RIGGISBERG 14.05.2020

Textilien als Zeugen des Austauschs

Dieser Stoff stellt das Wappen von Kastilien-León dar.
Der Süden Spaniens war lange von muslimischen Dynastien beherrscht. Eine neue Sonderausstellung der Abegg-Stiftung zeigt, dass Könige und Geistliche im Norden des Landes von deren Textilien fasziniert waren.

Die neue Sonderausstellung der Abegg-Stiftung in Riggisberg «Arabische Weber – Christliche Könige – Mittelalterliche Textilien aus Spanien» ist seit Montag geöffnet. Die Ausstellung zeigt Textilien, die im Mittelalter von muslimischen Webern gefertigt wurden und von christlichen Königen oder Geistlichen rege genutzt wurden. Damit zeigt die Abegg-Stiftung die komplizierte Wechselwirkung zwischen dem christlichen Norden und dem muslimischen Süden im Spanien des Mittelalters.

Austausch von Kulturgütern

Grosse Teile der Iberischen Halbinsel waren von 711 bis 1492 von muslimischen Dynastien besetzt. Bereits zur Anfangszeit der Besatzung stand «al-Andalus», wie das Territorium von den Arabern genannt wurde, mit den christlichen Königreichen im Norden im Konflikt. Die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel im Jahr 1492, die sogenannte «Reconquista», markiert das Ende der Herrschaft der Mauren in Spanien und Portugal.

«Auch wenn christliche Könige alles daran setzten, die Araber im Süden zurück­zudrängen, so waren sie dennoch an den Luxus­gütern interessiert, die diese Hochkultur mitbrachte.»

Evelin Wetter

Kuratorin Abegg-Stiftung

Al-Andalus galt während langer Zeit als ein Zentrum der Gelehrsamkeit und der Kunst im Europa des Mittelalters. Während die Königreiche im christlichen Norden den Einfluss der Muslime stets zurückzudrängen versuchten, war ein Austausch von Kulturgütern normal. «Denn auch wenn christliche Könige alles daran setzten, die Araber im Süden zurückzudrängen, so waren sie dennoch an den Luxusgütern interessiert, die diese Hochkultur mitbrachte», sagt Evelin Wetter, Kuratorin der neuen Ausstellung.

Textilien als Beutekunst

Die Ausstellung ist unterteilt in vier Kapitel, welche die Entwicklungen vom 12. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert darstellen.

Im ersten Teil der Ausstellung sind die Seiden aus Almeria zu sehen, die aus der Zeit der Dynastie der Almoraviden im 12. Jahrhundert stammen. Als Erstes sieht der Besucher ein Seidenstück, das – erst bei näherer Betrachtung sichtbar – aus vielen kleinen Einzelteilen zusammengesetzt ist. Die kleinen Abschnitte wurden in den 1980er-Jahren im Kunsthandel erworben und später zusammengesetzt, wie Wetter erklärt. Das Muster zeigt zwei Greifen, die Rücken an Rücken stehen und sich mit ihren goldenen Köpfen einander zuwenden. Das Ganze ist eingeschrieben in grosse Medaillons. «Diese Motive wurden im Mittelalter in ganz Europa Almeria zugeschrieben. Dies zeigt auch die Epik. So werden beispielsweise in ‹Parzival› oder ‹Tristan und Isolde› kostbare Seiden aus Almeria erwähnt. Es sind solche Muster, die die Dichter damals vor Augen hatten.» Das erwähnte Stück stamme aus der nordspanischen Stadt Sigüenza und gelangte als Beutekunst in den Besitz von Alfonso VII. Der spanische König habe Reliquien einer Heiligen in diese Stoffe eingewickelt und sie in einen Schrein in Sigüenza gelegt. Laut Wetter hatten die Seiden von Almeria für die nordspanischen Könige demnach drei Funktionen: «Erstens sind sie Kleidungsstücke eines Herrschers, zweitens sind sie Beutekunst, und drittens dienen sie als kostbare Hülle von christlichen Reliquien.»

Die muslimischen Weber in Almeria haben neben majestätischen Adlern, Löwen oder Fabelwesen vielfach auch Inschriften in die Stoffe gefertigt. So sind auf mehreren Geweben Inschriften wie «baraka» (deutsch Segen), aber auch Wünsche für Wohlstand, Sieg und ein langes Leben zu lesen. «Das bedeutet, dass diese Stoffe in unmittelbarer Nähe der Paläste für die Herrscher gewebt wurden und gewissermassen personalisiert waren.»

Orientalische Löwen

Die christlichen Regenten der nördlichen Herrschaftsgebiete wie Kastilien und León hätten sich stets bemüht, die islamische Herrschaft einzudämmen. «Ein König, der in dieser Angelegenheit sehr erfolgreich war, war Fernando  III., König von Kastilien und León, der berühmt war aufgrund seiner Siege gegen die Almohaden-Dynastie.» Nach seinem Tod 1252 wurde er in Sevilla in seiner profanen Gewandung beigesetzt. «In seinem Sarkophag war er eingehüllt in einen Mantel, der sich aus vielen kleinen Feldern mit Wappenelementen zusammensetzt.» Neben dem Wappen von Kastilien mit der Burg mit drei Türmen ist auf dem Mantel auch das Wappen von León zu sehen, das einen roten Löwen auf weissem Hintergrund zeigt. «Der Löwe mutet sehr orientalisch an.» Dies sei damit zu erklären, dass der Stoff von muslimischen Webern hergestellt wurde, die zu dieser Zeit in den christlich zurückeroberten Gebieten Spaniens lebten. «Die Handfertigkeit und die Kunst dieser sogenannten ‹­Mudéjares› nutzten die christlichen Herrscher nach wie vor.» Im 18. Jahrhundert wurde der Sarkophag, in dem Fernando  III. bestattet worden war, geöffnet. «Einzelne Abschnitte des Mantels wurden als Reliquien des nun als Heiligen verehrten Königs an hochstehende Adlige der Zeit verschenkt.»

Lyrik auf Textilien

Thema des dritten Abschnitts der Ausstellung sind die «Alhambra-Stoffe». Die berühmte Alhambra war ein Palast, der auf einem Hügel über der südspanischen Stadt Granada von nasridischen Herrschern erbaut worden war. Der Palast wurde allmählich zu einer Palaststadt und ist heute ein Weltkulturerbe. «Im Innern der Alhambra waren die Räume im Sinne gesteigerter Prachtentfaltung angelegt. Heute sind dort farbige Fliesen, ornamental stuckierte Wände und prächtige Holzschnitze­reien zu bewundern. Dazu muss man sich bunte Stoffe denken, deren raffinierte geometrische Muster die gleiche Formensprache wie die übrige Ausstattung aufweisen.» In der Ausstellung sind solche Stoffe zu sehen.

Die Stoffe der muslimischen Eliten waren geschmückt mit Wappen und Inschriften. Überliefert sind laut Wetter auch Textilien als Behänge oder als liturgische Gewänder. Diese sind mit Farben, Ornamenten und Inschriften versehen und zeugen von der Kunstfertigkeit der muslimischen Weber in al-Andalus.

Granada sei im 14. und 15.  Jahrhundert ein Zentrum der Seidenweberei gewesen, das Stoffe für die Räume der Alhambra, aber auch für weltliche und kirchliche Gewänder produzierte. Eine wichtige Rolle bei der Ausstattung der Alhambra spielten laut der Kuratorin auch die Dichter, die poetische Verse sowohl für die Wände des Palasts als auch für die Textilien schufen. Auf einem Stoff, der in Riggisberg zu bestaunen ist, heisst es zum Beispiel: «Zum Vergnügen bin ich. Wer mich sieht, erblickt Freude und Entzücken.»

Hochkultur endet 1492

Die Hochkultur der Mauren endet 1492 mit dem Einzug von Ferdinand II. und Isabella  I. in Granada. Der Eroberung von al-Andalus setzten die christlichen Regenten mit kirchlichen Stiftungen prächtige Denkmale. Die letzte Sektion der Sonderausstellung ist somit den kirchlichen Ausstattungen gewidmet. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert statteten die christlichen Herrscher ihre Kirchen und Klöster mit Textilien aus, die auch in den nördlichen Kunstzentren Spaniens produziert wurden. Dazu gehören grossformatige liturgische Mäntel mit goldgestickten Ranken oder farbige Bildstickereien zur Ausschmückung des ­Altars.

Die Ausstellung schliesst mit zwei kirchlichen Gewändern. Der Stoff hat Ähnlichkeiten mit einem Gewand des letzten Emirs von Granada, das bei einer Schlacht erbeutet wurde, und besteht aus einem grünem Samt nach italienischem Vorbild. «Diese Gewänder zeigen, dass sich auch die letzten Herrscher von al-Andalus teilweise an die christliche Mode anlehnten.»

Abegg-Stiftung

Ausstellung bis November offen

Die Ausstellung «Arabische Weber – Christliche Könige. Mittelalterliche Textilien aus Spanien» läuft seit Montag in der Abegg-Stiftung in Riggisberg. Die Ausstellung dauert bis zum 8. November. Sie ist täglich von 14 bis 17.30  Uhr geöffnet.

Infos: www.abegg-stiftung.ch