Bandportrait 24.05.2012

Anshelle setzen auf Gegensätze

Die Band Anshelle rund um die Wileroltiger Sängerin Michèle Bachmann hat ein neues Album herausgegeben. Auf«All In» werden Popsongs zweierlei Art serviert: düster-melancholische und solche, die besser ins Radio passen.

Autor: Marc Kipfer

Es war ein Erfolg abseits des Scheinwerferlichts, aber dennoch ein Erfolg: Vor drei Jahren belegte die Band Anshelle für kurze Zeit den 31. Platz der offiziellen Schweizer Albumhitparade mit ihrer CD «Betty’s Garden». Nun versucht die Band rund um die Wileroltiger Sängerin Michèle Bachmann, an diesen Erfolg anzuknüpfen. Anshelle sind mit einer neuen Platte zurück im Geschäft.

«All In», heisst der Silberling, mit dem die Band einmal mehr beweist, dass sie national mit den Grossen mithalten kann – vor allem, was effektvolle Song-Arrangements betrifft. Die Band zeigt ihre Qualitäten, wenn es darum geht, Stimmungen auf den Zuhörer zu übertragen.

Ein Geist, der rappen kann

Dies zeigt sich schon in den ersten Minuten der neuen CD. Die musikalische Reise beginnt mit viel Tempo, in der amerikanischen Wüste, zwei Meilen vor den Stadttoren von Las Vegas. Gib Vollgas, wir sind gleich da, wo die Post abgeht, sagt der Song; die bei diesem Thema obligaten Gitarren wirken zwar etwas zahnlos, aber sie sind da. Ein Hauch von Rock’n’Roll zum Auftakt eines Pop-Albums. Es funktioniert, die Würfel fallen zugunsten von Anshelle. Der Zuhörer ist gespannt, wo ihn die Band als Nächstes hinführt.

Es folgt «I Can See Your Beauty», und nach dreissig Sekunden ist klar: Der hier ist fürs Radio. Schön nach Popschema arrangiert, gut gemacht, aber keine Spur mehr von Las Vegas. Mit diesem Song werben Anshelle für ihr Album, es gibt eine Single dazu und einen Videoclip. Wer will es ihnen verübeln?

Das Wechselbad der Gefühle geht mit den nächsten Songs weiter, es werden Popsongs zweierlei Art serviert: Jene mit den klassischen, wohl bekömmlichen Themen (Liebe, Fernweh) stehen solchen gegenüber, die von Angst und Schrecken handeln. «Jemand ist in meinem Zimmer / ich fühle, dass sich die Luft bewegt… aber ich sehe niemanden», singt Michèle Bachmann (natürlich auf Englisch) in «Ghost Town». Der Song setzt einen eindringlichen Glanzpunkt, stellvertretend für die düster-melancholische Seite des Albums. Besonders bemerkenswert ist das unerwartete Rap-Intermezzo von Cavi the Ghost. Der Musiker aus Oklahoma taucht kurz aus dem Nichts auf und verschwindet ebenso schnell wieder. Eben ein Geist.

Krieg und Sonnenblumen

Ein anderer Song handelt gar von den Schrecken des Krieges: «20000 Soldaten warten darauf, nach Hause zu gehen… In der Hitze der Wüste, am Ende der Welt… Im Namen ihrer Mütter, Väter und Ehefrauen hoffe ich, dass sie es nach Hause schaffen.» Das ist ernster Stoff für eine Popband.

Dass Anshelle mit «All In» auf Gegensätze setzen, zeigt sich, wenn dazwischen Songs wie «Castle By The Sea» oder «There Is A House» erklingen. Besungen wird ein Schloss am Meer, ein andermal ein Haus inmitten von Sonnenblumenfeldern. Schöne Orte, wo sich alle wohlfühlen dürfen.

Hartnäckig im Kopf

Wenn man Michèle Bachmann und ihren Mitstreitern Sandro Marretta (Keyboards), Phil Küffer (Bass), Martin Kissling (Drums) und Marc Hügli (Gitarre) einen Vorwurf machen kann, dann jenen, dass sie den hitverdächtigsten Song auf dem Album noch nicht als Single veröffentlicht haben: «Running Back To You», ist beim ersten Hinhören unspektakulär, setzt sich aber hartnäckig im Kopf fest. Ein Lied über eine Liebe, die alle Widrigkeiten überdauert, gestützt von einem starken Refrain. Nicht mehr und nicht weniger. Solche Popsongs sollte die Schweiz zum Eurovision Song Contest schicken.

Das Album «All In» endet schliesslich da, wo es begonnen hat: In den USA, genauer in San Francisco. Die Sängerin wollte dort schon immer hinfliegen, in diesem Song tut sie es. Und erneut springt eine Emotion direkt auf den Zuhörer über: Die Sehnsucht der Sängerin nach dieser Stadt wirkt echt – und wird zur Sehnsucht nach mehr Anshelle.

Ernste Themen für eine Popband: Anshelle.Bild zvg

Live

An Open-Air-Festivals und im Hotel Murten

Das neue Album «All In» zu kaufen ist nicht die einzige Möglichkeit, die neuen Songs von Anshelle zu hören. Denn die Band ist in den nächsten Monaten für mehrere Konzerte gebucht. Im Sommer tritt sie unter anderem am Heitere Open Air in Zofingen auf, zudem am Brienzersee Rockfestival und am Chapella Open Air im Oberengadin. Am Samstag, 27. Oktober, folgt ein Auftritt im Hotel Murten anlässlich der Herbst-Kulturwoche. Für kurz entschlossene Konzertbesucher noch dieser Hinweis: Heute Donnerstagabend spielen Anshelle um 20.30 Uhr in der Konzepthalle 6 in Thun. mk

Tourdaten und weitere Informationen: www.anshelle.ch