Monsieur?»