wileroltigen 13.02.2020

«Es ist nicht in Ordnung, alle Fahrenden in einen Topf zu werfen»

In der Gemeinde Wileroltigen wurde der Transitplatz für ausländische Fahrende mit 91,1 Prozent Stimmenanteil abgelehnt.
Ja zum Transitplatz in Wileroltigen: Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende, blickt auf den zum Teil von Vorurteilen geprägten Abstimmungskampf zurück und erklärt, wie es weiter geht.

Die Vorlage über den Transitplatz in Wiler­oltigen wurde am Sonntag mit 53,5 Prozent der Stimmen angenommen. Somit wird an der Autobahn zwischen Bern und Murten ein fixer Transitplatz für ausländische Fahrende gebaut. Gegner und Befürworter haben den Abstimmungskampf zuweilen ziemlich angespannt geführt. Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Fahrende, äussert sich über den gehässigen Wahlkampf, die Folgen der Abstimmung und die Situation der Fahrenden in der Schweiz.

Simon Röthlisberger, wie kam aus Ihrer Sicht das Ja zum Transitplatz zustande?

Ich glaube, unsere Argumente haben die Leute überzeugt. Die Menschen haben verstanden, dass es Halteplätze für ausländische Fahrende braucht, und die pragmatische Lösung in Wileroltigen hat die Leute wohl überzeugt. Auch die Argumente, dass mit dem Platz illegale Landnahmen vermieden werden können und die Kosten insgesamt, namentlich Polizeikosten, reduziert werden, haben wohl gepunktet. Allgemein haben die Leute verstanden, dass es für diese ungeregelte Situation eine pragmatische Lösung braucht. Zudem haben wir versucht zu vermitteln, dass es sich bei den Fahrenden um eine geschützte Minderheit handelt und dass der Kanton rechtlich dazu verpflichtet ist, solche Plätze anzubieten.

Die Gemeinde Wileroltigen klagte, dass der Umgang mit ihr undemokratisch sei. Wileroltigen und die umliegenden Gemeinden haben den Transitplatz denn auch mit sehr grosser Mehrheit abgelehnt. Haben die Städter der Gemeinde Wileroltigen den Transitplatz einfach aufgezwungen?

Das kann man so nicht sagen. Der Vorgang war übrigens auch nicht undemokratisch. Der Grosse Rat hat das so entschieden und jetzt das Berner Stimmvolk per Referendum. Tatsächlich ist es aber so, dass in ländlichen Gebieten die Ablehnung grösser war als in städtischen. Das ist wohl damit zu erklären, dass Wileroltigen in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit illegalen Landnahmen gemacht hat. Da liegt es auf der Hand, dass es Spannungen gibt. Dies ist jedoch nicht mit der jetzigen Situation vergleichbar. Das Dorf ist sehr gut abgeschirmt vom Transitplatz, der nur von der Autobahn her erreichbar ist. Man muss die Ängste der Bevölkerung jedoch ernst nehmen. Die Mitwirkung der Gemeinde ist daher geplant. Wir würden es jedoch begrüssen, wenn es nicht ein Gegen­einander, sondern ein Miteinander geben würde.

Wie fielen die Reaktionen innerhalb der Fahrenden auf den Ausgang der Abstimmung aus?

Ich habe wenige direkte Rückmeldungen erhalten. Da sich die meisten ausländischen Fahrenden, die im Sommer gerne in der Schweiz sind, momentan in Frankreich aufhalten, waren sie auch im Abstimmungskampf kaum präsent.

Im Abstimmungskampf wurde viel über die ausländischen Fahrenden gesprochen, sie selbst sind aber kaum zu Wort gekommen. Wurde also über den Kopf dieser Leute bestimmt?

Die ausländischen Fahrenden sind keine homogene Gruppe. Sie sind oft unterwegs und nicht so gut organisiert, wie wir das von Gruppen in der Schweiz kennen. Allerdings sind im Vorfeld der Abstimmung die Schweizer Jenischen und Sinti zu Wort gekommen. Zum Beispiel hat es letzte Woche auf dem Waisenhausplatz in Bern eine Aktion gegeben. Die Schweizer Fahrenden haben sich für den Transitplatz engagiert, weil eine Ablehnung auch ihre Situation verschärft hätte. Diese Abstimmung hat schweizweit Auswirkungen auf sie und auf die Frage, inwieweit man die Fahrenden in der Schweiz akzeptiert.

Im Abstimmungskampf wurden viele Stereotype über die Fahrenden bedient. Sind bei dieser Abstimmung die Vorurteile gegenüber den Fahrenden verstärkt worden?

Ja, das ist leider so. Darum hatten wir im Abstimmungskampf den Slogan «Lösungen statt Vorurteile». Sicher gibt es Leute, die negative Erfahrungen mit Fahrenden gemacht haben. Es ist aber nicht in Ordnung, alle in denselben Topf zu werfen. Meistens verlaufen die Halte der Fahrenden unbemerkt von der Öffentlichkeit und ohne Schwierigkeiten ab. Ich finde es als Geschäftsführer der Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende besorgniserregend, wie Ressentiments gegenüber Fahrenden bedient und somit der Nährboden für Rassismus gelegt wurde. Das haben wir vor allem in den sozialen Medien bemerkt.

Weshalb gibt es in der Schweiz immer noch so viel Abneigung gegenüber den Fahrenden?

Das ist historisch bedingt. Noch in den 1970er-Jahren hat man die Kinder von Jenischen und Sinti ihren Familien entzogen. Man wollte sie sesshaft machen und ihre Kultur ausrotten. Im Vorfeld der Abstimmung wurden diese Ressentiments gegenüber der fahrenden Lebensweise wieder geschürt.

Was müsste getan werden, damit sich dies ändert?

Der Austausch ist sehr wichtig. Ich hege deshalb die Hoffnung, dass einige Anwohner von Wileroltigen den Austausch mit den Fahrenden suchen und ihre Lebensweise kennenlernen. Denn wer sich kennt, der misstraut sich weniger. Als Stiftung haben wir stets die Erfahrung gemacht, dass der Austausch, wie zum Beispiel an einem Tag der offenen Tür, die Akzeptanz und das Verständnis für die Jenischen, Sinti und Roma fördert.