Laupen 10.10.2019

In Laupen werden Schlangen gefangen

Die künftige Baustelle in Laupen hat nicht nur Auswirkungen auf den Menschen: Die Schlingnatter, die in der Region heimisch ist, würde die Bauarbeiten nicht überleben. Deshalb will man sie nun retten.

Wer in Laupen entlang der Bahngleise einen Spaziergang Richtung Flamatt macht, findet in einem Abstand von rund zehn Metern ungefähr 80  grünliche Platten. Die Bauverwaltung Laupen hat die Bevölkerung informiert, man solle diese Bitumen-Pappstücke dort liegen lassen. Die Platten würden Ende Oktober wieder entfernt, so die Bauverwaltung.

Fangversuch vor Bauarbeiten

Bei dem Projekt handelt es sich um einen sogenannten Wegfangversuch für Schlingnattern. Die Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) führt die Aktion mit dem Ziel durch, die Schlingnatternpopulation an der Sense bei Laupen zu erhalten. Wie Ueli Hofer, regionaler Karch-Vertreter für Reptilien des Kantons Bern, gegenüber den FN sagt, ist die Schlingnatter im Schweizer Mittelland vom Aussterben bedroht (siehe Kasten). «Im Berner Mittelland kennen wir aktuell noch fünf Populationen. Zu den wenigen überlebenden Populationen gehört diejenige in Laupen, wo an bisher drei Orten Exemplare gesichtet wurden.»

Einen dieser Orte bilden der 100 Meter lange Abschnitt am bernseitigen Senseufer oberhalb der Sensebrücke sowie die gegenüberliegende Bahnböschung. Nötig sei der Wegfangversuch für die Schlingnatter aufgrund der geplanten Bauarbeiten in Laupen. Im Stedtli sind nämlich mehrere Grossprojekte geplant, darunter die Sanierung der Bahnstrecke und ein neuer Hochwasserschutz. Deshalb sollen die Schlangen noch vor Beginn der Bauarbeiten gerettet werden.

Schlangen würden sterben

«Die gesamte Fläche, auf welcher wir Schlingnattern finden konnten, wird ab dem Winterhalbjahr 2019/20 durch bauliche Eingriffe starke Veränderungen erfahren und als Schlingnatterlebensraum – im besten Fall vorübergehend – zerstört», erklärt Hofer. Durch die Bauarbeiten am Bahndamm würden möglicherweise etliche Tiere getötet, da ihre Rückzugsorte und Winterquartiere abgetragen oder überschüttet würden. Die unter- und oberhalb gelegenen Uferzonen böten den Schlangen keine geeigneten Strukturen oder hätten zu wenig Sonne, sagt Hofer. Als Ausweich- oder Ersatzlebensräume würden sie daher nicht in Frage kommen.

«Angesichts dieser Ausgangslage haben wir uns zu einem Wegfangversuch kurz vor dem offiziellen Beginn der Bauarbeiten entschlossen.» Im Herbst dieses Jahres sowie nochmals vor Beginn der Arbeiten im Frühling würden sie versuchen, so viele Tiere wie möglich zu fangen. Die aufgestellten Platten, die sich bei hoher Sonneneinstrahlung erwärmen, würden dazu dienen, die Schlangen anzulocken. Die Tiere würden vorerst bei einem kantonalen Naturschutzaufseher mit Erfahrung in der Haltung von Schlingnattern untergebracht und nach Abschluss der Arbeiten am selben Ort oder «in bis dann erstellten Ersatzlebensräumen» wieder freigelassen.

Finanziert werde die Aktion über die Mittel des Projekts «LaUP!en», wie Ueli Hofer mitteilt. An der Suche nach Schlingnattern in Laupen würden sich Freiwillige beteiligen, erklärt der Biologe und Schlangenexperte. Die meisten von ihnen seien aus der Region Laupen oder Mitglieder der Interessengruppe Rep­ti­lien des Kantons Bern. Das Projekt in Laupen ist eine für die Region einzigartige Aktion – weitere Aktionen sind im Moment laut Hofer nicht geplant.

Verbreitung

Im Mittelland ist die Schlingnatter stark gefährdet

Die Schlingnatter ist die kleinste Schlangenart in der Schweiz. Sie wird nur selten über 70 Zentimeter lang und ist völlig harmlos. Die Schlingnatter ist überall in der Schweiz anzutreffen, von den Niederungen bis auf über 2000 Metern über Meer. Sie bevorzugt trockene, sich stark erwärmende Böden und steinige oder felsige Flächen. In nasseren Gegenden findet man Schlingnattern, wenn es Steinhaufen, Trockenmauern, Felskuppen oder Ähnliches gibt. Im Mittelland lebt die Schlange auf Schotterbänken entlang von Flüssen, an Seeufern und an besonnten Molassehängen am Rand von Moor- und Sumpfgebieten. Schlingnattern ernähren sich hauptsächlich von anderen Reptilienarten wie Blindschleichen und Eidechsen sowie von Kleinsäugern. Das Tier hat viele Fressfeinde, darunter Raubvögel, Marder sowie im Siedlungsgebiet Hauskatzen.

Die Schlingnatter ist fast überall in Europa anzutreffen; im Norden bis Mittelschweden, im Osten bis in die Steppen von Kasachstan und der Türkei und im Süden bis nach Sizilien. In der Schweiz ist das Tier vor allem noch im Jura, in den Alpen und auf der Alpensüdseite anzutreffen. Im Mittelland ist die Schlingnatter hingegen stark gefährdet. Ihr Bestand ist in den letzten 50 Jahren stark zurückgegangen, und in gewissen Regionen ist die Schlange bereits ganz verschwunden.

nj

 

Quelle: Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch)

«Im Berner Mittelland kennen wir aktuell noch fünf Schlingnatter-Populationen.»

Ueli Hofer

Regionaler Karch-Vertreter für Reptilien des Kantons Bern