Leipziger Buchmesse 07.04.2014

Von spannend über witzig bis kurzweilig

Giovanna Riolo, Leiterin der Deutschen Bibliothek Freiburg, war auch dieses Jahr an der Leipziger Buchmesse und ist mit einer Fülle von Eindrücken und literarischen Neuheiten zurückgekommen. Einige davon präsentiert sie in Kurzform auf der heutigen Lesen-Seite.

Der diesjährige Auftritt der Schweiz an der Leipziger Buchmesse war farbig, vielseitig und interessant, nicht nur, was die Literatur betrifft. Ein genaues Abbild dieses Auftritts und noch viel mehr ist das Buch «Auftritt Schweiz – Das Lesebuch», das Autoren mit Textauszügen aus bekannten und unbekannten Werken zitiert und zusätzlich wichtige Begebenheiten, politische Fakten sowie Land und Leute vorstellt. Ein illustriertes Zeugnis und nachdenklich stimmendes Bild der gelebten Schweiz, für all jene gedacht, die das Land von ausserhalb wie auch von innen kritisch betrachten. Ähnlich kritisch wie Peter Bichsel: «Weil wir uns für typisch halten und auch glauben, für typisch gehalten zu werden, fällt es uns schwer, etwas zu verändern. Wir haben Angst, untypisch zu werden.»

Zurück in der alten Heimat

Hin und her gerissen zwischen der freudigen Erwartung, nach Jahrzehnten wieder in sein Heimatland zurückzukehren und der Angst, sich den Gespenstern der Vergangenheit zu stellen, macht sich der alte Jonah Jacobson im Buch «Der blaue Vogel kehrt zurück» auf die Reise nach Europa. 60 Jahre lebte er in Brasilien nach einer abenteuerlichen Flucht vor den Nazis aus Amsterdam. Brasilien wurde dem jungen Diamantenschleifer zur eigentlichen Heimat. Doch nun sind seine geliebte Frau und die engsten Freunde gestorben, und er hat in den Niederlanden noch etwas gutzumachen, er will eine Frau suchen, die er damals als Fluchthelferin verletzt zurückgelassen hat.

Die Spurensuche in Amsterdam raubt dem Neunzigjährigen buchstäblich den Atem, und er erleidet einen Zusammenbruch. Im Spital hängt er seinen Gedankengängen in der Vergangenheit und der Gegenwart nach, beide Zeiten vermischen sich in seinem Bewusstsein, und er hat alle erdenkliche Mühe, diese auseinanderzuhalten. Seine jüdische Vergangenheit drängt sich in den Vordergrund und gibt ein Lebensbild seiner Kindheit und Jugend preis, das ihn beunruhigt und ihm Mühe macht, die Realität zu akzeptieren.

Ein Roman, der humorvoll und doch wehmütig die schillernde Lebensgeschichte des Abenteurers Jacobson vor Augen führt mit allen Hochs und Tiefs, und über Freundschaft und Liebe erzählt, die ein Menschenleben überdauern.

Der Kampf ums Überleben

Im Buch «Das Huhn, das vom Fliegen träumte» ist es das Huhn «Sprosse» leid, eingesperrt zu sein und tagtäglich ein Ei zu legen. Es gelingt ihm zu fliehen, doch die vermeintlich friedliche Welt draussen ist ihm nicht gutgesinnt. Die Tiere vom Bauernhof verjagen es, nur der wilde Erpel «Streuner» hält zu ihm.

Die Henne richtet sich ihr Leben in der Wildnis ein, merkt jedoch schnell, wie gefährlich das für ein Huhn ist, das sich nur mühsam fortbewegt und nicht vor Gefahren wegfliegen kann. Zu ihrem Entzücken findet sie ein vereinsamtes Ei, das sie nun mit Eifer und Ausdauer zu brüten beginnt. Ihr Erzfeind, das Wiesel, stört sie immer wieder dabei, doch «Streuner» hilft ihr, der Gefahr auszuweichen und opfert sich sogar für das kleine Wesen, das sich aus dem Ei schält. Von Anfang an liebt «Sprosse» das Kleine und begleitet es auf seinem gefährlichen Weg zum Erwachsenwerden, auch wenn ihr klar ist, dass es nicht zur Familie der Hühner gehört.

Kein Roman über die Liebe und rührende Aufopferung einer Mutter zu ihrem Kind könnte diese zu Herzen gehende Fabel besser erzählen. Das Zusammenleben der Tiere scheint sehr «menschlich»: der Freiheitsmut des Einzelnen, die Zusammengehörigkeit in der Sippe, das Feilschen um den besten Platz in der Gesellschaft und schlussendlich der Kampf ums Überleben. Eine wunderschöne Lektüre, die lange nachklingt.

Die Bahn verbindet

Kein Eisenbahnnetz auf der Welt scheint so eng verknüpft wie das der Schweiz. Dies hat den Herausgeber des Buchs «Schweiz Takt. Eine literarische Reise entlang der Eisenbahnen der Schweiz» bewogen, sich per Zug auf die literarische Reise durch dieses vielsprachige Land zu machen. Dies in der Überzeugung, dass es keine interessanteren Schauplätze gibt als die Bahnhöfe mit dem Gewusel und den Begegnungen wie auf einem Dorfplatz. Der Beobachter liebt die besondere Atmosphäre von Weggehen und Ankunft. Die Bahn bringt Leute zusammen und bringt sie voneinander weg.

All die Geschichten, die dahinter stehen, galt es zu sammeln. Geschrieben von Kurt Guggenheim bis Max Frisch, Melinda Nadj Abonji bis Unbekannt, vom Anfang der Eisenbahngeschichte bis heute. Es ist dem eifrigen Sammler gelungen, über hundert kur- ze Erzählungen, Zeitungsausschnitte und Episoden zusammenzutragen, inspirierende und zum eigenen Beobachten anregende. Sprachverbindend hat er auch französische, italienische und englische Texte einfliessen lassen.

Sehr interessant sind auch die Quellenangaben und das lückenlose Bahnhofverzeichnis, welches die Reiseorte aufzählt (auch Freiburg kommt einige Male vor). Dieses kleine knallrote Buch mit edler Goldprägung ist die ideale Reisebegleitung auf Zugreisen durch die ganze Schweiz.

Keine Zeit für Langeweile

Reisende Künstler – und sind sie noch so klein – wollen immer das nötige «Material» dabei haben. Mit dem dicken Buch «Kinder Künstler Reisebuch» zum Rätseln, Reinkritzeln, Ausmalen, Fantasieren und vielen Spielen sind sie bestens bedient. Da kommt garantiert keine Langeweile auf! Endlich ein Buch, das für x-beliebigen Gebrauch gedacht ist. Da gibts keine Schelte, wenn man Seite um Seite bemalt oder beschreibt, kritzelt und Figuren ausschneidet, Eselsohren macht oder damit Gesellschaftsspiele spielt. Hier ist das ausdrücklich erwünscht.

Das ultimative Spielbuch, das abenteuerlicher und anregender kaum sein könnte. Mit Reisetagebuch für spannende Ferienerinnerungen ist es jedoch nicht nur für Kinder auf Reisen gedacht. Unterhaltung für viele Stunden für Kinder ab sechs bis jung gebliebene Erwachsene.

Gewalt im Alltag Jugendlicher

Wer Angst zeigt, ist schwach, und wer Schwäche zeigt, wird angegriffen! Nach dieser Regel wird in einigen der Kurzgeschichten der Sammlung «Schneller als die Angst – neun rasante Kurz-Krimis» gehandelt. Wer nicht spurt, wird fertiggemacht. In der Schule, auf dem Nachhauseweg oder gar zu Hause. Es sind Situationen, die aus dem Ruder laufen, mal mit fiesem Mobbing, mal mit brutaler Gewalt.

Dann gibt es aber auch die Jugendlichen, die sich einer gefährlichen Situation mutig stellen und mithelfen, dass kriminelle Machenschaften aufgedeckt werden. Eine kleine Auswahl an eindrucksvollen Geschichten, die sich gegen Gewalt in jeder Form richten. Sie machen Jugendliche mit spannenden Texten auf brenzlige und kriminelle Situationen aufmerksam, die sich so oder ähnlich auch in ihrem Alltag abspielen könnten.

Fakten

Details zu den besprochenen Büchern

•«Auftritt Schweiz (in Leipzig 2014) – Das Lesebuch»: Franziska Schläpfer (Hg.). Zürich: Scheidegger & Spiess 2014.

•«Der blaue Vogel kehrt zurück»: Arjan Visser. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2014.

•«Das Huhn, das vom Fliegen träumte»: Sun-Mi Hwang. Zürich: Kein & Aber, 2014.

•«Schweiz Takt. Eine literarische Reise entlang der Eisenbahnen der Schweiz»: Thomas Kohlwein (Hg.). Klagenfurt: Wieser Verlag 2014.

•«Kinder Künstler Reisebuch»: Labor Ateliergemeinschaft. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 2014.

•«Schneller als die Angst – Neun rasante Kurz-Krimis»: Erich Weidinger (Hg.). Wien: Obelisk Verlag 2013.