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Auch «Digital Natives» müssen dazulernen

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Die Glocke schrillt: Die Primarschüler aus Ferenbalm strömen wieder zurück in ihre Zimmer. Die FN besuchen an diesem Montagvormittag eine Lektion Mathematik und eine Lektion Medien und Informatik in der 5./6. Klasse. Wie hat sich die Schule wohl seit den Neunzigerjahren verändert, als der Schreibende selber Primarschüler war? Sind Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich nur noch Lerncoaches, wie dies in den Diskussionen um den Lehrplan 21 befürchtet wurde?

Der erste Blick in die Schulzimmer weckt Erinnerungen: Kinder tollen herum, auf den Tischen liegen Etuis und Hefte, und verschiedene Gegenstände im Schulzimmer sind mit englischen Begriffen angeschrieben. Unter der Decke hängt ein Zeitstrahl von der Jungsteinzeit bis in die Neuzeit. Und an einer Pinnwand hängt ein Schauplakat «Von der Rübe zum Zucker».

Spiegelchen als Hilfe

Lehrerin Lisa von Niederhäusern bringt ihre Doppelklasse schnell zur Ruhe: «Die Sechstklässler helfen den Fünftklässlern bei der Einführung.» Es geht um Geometrie: Die jüngeren Schüler repetieren ihr Wissen um Dreiecke. Von Niederhäusern arbeitet dabei mit den anschaulichen Geobrettchen. Auf Brettchen mit eingeschlagenen Nägeln lassen sich mit kleinen Gummibändern Figuren spannen. Die Schülerinnen und Schüler müssen zum Beispiel gleichschenklige von gleichseitigen Dreiecken unterscheiden. «Sind das die gleichen Dreiecke?», fragt von Niederhäusern später, während sie zwei spiegelverkehrte Dreiecke spannt. Später sollen die Schülerinnen und Schüler auf einem Arbeitsblatt Symmetrieachsen einzeichnen. Dafür nehmen sie kleine Spiegel zur Hilfe.

«Unser Unterricht hat sich durch den Lehrplan 21 nur bedingt verändert», sagt Lehrerin von Niederhäusern nach der Lektion. «Im Vergleich zu früher versuchen wir, noch anschaulicher zu unterrichten.» Dafür seien die Geobrettchen und die kleinen Spiegel eine gute Hilfe.

Car-Sharing im Schulzimmer

Während die Fünftklässler ihr Arbeitsblatt zu Dreiecken lösen, grübeln die Sechstklässler über einer Aufgabe im «Schweizer Zahlenbuch». Sie müssen schätzen, wie viele Menschen auf einer Illustration zu sehen sind. Anschliessend berechnen sie erst, wie viele Autos für die Menschenmenge gebraucht werden und wie viel Platz die Fahrzeuge benötigen. «Wie lang und wie breit ist ein Auto?», fragt von Niederhäusern als Hilfestellung. Mit der Aufgabe üben die Jugendlichen nicht nur das Abschätzen von Zahlen, sondern auch die Berechnung von Flächen. «Es geht heute vermehrt darum, dass die Schülerinnen und Schüler Fertigkeiten in konkreten Aufgaben einsetzen», erklärt Lisa von Niederhäusern.

Doch die Aufgabe ist noch nicht zu Ende: In einem weiteren Schritt berechnen die Schüler, wie viel Platz die Menschen benötigen würden, wenn sie in einen Bus einsteigen würden, statt das Privatauto zu nehmen. «Die nachhaltige Entwicklung ist Teil des Lehrplans 21», erklärt von Niederhäusern. «Sie fliesst in verschiedenen Fächern in die Aufgaben ein.» Die Jugendlichen merken, dass der motorisierte Individualverkehr mehr Platz braucht als der öffentliche Verkehr, um die gleiche Anzahl Personen zu transportieren.

Die Sechstklässler sollen Unterschiede zwischen Autos und Bussen nennen. «Autos besitzt man selber, Busse sind öffentlich», sagt eine Schülerin. Ein Mitschüler widerspricht: «Es gibt auch Autos, die öffentlich sind.» Lisa von Niederhäusern entgegnet: «Dafür muss man aber bei der Organisation eingeschrieben sein und das Auto vorher per App reservieren.» Dieses Beispiel zeigt: Die Lebenswelt der Kinder hat sich verändert. Vor 20 Jahren war Car-Sharing in der Primarschule wohl kaum ein Thema.

«Jetzt könnt ihr mit Profax üben», sagt Lisa von Niederhäusern. «Ou ja», jubelt ein Schüler. Die bekannten Lernspiele haben offensichtlich nichts von ihrer Beliebtheit eingebüsst. Doch übten die Schüler in den Neunzigerjahren noch mit Lochkarten, lösen sie heute die Aufgaben auf dem Laptop. So müssen sie etwa Brüchen die entsprechenden Dezimalbrüche zuordnen oder Masseinheiten umrechnen.

Lange Diktate sind vorbei

«Über das Ganze gesehen, verändert sich die Schule nicht wesentlich», schreibt Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung des Kantons Bern, auf Anfrage der FN. «Sie ist immer noch der Ort, an dem Kinder und Jugendliche die wichtigsten Kulturtechniken wie Lesen oder Rechnen lernen, etwas leisten sollen, sich im sozialen Verhalten üben und auch Freude haben können. Am Ende ihrer Schulzeit sollen die Jugendlichen selbstverantwortliche Mitglieder unserer Gesellschaft sein.»

Doch die Unterrichtsinhalte und die Methoden müssten sich der gesellschaftlichen Realität anpassen. Die Schule müsse etwa berücksichtigen, dass zunehmend beide Eltern berufstätig seien, dass viele Kinder aus Patchworkfamilien stammten und dass die Digitalisierung den Alltag zunehmend beeinflusse.

Bis in die 1980er-Jahre sei der Stundenplan detaillierter gewesen. Seit den Neunzigerjahren unterrichte die Schule Fächer wie Geografie, Geschichte und Naturkunde vermehrt fächerübergreifend. Sommer bestätigt auch, dass es Unterrichtsinhalte gibt, die heute nicht mehr gleichermassen unterrichtet werden. «Die Zeiten des stundenlangen ‹Bigelirechnens› und der langen Diktate sind vorbei.» Auch das Schreiben gebe es heute als Schulfach nicht mehr. Noch früher seien Mädchen und Jungen in vielen Fächern getrennt unterrichtet worden, und zwar nicht nur in Handarbeit oder Werken, sondern auch in Fächern wie Geometrie oder Algebra. «Heute ist das Unterrichtsangebot geschlechter­unabhängig», schreibt Sommer.

Flexibilität wird wichtiger

Seit dem Sommer gilt im Kanton Bern der Lehrplan 21. Dazu gehört unter anderem das neue Fach Medien und Informatik, in der Oberstufe folgen weitere neue Fächer und Module. Doch es steht kaum zusätzliche Zeit zur Verfügung. Besteht da nicht die Gefahr, dass der Schule immer mehr aufgebürdet wird, ohne sie von anderen Inhalten zu entlasten? Dieses Risiko bestehe, räumt Erwin Sommer ein. Denn die Wissensmenge nehme in der globalisierten Welt stetig zu und verändere sich schnell. Gerade deshalb sei es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur mit Wissen abgefüllt werden, sondern dieses Wissen anwenden und vernetzen können. Die Schülerinnen und Schüler sollen fähig sein, sich nach der Schule selbstständig weiterzuentwickeln und sich an wechselnde Bedingungen anzupassen.

Was Sommer beschreibt, nennt sich in der Fachsprache Kompetenz­orientierung. Nicht zuletzt durch diese Ausrichtung auf Kompetenzen war der Lehrplan 21 teilweise heftig umstritten. In mehreren Kantonen kamen Initiativen zur Abstimmung, welche der Politik eine stärkere Mitsprache in Lehrplanfragen einräumen wollten. Doch die Bevölkerung wollte davon nichts wissen.

Laut Erwin Sommer wirft der Lehrplan mittlerweile keine hohen Wellen mehr. Die Eltern hätten offen auf die Neuerungen reagiert. Das gelte auch für die Berufswelt, in der es schon lange kompetenzorientierte Lehrpläne gebe.

Wie speichert man richtig ab?

Die erste Stunde ist vorbei, die Sechstklässler gehen einen Stock tiefer, in das Schulzimmer von Beat Hänggeli. Seit dem Sommer unterrichtet er in der Doppelklasse das neue Fach Medien und Informatik. Auf jedem Schülerpult steht ein Laptop. «Lasst die Computer noch geschlossen, sonst hört ihr mir nicht zu», fordert Hänggeli die Schüler mehrfach auf. Die neuen technischen Möglichkeiten bieten durchaus Potenzial, um Jugendliche abzulenken.

Nach den ersten fünf Wochen steht heute eine Lernkontrolle auf dem Programm. Es gibt, wie im Fach insgesamt, keine Noten. Lehrer Beat Hänggeli will prüfen, wie gut die Schülerinnen und Schüler Word und Excel beherrschen. Doch zuerst müssen sie das Dokument am richtigen Ort finden und unter ihrem Namen am richtigen Ort abspeichern. «Das ist für viele schon eine grosse Herausforderung», sagt Hänggeli. Anschliessend müssen die Schüler in einem Text verschiedene Aufträge ausführen. Sie markieren eine Passage fett gedruckt, färben eine andere Passage grün ein, richten den Text linksbündig aus oder ersetzen überall das Wort «Urlaub» mit «Ferien». Anschliessend fügen sie eine Tabelle in das Dokument ein.

Die Klasse arbeitet konzentriert. Kein Jugendlicher scheint auf dem Internet zu surfen. «Wie macht man etwas fett?», fragt ein Schüler verständnislos. «Obwohl wir das Word fünf Wochen behandelt haben, kämpfen einige immer noch mit grossen Schwierigkeiten», sagt Lehrer Beat Hänggeli. Er erklärt einem Schüler gerade die die Rückgängig-Funktion. Wie in anderen Fächern zeigen sich auch in Medien und Informatik grosse Leistungsunterschiede. «Einige sind weit voraus und können andere unterstützen.»

Unverzichtbares Fach

Für das Fach Medien und Informatik wurde ein eigenes Lehrmittel entworfen, das ein breites Spektrum abdeckt. So lernen die Jugendlichen etwa Unterschiede zwischen einer Parteizeitung und einer journalistischen Zeitung. Ein anderes Kapitel sensibilisiert sie für das Problem des Cybermobbings. Ein weiteres Kapitel zeigt anhand eines Kochrezeptes, was ein Algorithmus ist.

Für Beat Hänggeli ist das neue Schulfach unverzichtbar. «Computer und Medien begleiten uns durchs Leben.» Die Schule bereite die Erwachsenen von morgen auf das Leben vor. Und in Zukunft werde die Technik das Leben noch mehr bestimmen. «Die Schule kann sich dem nicht entziehen, auch wenn sie eigentlich immer einen Schritt zu spät ist.» Dass die heutigen Kinder als «Digital Natives» quasi von alleine alles lernen, lässt Hänggeli nicht gelten. «Von zu Hause bringen sie das Gamen mit sowie den Umgang mit Smartphones und Tablets.» Grundlegende Kenntnisse wie das saubere Abspeichern von Dokumenten oder Textverarbeitung sei in der heutigen Jugend aber genau so wenig verbreitet wie vor 20 Jahren.

Die Stunde ist zu Ende: Erst nach mehrmaligem Auffordern schliessen die letzten Schülerinnen und Schüler ihren Laptop. Mit Rufen und Geschrei geht’s in die Mittagspause. Der Besuch in Ferenbalm zeigt: Einiges hat sich verändert. Laptops gab es vor 20 Jahren in Schulzimmern noch kaum. Auch Unterrichtsmethoden wurden leicht modernisiert. Doch die Schule wurde nicht radikal umgekrempelt. Auch mit dem Lehrplan 21 bleiben Lehrerinnen und Lehrer die zentralen Figuren im Schulzimmer.

«Von zu Hause bringen die Schüler das Gamen und den Umgang mit dem Smartphone mit.»

Beat Hänggeli

Informatik-Lehrer

«Über das Ganze gesehen verändert sich die Schule nicht wesentlich.»

Erwin Sommer

Vorsteher Amt für Volksschule

«Im Vergleich zu früher versuchen wir, noch anschaulicher zu unterrichten.»

Lisa von Niederhäusern

Lehrerin

Innovation

Kanton Bern stellt in Videos innovative Schulmodelle vor

Seit vier Jahren stellt die Berner Erziehungsdirektion unter dem Titel «good practices» Kurzvideos auf ihre Website. Sie stellt damit Schulen vor, die in ihrem Alltag innovative Ideen umgesetzt haben. «Es ist uns ein Anliegen, dass Schulen vor Ort ihre Freiräume nützen und – wenn auch nur im Kleinen – Innovationen umsetzen», schreibt Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Amtes für Kindergarten, Volksschule, und Beratung. Die Videos sollen die Ideen bekannter machen, so dass auch andere Schulen im Kanton davon profitieren können. Unter den rund 25 vorgestellten Ideen ist zum Beispiel die Schule Lotzwil. Dank einer Partnerschaft mit einem Unternehmen können deren Schülerinnen und Schüler ein Produkt von A bis Z selber entwickeln. Dabei erarbeiten sie sich viel technisches und wirtschaftliches Wissen. Im Berner Stadtschulhaus Munzinger verfolgen Schülerinnen und Schüler im Fach «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» anhand von Fertigpizzas den Weg von Gütern.

Zur Zeit plane die Erziehungsdirektion ein Video mit der Schule Schwarzenburg. Eine Gruppe von Lehrerinnen realisiere eine Lernlandschaft, welche die Bewegung von Schülerinnen und Schülern anregen soll.

sos

www.erz.be.ch/kurzfilme

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