BELP 27.06.2019

Ein weisser Hirsch als Helfer in der Not

Die Hauptfigur Lea steht in der Höhle Crassus und der Feenkönigin Helva gegenüber.
Der neue Spielfilm «Der weisse Hirsch vom Gantrisch» zeigt die Sagenwelt der Region in einem neuen, modernen Licht. Das sagenhafte Tier soll die junge Isa retten, die sich mit einem Zaubertrank vergiftet hat. Am Sonntag war Vorpremiere.

«Habe ich das alles erlebt, oder habe ich mir kräftig den Kopf angeschlagen?», mit dieser Frage aus dem Off beginnt der Spielfilm «Der weisse Hirsch vom Gantrisch». Die junge Hauptfigur Lea scheint selber kaum zu glauben, was ihr widerfahren ist. Auch der Zuschauer ist sich oft nicht sicher, was real ist und was nur im Kopf von Lea passiert. Der Spielfilm bewegt sich im Graubereich zwischen Realität und Fantasie. Am vergangenen Sonntag war der Film an der Vorpremiere in Belp zum ersten Mal zu sehen.

Regionale Schauplätze

Die Handlung des Films beginnt am Gantrischseeli. Eine Gruppe von Jugendlichen verbringt zum letzten Mal Zeit miteinander, bevor sich ihre Wege trennen. Kät (Kaja Alampi) hat ihrem Bruder Cannabis geklaut und will damit ihrem Schwarm Luk (Samuel von Glutz) imponieren, der aber nur Augen für die blonde Sophie (Naehma Schönholzer) hat. Etwas abseits der Gruppe braut Lea (Luna Sibold) zusammen mit ihrer Freundin Isa (Eyana Gähwiler) einen Zaubertrank. Denn sie will einmal Zauberin werden. Nachdem Isa den Trank probiert hat, muss sie mit einer Vergiftung ins Spital Riggisberg eingeliefert werden. Doch die Ärzte sind ratlos. Nur Lea hat noch Hoffnung: Denn als sie sich zuvor von der Gruppe entfernt hatte, um eine Pflanze für den Trank zu suchen, war sie Crassus (Andreas Sommer), dem Diener der Feenkönigin Helva, begegnet. Er hatte Lea zu Helva (Vreni Brun) geführt, der «Wächterin und Heilerin des Gantrischgebiets». Mit Crassus’ Hilfe, so hofft Lea nun, kann sie ihrer Freundin Isa helfen. Tatsächlich begegnet sie ihm zusammen mit ihren Freunden wieder. Oder sieht der Mann nur wie Crassus aus? Jedenfalls erzählt er den Jugendlichen die Geschichte des weissen Hirschs, der Menschen in Schwierigkeiten helfen soll. Um ihm zu begegnen, müssen die Jugendlichen sich trennen und eine Nacht alleine im Sensegraben verbringen.

Innovationspreis am Ursprung

Die Idee zum Film geht auf 2014 zurück, als Regisseur Robin Bezençon den Gantrisch Innovationspreis und damit einen Werbefilm gewann. Beim Drehen dieses Films begegnete er Simon von Niederhäusern von Filmaare. «Im Gespräch fanden die beiden Männer heraus, dass sie gerne mehr zusammenarbeiten würden», erzählt Carmen Bezençon, Produzentin des Films und Ehefrau von Robin Bezençon. Ein Spielfilm war für beide Männer reizvolles Neuland. «Zuerst wollten wir eine bestehende Geschichte verfilmen. Als wir nichts fanden, begann ich, ein Drehbuch zu schreiben», erzählt Carmen Bezençon. Aufgewachsen in der Dittligmühle in Längenbühl, ist die ausgebildete Geografielehrerin mit der Region vertraut. Indem sie an regionale Sagen anknüpft, will sie unter anderem die Identifikation des lokalen Pu­blikums mit der Region fördern. Für die Besetzung konnte Robin Bezençon im Kern auf Schüler seiner Schauspielschule in Wattenwil setzen. Mehrere Rollen wurden zudem in Castings vergeben. «Weil ich viele Darsteller kannte, konnte ich ihnen die Geschichte auf den Leib schreiben», erzählt Carmen Bezençon.

Herausfordernd war die Suche nach Geld: «Weil die staatliche Kulturförderung nur professionelle Filmfirmen unterstützt, war unser Gesuch chancenlos», sagt Bezençon. In die Bresche sprangen unter anderem Gemeinden und Unternehmen aus der Region. «Sie bewiesen Mut: Wir hatten als Neulinge ja nichts, das wir ihnen als Referenz vorweisen konnten.»

Gerade angesichts der beschränkten Möglichkeiten ist der Film sauber gestaltet. Nur vereinzelt leicht hölzerne Dialoge sowie teilweise etwas klischierte Figuren weisen darauf hin, dass die Produktion für viele Beteiligte Neuland war. Das mag man aber verschmerzen: Obwohl die Geschichte zwischen Realität und Fiktion pendelt, entwickelt sich Spannung. Man hofft, dass es Lea gelingt, ihre Freundin zu retten. Der Film überzeugt ausserdem mit spektakulären Landschaftsaufnahmen: So bleibt der Blick vom Gurnigel in den Sonnenuntergang oder der tiefe Abhang in den Sensegraben in Erinnerung. Eine besonders gelungene Szene verbirgt sich unscheinbar am Anfang des Films: Als die Jugendlichen am Gantrischseeli den Joint kreisen lassen, verrät ihre subtile Körpersprache, unter welchem Gruppendruck sie dabei stehen.

Senslerdeutsch gelernt

Andreas Sommer legte mit seinen Büchern zu den Sagen der Region quasi die Grundlage für den Film. Im Film spielt er Crassus. «Es war speziell, eine Figur zu verkörpern, von der ich sonst immer erzähle.» Als Schauspieler vor der Kamera zu stehen, sei schon etwas anderes, als die Sagen zu erzählen. «In meine Erzählungen lege ich viel Theatralik. Vor der Kamera musste ich aber möglichst natürlich spielen.» Für seine Filmrolle lernte der Könizer aus Niederscherli Sensler Dialekt. «Da ich viel Kontakt mit Senslern hatte, ist mir der Dialekt geläufig.» Trotzdem erhielt er Unterstützung. Sommer freut sich, dass der Film die Sagenwelt in einer modernen Art und Weise thematisiert. «Ich könnte mir schon vorstellen, dass der Film gerade bei Jüngeren das Interesse für die Sagen der Region stärker weckt.»

Praktische Informationen

Der Film ist im Kino in Belp zu sehen

Die Premiere des Films «Der weisse Hirsch vom Gantrisch» findet am Freitag, 5. Juli, um 21.30 Uhr im Rahmen des Klostersommers Rüeggisberg statt. Im Vorprogramm ab 20.30 Uhr erzählt Darsteller Andreas Sommer Sagen aus dem Gantrischgebiet und Theo Schmid befragt Schauspielerinnen und Schauspieler sowie die Crew zum Film. Die beiden Darsteller Naehma Schönholzer (Gesang) und Samuel von Glutz (Gitarre) umrahmen das Programm musikalisch. Anschliessend ist der Film zwischen dem 24. August und dem 28. September in zehn Vorstellungen im «Kino um die Ecke» in Belp zu sehen. Im Verlaufe dieses Jahres soll der Spielfilm zudem auf DVD erscheinen.

sos

www.derweissehirsch.ch www.kinoumdieecke.ch