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Behinderte wagen die Selbständigkeit

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Behinderte wagen die Selbständigkeit

In der Wohnschule Freiburg lernen leicht behinderte Erwachsene, den Alltag zu bewältigen

Leicht bis mittelgradig geistig behinderte Erwachsene lernen in der Wohnschule Freiburg, selbständig zu leben und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Es handelt sich hierbei um ein Angebot der Pro Infirmis, die in der ganzen Schweiz insgesamt fünf solche Schulen führt.

Von CAROLE SCHNEUWLY

«Wer selbständiger leben kann als in einem Heim, der sollte begleitet werden, damit er diese Selbständigkeit entwickeln kann», sagt Jean-Pierre Marmet, einer von derzeit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wohnschule Freiburg. Damit bezeichnet er genau jene Lücke, welche die Pro Infirmis mit den Wohnschul-Projekten ausfüllen will. Viele leicht geistig behinderte Erwachsene könnten und möchten unabhängiger leben, als dies in einem Heim oder in der Familie möglich ist. Um sich die entsprechenden praktischen und sozialen Wohnkompetenzen anzueignen, fehlt ihnen jedoch oft die passende Infrastruktur.

Diese Infrastruktur bietet seit 1991 die Wohnschule Freiburg. Sie befindet sich mitten in Freiburg, etwas versteckt an der Bankgasse 2, und umfasst drei gewöhnliche Wohnungen auf drei Stockwerken. Jeder Wohnschulteilnehmer hat darin ein eigenes Zimmer mit einem eigenen Schlüssel. Dazu kommen ein gemeinsamer Wohnraum, eine gemeinsame Küche, ein Studio mit einer Kochecke für Bewohner, die kurz vor dem Austritt stehen, ein Schulzimmer sowie die Büroräumlichkeiten der Mitarbeiter.

«Es ist wichtig, dass die Teilnehmer in ganz normalen Wohnungen in einem realitätsnahen Umfeld leben», sagt Marmet. «So lernen sie, was für Reaktionen es gibt, wenn sie den Abfall am falschen Tag rausstellen oder wie man in Sachen Waschküchenbenutzung mit den Nachbarn umgeht.»

Mutiger Schritt

Jeder Wohnschulteilnehmer hat einen externen Arbeitsplatz, wo er jeweils vormittags tätig ist. Von 12 Uhr mittags bis 20 Uhr abends dauert die Ausbildung in der Wohnschule. Sie besteht aus gemeinsamen Mahlzeiten, einem eher theoretischen Schulteil und einem praktischen Teil, in dem Alltagsaufgaben von der Haushaltführung bis zum Erledigen von Bankgeschäften geübt werden. Die Abendstunden gestalten die Bewohnerinnen und Bewohner ebenso wie die Wochenenden weit gehend selber.

Nach 20 Uhr ist das Begleiterteam nicht mehr in der Schule anwesend, jedoch via Pikettdienst erreichbar. Auch das ist Teil der zwei- bis dreijährigen Ausbildung: Die Teilnehmer sollen lernen, ihre Freizeit autonom zu gestalten, mit schwierigen Situationen allein fertig zu werden, Verantwortung zu übernehmen und sich gegenseitig zu helfen.
Diese Ausbildungsform sei in der Schweiz immer noch vergleichsweise fortschrittlich, bemerkt Jean-Pierre Marmet. Sich darauf einzulassen, fordere deshalb sowohl von den Behinderten als auch von ihren Eltern viel Mut. Dass auch die Bezugspersonen der Wohnschulteilnehmer von dem Projekt überzeugt sind, sei eine unerlässliche Voraussetzung für dessen Gelingen. «Man muss es ausprobieren und die Selbständigkeit wagen.»

Das Angebot der Wohnschule richtet sich an Frauen und Männer ab 18 Jahren mit einer leichten bis mittelgradigen geistigen Behinderung. Voraussetzung ist, dass sie eine feste 50-Prozent-Stelle in einer geschützten Werkstätte oder in der Privatwirtschaft haben. Ausserdem müssen sie weit gehend selbständig sein, was etwa die Körperpflege, den Arbeitsweg oder das Bewältigen der nicht betreuten Zeiten angeht. Die Wohnschule Freiburg bietet maximal fünf Ausbildungsplätze; einer ist zurzeit frei.

Ursprünglich eine deutschsprachige Gründung, ist die Schule seit 1999 zweisprachig. Derzeit betreut sie zwei deutsch- und zwei französischsprachige Teilnehmer. Laut Marmet stellt die sprachliche Verständigung in der Schule kein Problem dar: «Hier wird die Zweisprachigkeit wirklich gelebt. Nach einiger Zeit versuchen die Bewohnerinnen und Bewohner, sich in der anderen Sprache auszudrücken.»

Zwischen Vertrauen und Distanz

Die Teilnehmer seien in der Regel sehr motiviert für die Ausbildung in der Wohnschule und froh, von zu Hause wegzukommen und neue Freiheiten zu entdecken, sagt Marmet. Deshalb sei die Arbeit auch für die Begleiter eine Freude, denn von den Behinderten komme viel zurück. «Es braucht Vertrauen, aber auch eine gewisse Distanz. Den Bewohnern muss klar werden, dass der Aufenthalt in der Wohnschule eine vorübergehende Situation ist», so der Heilpädagoge, der selber seit zwei Jahren in der Wohnschule arbeitet.

Für den Erfolg des Wohnschulkonzeptes spricht auch die Statistik: Anfang 2002 wohnten von damals 23 ausgebildeten Personen 66 Prozent selbständig in einer Wohnung oder in einem Studio. Je 17 Prozent lebten bei den Eltern oder in einem Heim respektive in einer begleiteten Wohnform. Gewinn bringend sei das Projekt aber auch in diesen Fällen, betont Jean-Pierre Marmet. «Auch diese Leute leben heute selbständiger als vor ihrer Zeit in der Wohnschule und werden von ihren Bezugspersonen als erwachsene Menschen betrachtet, die selbstbestimmt leben können.»

15 Wohnschulen
in der Schweiz

In der ganzen Schweiz gibt es heute 15 Wohnschulen. Die Wohnschule Freiburg gehört zu jenen fünf, die von der Pro Infirmis geführt werden (zwei weitere gibt es in Zürich, eine in Lausanne und eine in Aarau). Analog zu einem Heim wird die Wohnschule hauptsächlich durch Bundessubventionen finanziert; sie decken 80 Prozent der Lohnkosten. Der Rest stammt aus den Pensionsbeiträgen der Wohnschulteilnehmer, die sich auf 105 Franken pro Tag belaufen. cs

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