Archiv 22.06.2007

Die wilden Zeiten sind vorbei

Zwei Mal wurde sie Halfpipe-Europameisterin und zwei Mal Weltmeisterin. Heute lebt die einstige Profi-Snowboarderin Anita Stäheli-Schwaller in Obstalden am Walensee und geniesst ihren ersten Mutterschaftsurlaub. Die FN haben die ausgebildete Physiotherapeutin besucht.

Die ehemalige Snowboardmeisterin Anita Stäheli-Schwaller über ihr jetziges Leben

Autor: Von IRMGARD LEHMANN

Im Hauseingang steht ein Kinderwagen, eine Art Hightechgerät, das man problemlos über Stock und Stein schieben kann. So ein Gefährt muss sein, damit sich Anita Stäheli-Schwaller auch künftig in ihren geliebten Bergen bewegen kann. Die 31-jährige, einstige Snowboard-Weltmeisterin ist kürzlich zum ersten Mal Mutter geworden. Anita ist in Schmitten aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Mann Urs Stäheli hoch über dem Walensee, in einem kleinen Weiler am Kerenzerberg. Da wohnt die junge Familie in einer Reihenhaussiedlung mit grandiosem Blick auf den Walensee und die Churfisten.

Im Paradies der Windsurfer

«Wir sind hier, weil es hier so wunderschön ist, ein Stück Natur pur», sagt Anita. Und weil sie den Walensee, das Paradies der Windsurfer, immer vor den Augen hat. Mit Leidenschaft üben Anita und ihr Mann die Sportart aus. Früher sei sie in jeder freien Minute von ihrem Wohnort Frauenfeld an den See gefahren.Die beiden nehmen dafür einiges in Kauf. So ist Anita bis vor Kurzem nach Wollerau am Zürichsee zur Arbeit gefahren. Als Physiotherapeutin war sie in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Ihr Mann Urs, ebenfalls Physiotherapeut, fährt täglich mit dem Zug nach Chur. Nun ist Anita vorerst mit ihrem kleinen Lian-Emanuel beschäftigt, geniesst den Mutterschaftsurlaub, und was nachher wird, weiss sie noch nicht. «Vielleicht ein Jobsharing mit meinem Mann?» Oder eine gemeinsame Praxis, da, wo sie wohnen.Jedenfalls macht sich die ehemalige Profi-Snowboarderin keine allzu grossen Sorgen. Ihr Leistungsausweis lässt ja einiges zu. Sie hat einen Masterabschluss im Fachbereich Physiotherapie, ist ausgebildete Craniosacral-Therapeutin und macht zurzeit berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Osteopathin. Sie sei ein wissensdurstiger Mensch, sagt sie.Zwei Mal - 1997 und 1998 - wurde die Spitzensportlerin in der Disziplin Halfpipe Europameisterin, und 1997, vor genau zehn Jahren, Weltmeisterin in beiden Verbänden der Fis und der ISF.

«Der Traum war ausgeträumt»

Im Salon des Ehepaars erinnert heute einzig noch der Freiburger Sportpreis an diese glorreichen Zeiten. «Mich hat der Freiburger Sportpreis viel mehr gefreut als der Weltmeistertitel», meint die junge Mutter, steht auf und stellt sich neben die Medaille. 1997 hat sie den Preis erhalten.«Der Weltmeistertitel war so eine Sache», fährt sie fort. «Als ich 1997 auf dem Siegerpodest stand, ist für mich irgendwie eine Welt zusammengebrochen. Der Traum war ausgeträumt.» Wie bitte? «Ja, so wars!» Von da an habe sie nicht mehr wie früher in Snowboardheften geblättert. Alles sei anders geworden. «Und», sagt sie leicht schmunzelnd, «trotz Weltmeistermedaille sind damals all meine Sorgen die gleichen geblieben. Liebeskummer und so.»Weltmeisterin zu werden sei zwar ein Traum, aber nie ein konkretes Ziel gewesen. «Was zählte, war die Freude am Sport, dabei zu sein und das Bestmögliche zu leisten.»Die damals 21-Jährige nahm 1998 ebenfalls an den Olympischen Spielen in Nagano teil. Hier belegte sie Platz 11 und ein Jahr darauf an den WM im Val d'Isole Platz 4.

Der Körper stellte die Weichen

Ob ihr die Entscheidung abzutreten, schwer gefallen sei? Sie habe nichts entscheiden müssen, ihr Körper habe die Weichen gestellt. «Nach 1997 hat eine Verletzung die andere abgelöst. Auf die Bänderzerrung folgte ein Armbruch, und etwas später ein Kreuzbandriss.» Und kaum stimmten die Leistungen wieder, brach sich Anita einen Handwurzelknochen, und das Kreuzband riss erneut. «Da war die Motivation, nur auf den Sport zu setzen, weg.»So ist ihr die Entscheidung, sich zur Physiotherapeutin ausbilden zu lassen, auch leicht gefallen. Und warum gerade dieser Beruf? «Ich habe am eigenen Körper erfahren, was Physio ist. Ich war den Therapeuten so dankbar.»

Ein ganz normales Leben

Die wilden Zeiten sind vorbei, und nur noch selten wird die ehemalige Spitzensportlerin auf ihre Vergangenheit angesprochen. Anita verfolgt zwar noch das Snowboard-Weltgeschehen wie beispielsweise die Weltmeisterschaft anfangs Jahr in Arosa. Aber sonst lebt sie ein Leben wie viele andere.An der Eingangstüre des Paares steht ganz traditionell Urs und Anita Stäheli-Schwaller. Die Gedanken des Gastes erratend, meint sie: «Stellen Sie sich vor, ich hätte meinen Namen vorangestellt. Da würde mein Mann ja Urs Schwaller heissen.»