Guggisberg 20.10.2016

«Das Lied fasziniert mich immer wieder»

Johannes Josi beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Guggisberglied und seinen vielen Facetten.
Bild Charles Ellena
«’S isch äben e Mönsch uf Ärde»: Der Guggisberger Johannes Josi kennt das Lied vom Vreneli in- und auswendig.

Das Guggisberglied ist eines der ältesten heute noch gesungenen Volkslieder der Schweiz und die Grundlage des Projekts Vreneli-Dorf. Johannes Josi ist einer der besten Kenner des Liedes – einerseits, weil er es lange als Dirigent und Tenor mit dem Kirchenchor von Guggisberg gesungen hat, und andererseits, weil er sich seit Jahren mit den verschiedenen Cover-Versionen beschäftigt. «Das Lied fasziniert mich jedes Mal aufs Neue», sagt er, «ich entdecke immer wieder neue Facetten.» Er singe das Lied auch immer wieder mit Gruppen. Und er stelle fest: Bisher gab es immer wieder Besucher, die es kannten. «Ehrlich gesagt», wirft Josi mit amüsiertem Lächeln ein, «viele kennen das Guggisberglied besser als die Nationalhymne.» Er wünsche sich, dass traditionelles Liedgut wie das Guggisberglied wieder vermehrt auch in den Schulen gesungen werde.

Das Lied prägt die Gegend

Noch bevor der gebürtige Emmentaler ins Gantrischgebiet kam, war ihm das Lied bekannt, erinnert er sich. Und dann, als er als junger Lehrer nach Riedstätt in die Gemeinde Guggisberg gekommen war, realisierte er, wie bekannt die Figur in der Schweiz war. «Im Militärdienst musste ich nur sagen, dass ich dort zu Hause bin, wo das Vreneli herkommt, und allen war klar, dass es Guggisberg ist.» Josi hat in den letzten Jahrzehnten eine Veränderung festgestellt: «Das Lied prägt die Gegend in einer Art und Weise, die ich nicht erwartet hatte.» Es bewege die Menschen und sei eng mit dem Boden, mit der Region verbunden. «Die Melodie ist unverwechselbar und unverkennbar.» Zugleich erzähle es eine rührende Geschichte, die jede und jeden anspreche. «Alles sammelt sich in diesem einen Lied», so Josi.

Er, der auch lokalhistorisch bewandert ist, erinnert daran, dass gerade auch in der abgeschiedenen Region Guggisberg die Menschen arm waren, das Leben ausgesprochen schwer und deshalb besonders viele Menschen ausgewandert sind. Im Gepäck hatten viele das Lied vom Vreneli, sie brachten es in die ganze Welt, nach Russland oder Amerika.

Besonders freut sich Josi über die Version des Jodlerklubs Flüehblüemli in Sangernboden. «Ein Jodelklub singt in Moll», wundert er sich. Man könne sich darüber streiten, ob es wirklich passe, aber es sei ein wichtiger Beleg für die steigende Bedeutung des Liedes. «Jodler jutzen vor Freude und singen von heiler Welt, glücklichen Sennen und schönen Bergen», so Josi, die traurige Geschichte vom Vreneli und vom Hans-Joggeli sei völlig untypisch. «Das ist fast unglaublich», einfach grossartig, sagt Josi. «Es ist ein Volkslied, und kein volkstümliches», das sei ein grosser Unterschied.

Sogar eine Jodel-Fassung

Der Kirchenchor, dem Josi ein halbes Jahrhundert lang (die FN berichteten) als Chorleiter vorstand, habe auf das Lied zuerst distanziert reagiert. Zu fremd klang die Melodie, zu traurig, zu ungewöhnlich waren die Moll-Klänge für Schweizer Ohren damals. Und noch heute, nachdem Josi den Dirigierstab an Peter Werren übergeben hat, wird das Lied gesungen. Und zwar begeistert: «Die Haltung der Leute gegenüber dem Lied hat sich gewandelt», sinniert Josi. «Sie anerkennen seine Bedeutung für das Dorf, und die Wertschätzung ist gestiegen.»

Neben der älteren Moll-Version von Carl Munziger existiert vom Guggisberglied noch eine Fassung in Dur von Hans Nydegger aus dem Sangernboden. «Es hat aber nie die Verbreitung des Originals erreicht», gibt Josi zu bedenken. Das Lied war im Übrigen für den Kirchenchor auch ein grosser Erfolg. Er sang beide gängigen Versionen zum 850-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Guggisberg 1998 für eine CD ein. Dies, weil der Chor als einer der wenigen überhaupt beide Versionen im Repertoire hatte.

Über 50 verschiedene Cover-Versionen des Liedes hat Josi bisher gesammelt: von der grossen Sinfonie von Hermann Suter bis hin zu poppigen wie jener von Angelheart (siehe Text unten). Josi will sein Wissen über die verschiedenen Cover-Versionen an einem Kurs der Volkshochschule vorstellen.

Begegnung ermöglicht Erleben

Er sei überzeugt, schliesst der frühere Chorleiter: Das Projekt Vreneli-Dorf werde die Verbundenheit zwischen dem Lied und dem Dorf sowie seiner Bevölkerung weiter fördern. Denn es wolle bewusst nicht nur ein oberflächliches Schönwetter-Bild von Guggisberg zeigen. «Und wenn inhaltlich Begegnung passiert, erleben die Menschen etwas.» Diese Erfahrung hat Josi auch als Führer bei den Dorf-Rundgängen des Museums gemacht. Auch die Schattenseiten des Lebens in den Bergen würden dabei dargestellt. «Ich bin froh, dass die Verantwortlichen kein Heidiland, sondern eben ein Vreneli-Dorf wollen.»

Text

Die zentralen Strophen des Liedes

’S isch äben e Mönsch uf Ärde – Simelibärg!

– Und ds Vreneli ab em Guggisbärg

Und ds Simes Hans-Joggeli änet dem Bärg

’s isch äben e Mönsch uf Ärde,

Dass i möcht bin im si.

Und mahn er mir nid wärde, (...)

Vor Chummer stirben-i.

U stirbeni vor Chummer, (...)

So leit me mi i ds Grab.

Dört unden i der Tiefi, (...)

Da steit es Mülirad.

Das mahlet nüt als Liebi,(...)

Die Nacht und auch den Tag.

Das Mülirad isch broche, (...)

Mys Lyd das het en Änd.

Das alte Guggisberglied in der Version von Otto von Greyerz, in einem Aufsatz für das Schweizerische Archiv für Volkskunde 1912 publiziert.

Zur Person

51 Jahre lang vor dem Kirchenchor

Johannes Josi ist 72-jährig und war über 40 Jahre lang als Lehrer tätig. Neben dem Singen spielt er Flöte, Klavier und Orgel. Im Herbst 1963 kam er als Lehrer nach Guggisberg und trat bald darauf dem Kirchenchor Guggisberg bei. Dieser wurde 1884 gegründet und gehört zu den ältesten Kirchenchören des Landes. An Weihnachten 1965 dirigierte Josi erstmals während eines Gottesdienstes in Guggisberg. Er war auch Präsident des Kirchgemeinderats Guggisberg.

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«Diese Melodie hat irgendwie etwas Magisches»

Allein schon der Musikdienst iTunes führt fast 30 verschiedene Versionen des Guggisbergliedes auf – und zwar unter verschiedenen Namen. Zu den bekanntesten gehören die Adaptionen von Stephan Eicher, Angelheart, Tinu Heiniger und Christine Lauterburg. Auch weniger prominente Interpreten aus dem In- und Ausland wie Miche Malou, die Kummerbuben, Kristina Fuchs, das Jodelduett Räss-Kälin, Roland Zoss, Excelsis und die Jazzmusiker Till Grünewald und Harry Sokal, das Trio Eugster, Mettiwetti sowie die Schweizer Ur-Folk-Band Fräkmündt haben sich des bekannten Stoffes angenommen. Die Balkan-Folk-Gruppen Traktorkestar und Molotow Brass Orkestar haben eine Version des Liedes interpretiert, genauso wie klassischere Formationen wie die Musikschule Münchenstein, die Zürcher Sängerknaben und das Chanson de Fribourg (als «Yogueli et Vreneli»).

«Voll eingefahren»

Der Song sei ihm schon seit jeher voll eingefahren, sagt auf Anfrage der Innerschweizer Paul Etterlin, der 2001 mit der Sängerin Janet La Rose unter dem Namen Angelheart «If ever...» aufgenommen hat, eine englische Version des Guggisbergliedes. Die Aufnahme wurde zu einem grossen Hitparadenerfolg und wird noch heute oft im Radio gespielt. Ihn habe von Beginn an die aussergewöhnliche Melodie des Liedes interessiert und berührt, mehr noch als die Geschichte selbst und ihre Botschaft. «Irgendwie hat sie etwas Magisches.» Deshalb habe er der Melodie einen englischen Text gegeben. Ihm sei neben dem Guggisberglied lediglich ein Mundart-Volkslied bekannt, das in Moll geschrieben ist, so Etterlin: «Anneli, wo bisch geschter gsi», ein altes Ostschweizer Volkslied. «Vielleicht ist auch das die Faszination dabei.» Er sei immer wieder erfreut zu sehen, wie vielfältig sich das Lied arrangieren lasse.

Die Hindernisse der Liebe

Christine Lauterburg, die Techno, Pop und Volksmusik vermischt, hat das Lied gar mehrfach aufgenommen, am erfolgreichsten war die Fassung aus dem Jahre 1996 im Album «Paradiesvogel»: «Das Guggisberglied ist eines der schönsten und bekanntesten Schweizer Lieder», sagt sie. «Es kommt in Moll daher und hat unendlich viele Strophen, die heute fast niemand mehr versteht.» Die vier gängigsten jedoch reichten laut Lauterburg, um eine perfekte Liebesgeschichte zu zeichnen. «Aber sie ist leider tragisch, da sich die zwei Liebenden sehr wahrscheinlich nie begegnen dürfen. Ja, die Liebe hatte es schon damals so schwer wie heute», so Lauterburgs Fazit.

Was den Menschen ausmacht

«Für mich ist das Guggisberglied eines der schönsten Volkslieder der Schweiz und eines der schönsten Liebeslieder überhaupt», schwärmt der Berner Liedermacher Tinu Heiniger über das Guggisberglied. Er hat es im Rahmen seines Albums «Morgeliecht» im Jahr 1996 zusammen mit Patent-Ochsner-Chef Büne Huber aufgenommen. «Text und Melodie pendeln, wie das Leben, hin und her zwischen Dur und Moll, Hoffnung und Enttäuschung, Sehnsucht und Trauer, Liebe und Tod», so Heiniger weiter. «Man kann das, was uns Menschen zum Menschen macht, unsere Fähigkeit, den anderen Menschen zu lieben, nicht besser sagen, nicht schöner singen als mit diesem Liedbeginn, der uns mitten ins Herz trifft: ‹’S isch äben e Mönsch uf Ärde, das i möcht bi-n-ihm si.›»

Altmeister und Rock-Chansonnier Stephan Eicher, der mit seiner erfolgreichen Aufnahme aus dem Jahr 1989 dafür verantwortlich ist, dass das Guggisberglied in die Schweizer Hitparade kam, gibt laut seinem Management zurzeit keine Interviews.

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