Archiv 25.03.2000

Das Ziel heisst Sidney

Hans-Ueli Zbinden hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Er will an der Olympiade in Sidney teilnehmen. Der 46-jährige Behindertensportler aus Plasselb hat bereits eine wichtige Hürde geschafft, konnte er doch dank hervorragender Leistung an der Ozeanien-Meisterschaft einen zusätzlichen Startplatz für die Schweiz herausschiessen.

Hans-Ueli Zbinden aus Plasselb will an die Olympiade

Vor seinem Unfall hat sich Hans-Ueli Zbinden nicht viel um den Schiess-Sport gekümmert. Seine liebste Freizeitbeschäftigung war das Motorradfahren, das ihn bei einem schlimmen Unfall in Frankreich vor etwa zehn Jahren in den Rollstuhl gebracht hat. Mit den anderen grossen Veränderungen in seinem Leben kam er auch auf ein neues Hobby. Ein Bekannter aus dem Pistolenclub Zollhaus machte ihn auf das Schiessen aufmerksam: Eine kleine Gruppe von Behinderten aus der ganzen Schweiz suchte Interessierte, um im Bereich Kleinkaliberwaffen etwas aufzubauen.

Hans-Ueli Zbinden probierte es aus, machte zuerst ein paar Mal mit und sah sich dann vom Ehrgeiz gepackt, gut, besser und noch besser zu werden. «Es ist ein super Hobby, in der Gruppe sind gute Leute», fasst er zusammen. Mit Gruppe meint er die rund 14 Behindertensportler, die sich regelmässig zu Wettkämpfen treffen. Hans-Ueli Zbinden muss aber jeweils recht weit reisen, um seine Kollegen zu sehen, der nächste wohnt nämlich in Solothurn.

Anderthalb Stunden
tägliches Training

«Um gut schiessen zu können, braucht es vor allem viel Übung, aber auch Geduld», meint Hans-Ueli Zbinden, und ohne die Freude am Sport komme es sowieso nicht gut heraus. Er selbst trainiert jeden Tag durchschnittlich anderthalb Stunden, nicht nur auf dem Schiess-Stand, sondern auch für die Kondition. Ihm gefällt auch die Kameradschaft unter den Schützenkollegen. Man trifft sich immer wieder, sieht sich regelmässig an den Wettkämpfen in Luzern, Pfäffikon, Sargans oder auch im Ausland und lernt mit der Zeit, die Stärken und die Fortschritte des «Gegners» zu beurteilen.

Sein Hobby nimmt einen Grossteil der Freizeit, vor allem an den Wochenende ein. Mitsamt dem Training ist er an rund 25 Wochenenden für den Schiess-Sport unterwegs. An einigen Orten schiesst er mit den Nichtbehinderten, den «Fussgängern», wie er sie nennt. Dazu gehört auch der Schiess-Stand in Zollhaus. Dank der bereitwilligen Mithilfe einiger Kollegen ist dieser Stand auch mit dem Rollstuhl recht gut zugängig.
So weit es räumlich möglich ist, nimmt er auch an kantonalen Meisterschaften teil, manchmal brauche es halt ein wenig tatkräftige Unterstützung, um bauliche Hindernisse zu überwinden, das sei aber meistens kein grosses Problem, erklärt er. Gegenüber den «Fussgängern» ist Hans-Ueli Zbinden beim Schiessen nur leicht im Nachteil, vor allem, was die Atmung und die Körperhaltung betrifft. Mit besonderem Training und einer geschickt ausgetüftelten Taktik konnte er das Handicap aber gut ausgleichen.
«Das Hobby bringt mir sehr viel Zufriedenheit, es geht aber auch um die Herausforderung, noch mehr zu erreichen», erklärt er. Ausserdem sei das Schiessen für ihn oft auch ein psychologischer Aufsteller.

Ein zusätzlicher Quotenplatz
für die Schweiz

Anfang November des letzten Jahres ist Hans-Ueli Zbinden nach Australien gereist, um an den Ozeanien-Meisterschaften teilzunehmen. Die Reise wurde durch den Verband Rollstuhlsport der Schweiz organisiert, die Hälfte der Reisekosten mussten die Teilnehmer selbst übernehmen. Die Gruppe bestand aus fünf Pistolenschützen, drei Gewehrschützen und vier Begleitpersonen.

Das Ziel der Reise war, ein möglichst gutes Resultat zu erzielen, damit die Schweiz einen zusätzlichen Startplatz an der Olympiade von Ende Oktober zugesprochen erhält. Sechs Plätze sind das Maximum für ein Land von der Grösse der Schweiz. Davon waren bis zu diesem Zeitpunkt vier Plätze durch Qualifikations-Wettkämpfe ergattert worden.

Weltelite am Start

Eigentlich kann man nur an Europa- oder Weltmeisterschaften zusätzliche Quotenplätze ergattern. Die Schweiz erhielt aber die Gelegenheit, sich an den Ozeanien-Meisterschaften zu qualifizieren, weil die geplante Euro-pameisterschaft in Dänemark nicht durchgeführt werden konnte. Die Konkurrenz sei sehr stark gewesen, die Weltelite war am Start, berichtet Hans-Ueli Zbinden. Gleichzeitig schwärmt er aber auch von der tollen neuen Anlage, auf der die drei Wettkämpfe in Sidney stattgefunden haben.

Mit einem hervorragenden neunten Rang und 551 Punkten hat Hans-Ueli Zbinden es geschafft, für die Schweiz den zusätzlichen Platz zu gewinnen. Im Grunde belegte er gar den sechsten Rang, da er aber mit drei weiteren Mitstreitern punktgleich abschloss, kam er auf den neunten Rang.
Gehofft habe man schon auf ein gutes Resultat, schliesslich habe man das Training auch speziell darauf ausgerichet. Wegen der grossen Konkurrenz seien die Chancen aber im Voraus schwierig zu beurteilen gewesen. Etwas nervös sei er schon gewesen, erinnert sich Hans-Ueli Zbinden. Er habe aber den Druck recht gut verkraftet, und das Kribbeln im Bauch habe ihn nicht behindert, sondern zu einem guten Resultat angetrieben. Ein Punkt mehr, und er hätte am Final teilnehmen können.
Der Aufenthalt in Sidney wird ihm auch sonst stets in guter Erinnerung bleiben. Die Reise sei für ihn persönlich zwar recht anstrengend gewesen. Sie sei aber sehr gut organisiert gewesen, und zwischen den Wettkämpfen blieb noch Zeit, das exotische Land etwas zu erkunden. Der Ausflug in die Blue Mountains hat ihm besonders gut gefallen.

Wer steigt am 10. Oktober
ins Flugzeug?

Jetzt gilt es für Hans-Ueli Zbinden, sich für die Olympiade zu qualifizieren. Die Limite ist hoch, einige Entscheidungswettkämpfe sind bereits vorbei, ohne dass es ihm gereicht hat. An diesem Wochenende reist der Plasselber an die Schweizermeisterschaften nach Lyss in der Hoffnung, dass er diesmal die 556-Punkte-Limite schafft. Am 10. Juli 2000 wird endgültig entschieden, wer am 10. Oktober 2000 das Flugzeug nach Australien besteigt. Er werde versuchen, das Beste zu geben, meint der 46-Jährige ruhig. Er habe das persönliche Training entsprechend gesteigert - sonst gebe es nichts anderes zu tun, als abzuwarten.