Archiv 07.02.2000

Nicht ungern kamen die Ungarn

Um 9,3 Prozent hat im letzten Jahr die Zahl der Logiernächte im Raum Murten zugenommen, wie einer gerade veröffentlichten Statistik zu entnehmen ist. Ein kleine Analyse zeigt, dass daraus nicht einfach auf die Tourismusentwicklung rückgeschlossen werden kann.

Saia - oder die Tücken der Tourismus-Kennzahlen am Murtner Beispiel

Die Gemeinden Murten, Merlach und Muntelier weisen für die Zeitspanne von Januar bis November 1999 gemeinsam 61786 Übernachtungen in Hotel- und Kurbetrieben aus, bzw. 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Dies weisen die «Statistischen Mitteilungen» des Kantons aus. Man müsse aber unterscheiden, erklärt Ursula Grimm, Geschäftsführerin von Murten Tourismus.

Während etwa bei den Schweizer Gästen - der zahlenmässig wichtigsten Gruppe - eine Zunahme von 2,6 Prozent zu verzeichnen ist, hat sich die Zahl der ausländischen Gäste insgesamt gar um 17,6 Prozent gesteigert.
Aber auch hier gibt es Unterschiede: Die Deutschen haben 7,7 Prozent mehr Nächte in der Region verbracht. Sie bleiben mit über 13500 Übernachtungen in Hotel- und Kurbetrieben Spitzenreiter. Dieses Resultat sei sehr gut, erklärt Ursula Grimm, gesamtschweizerisch habe man bei dieser Gruppe nämlich einen Rückgang von 2,5 Prozent ermittelt, weiss sie auswendig.
Um fast 1000 Prozent haben die Übernachtungen von Ungarn zugenommen, die sich damit auf den zweiten Platz katapultiert haben. Mit knapp 4800 Übernachtungen liegen sie noch vor den Amerikanern, die es als Dritte bloss auf knapp 2600 Übernachtungen brachten. Mit durchschnittlich 8,7 Übernachtungen pro Besucher liegen sie weit über dem Durchschnitt von 1,8. «Sie sind auch dafür verantwortlich, dass der Durchschnitt von 1,7 auf 1,8 gestiegen ist», meint Ursula Grimm. Haben die Ungarn Murten als Touristenort entdeckt? Falsch. Selbst wenn die Ungarn in der Altstadt und am Strand promeniert haben, war die Mehrzahl (549 Ankünfte wurden registriert) keine Touristen. Wie die FN erfahren haben, logierten die Hotelgäste als Teilnehmer von Ausbildungsgängen des Murtner Unternehmens Saia-Burgess Electronics.

Unternehmer und Tourismus

«Wir haben die Leute hier intensiv ausgebildet», erklärt Gerhard Reidinger, Direktor Marketing und Vertrieb der Saia, «und gearbeitet.» Man habe vor gut einem Jahr ein ungarisches Unternehmen gekauft (siehe auch Kasten). Ziel der Ausbildung sei es, die Ungarn «mit unseren Produkten, Methoden und Qualitätsanforderungen vertraut zu machen», führte Gerhard Reidinger aus. In Ungarn würden spezielle Motoren für die Automobilindustrie produziert. Im Gegensatz zu Murten, wo alles «höchstautomatisiert» sei, würden dort kleinere Serien und nur zum Teil automatisiert produziert.

Jetzt sehe man einmal, was die Industrie für die Tourismusbranche tue, kommentiert Ursula Grimm die Zahlen. Über die Auswirkungen der Industrieunternehmen werde zwar oft gesprochen, es sei aber kaum je nachzuweisen. Grossen Nutzen bringen der Gemeinde etwa das Ausbildungszentrum Löwenberg, das ebenfalls Kurtaxe zu bezahlen hat. Ausbildungszentren gehörten aber zur Parahotellerie, die in der genannten Statistik nicht auftaucht.