Riggisberg 26.07.2018

Tisch decken als Training für den Alltag

Das Nachtessen ist fast bereit.
Das Spital Riggisberg führt neben der Akutabteilung auch eine Neurorehabilitation. Hier werden hirnverletzte Menschen auf dem Weg zurück in den Alltag begleitet. Im zweiten Teil der Spitalreportage besuchen wir zudem die Wäscherei und die Küche.

Leicht wacklig hält sich Patientin Martha Gerber (Name geändert) an der Kombination der Therapie­küche im Spital Riggisberg fest. Nach einem Hirnschlag ist ihre linke Körperseite gelähmt. In der Abteilung für Neurorehabilitation am Spital Riggisberg soll sie in ihren Alltag zurückfinden. «Wir decken heute zusammen den Tisch», sagt Ergotherapeutin Elisabeth Böhme. «Zu Hause deckte ich den Tisch jeweils für zwei bis vier Personen», erzählt die Pensionärin. Langsam, Schritt für Schritt, geht sie zum Schrank. «Belasten Sie das linke Bein stärker, damit Sie das rechte besser heben können», sagt Böhme. Vorsichtig nimmt Gerber Tischsets, Teller und Tassen aus dem Schrank.

Behutsam verteilt sie die Gedecke auf dem Tisch. Immer wieder versucht die Therapeutin, die linke Körperhälfte der Patientin zu aktivieren. «Schauen Sie noch mehr zu mir auf die linke Seite», sagt sie einmal, als sie links der Patientin steht. Durch den Schlaganfall ist auch das Gesichtsfeld eingeschränkt. «Martha Gerber hat aber in den letzten Wochen viele Fortschritte gemacht», freut sich Elisabeth Böhme.

«Die Physiotherapie stellt die Bewegungsfunktionen und die Mobilität wieder her. Wir als Ergotherapeutinnen hingegen trainieren mit dem Patienten die Tätigkeiten, die er im Alltag ausführen muss oder will», erklärt Irene Wyss, Leiterin der Ergotherapie am Spital Riggisberg. «Wir klären ab, was im bisherigen Leben des Patienten wichtig war und gestalten die Therapie entsprechend.» Oft beginne das mit elementaren Tätigkeiten, wie der eigenen Körperpflege. «Später sollen sich die Patienten selbstständig fortbewegen können.

Sie sollen Termine ausser Haus wahrnehmen oder wieder zur Arbeit gehen können.» Dafür begibt sich in Riggisberg zum Beispiel regelmässig eine Gruppe von Patienten zusammen mit einer Therapeutin zum Einkaufen. Eine andere Gruppe trainiert ihre Fähigkeiten mit Spielen. Auch eine Werkstatt steht im Spital für die Therapie zur Verfügung.

Stimulation fördert Heilung

Seit 2016 führt das Spital Riggisberg neben einer Akutabteilung auch eine Abteilung für Neurorehabilitation, die zur universitären Neurorehabilitation der Insel-Gruppe gehört. Hier werden hirnverletzte Menschen zurück in den Alltag begleitet. «Bei uns durchlaufen die Menschen einen Abschnitt auf dem Weg zur Gesundung», sagt Oliver Höfle, leitender Arzt der Abteilung für Neurorehabilitation. Ein Patient mit Schlaganfall verbringt zum Beispiel die ersten Tage auf den spezialisierten Abteilungen des Berner Inselspitals.

Dort beginnt die Frührehabilitation. «Da geht es um ganz elementare Abläufe wie das Atmen oder das Schlucken.» Gleichzeitig lernt der Patient in der Physiotherapie die wichtigen Bewegungsabläufe. Erst wenn die Patienten das Unispital nicht mehr brauchen und wieder einigermassen selbstständig sind, kommen sie nach Riggisberg. «Wir prüfen, wo sie noch Einschränkungen haben.» Je nach Befund kommt unter anderem die Logopädie, die Physiotherapie oder die Ergotherapie stärker zum Zug.

Im Durchschnitt bleiben die Patienten drei bis vier Wochen in Riggisberg. «Am Schluss ihres Aufenthalts planen wir wenn möglich ein sogenanntes therapeutisches Wochenende zu Hause.» Die Patienten sollen dabei erfahren, ob sie für den Alltag gerüstet sind. Je nach Art der Hirnverletzung ist die Heilungsprognose unterschiedlich. Das geschädigte Gehirn könne verletzte Areale zum Teil wieder regenerieren respektive, deren Funktion mit anderen Arealen kompensieren. «Eine intensive interdisziplinäre Rehabilitation setzt unter anderem wichtige Impulse zur Neuorganisation des Nervengewebes.»

Drei Tonnen Spitalwäsche

Nach der Abteilung für Neurorehabilitation besuchen die FN die Wäscherei und die Küche im Untergeschoss des Spitals. In der Wäscherei ist es heiss. Kein Wunder, laufen im selben Raum doch gleichzeitig vier Waschmaschinen und drei Wäschetrockner. Rund 100 Kilogramm Wäsche fassen die Waschmaschinen zusammengenommen. Waschmittel fügen die Wäscherinnen heute nicht mehr von Hand zu: In einem Nebenraum stehen zahlreiche Chemikalienbehälter, aus denen die Maschinen je nach gewähltem Programm automatisch die richtige Mischung zusammenstellen. «Wie im gewöhnlichen Haushalt schauen wir, wie wir die Maschinen am besten auslasten können», sagt Kathrin Brunner, Mitarbeiterin der Wäscherei.

Im Spital könne man aber die Wäsche nur begrenzt mischen. «Es gibt Wäsche, die aus hygienischen Gründen genau bei einer bestimmten Temperatur gewaschen werden muss.» Nach dem Trocknen falten mehrere Mitarbeiterinnen im Nebenraum die Wäsche fein säuberlich zusammen. Gebügelt oder gemangelt wird die Wäsche nicht mehr. Das sei mit den heutigen Textilien oft gar nicht mehr nötig. «Wir haben deshalb keine Wäschemangel mehr», erklärt Brunner. Das spare Arbeitsaufwand und Energie.

Rund drei Tonnen Wäsche durchlaufen die Lingerie pro Woche, etwa die Hälfte davon stammt von den externen Kunden, dem Altersheim Riggishof sowie dem Spital Münsingen. Während in Freiburg heftig über die Zukunft der Spitalwäscherei debattiert wird, ist dies in Riggisberg kein Thema. «Dass wir mit den externen Kunden zusätzliche Einnahmen generieren, schützt uns ein Stück weit vor einer Schliessung oder einer Auslagerung», meint Brunner.

«Wir schreien uns nicht an»

In der unterirdischen Spitalküche ist es am Nachmittag ruhig. Auf etwa 50 Tellern ist Hörnlisalat angerichtet. Ein Koch streut gerade Kräuter über den Salat. «Das gibt es heute zum Nachtessen», sagt die stellvertretende Küchenchefin Karin Maurer. Rund fünf bis acht Personen arbeiten pro Schicht gleichzeitig in der Küche. «Hochbetrieb herrscht hier zwischen 10.30 Uhr und 13.30 Uhr», erklärt Maurer. Zuerst stelle die Küche die Mahlzeiten des Altersheims bereit, bevor die Stationen des Spitals an der Reihe sind. Rund 350  Mahlzeiten bereitet die Küche so jeden Tag zu.

«Station 3» ist auf einem Karteikästchen aufgedruckt, das auf einer Ablage steht. «Jede Karteikarte entspricht der Bestellung eines Patienten für die nächste Mahlzeit», erklärt Maurer. Neben dem üblichen Menü gibt es unter anderem salzarme Kost oder Flüssignahrung. Beim Schöpfen legen die Köche auf jedes Tablar die passende Karteikarte des Patienten. So erhält jeder Patient die richtige Mahlzeit.

Sieht man die ruhige Arbeitsweise der Spitalköche, kann man sich das Klischee lauter Küchen und cholerischer Küchenchefs kaum vorstellen. «Gerade wenn die Cafeteria am Mittag Nachschub verlangt, kann es auch bei uns einmal hektischer werden», erzählt Karin Maurer. «Aber wir gehen auch in der Hektik anständig miteinander um und schreien uns nicht an.»

Standortleiterin

Die Schliessung des Spitals ist kein Thema

Die Karriere von Standortleiterin Beatrice Meier ist nicht gerade typisch. «Meistens haben Spitalleiter eine betriebswirtschaftliche Ausbildung hinter sich.» Meier hingegen lernte ursprünglich technische Operationsschwester. «Später übernahm ich die Leitung eines Operationssaals.» So kam Beatrice Meier in die Geschäftsleitung eines kleinen Landspitals. Seit rund einem Jahr führt sie nun das Spital Riggisberg. Den Alltag in einem Spital von Grund auf zu kennen, sei durchaus ein Vorteil. «Das Personal der Operationssäle geht in Spitälern oft etwas vergessen. Ich aber kenne ihre Sorgen und Bedürfnisse.» Auch im Umgang mit Ärzten helfe ihre Erfahrung. «Ich weiss, wovon die Ärzte sprechen, wenn sie spezialisierte Fachausdrücke verwenden.»

Mehr ambulante Eingriffe

Im Alltag beschäftigt sich Beatrice Meier vor allem mit der Zukunft des Spitals. «Künftig müssen auch wir mehr Eingriffe ambulant durchführen.» Das Konzept sei in anderen Kantonen bereits umgesetzt und soll helfen, Kosten zu sparen. «Das bringt uns natürlich weniger Einnahmen und erhöht so den Kostendruck.» Das Spital müsse deshalb effizienter werden, ohne dass die Qualität der Behandlungen leide.

Durch die Fusion des Berner Spitalnetzes mit der Inselgruppe gehört seit 2016 auch das Spital Riggisberg zur Inselgruppe. «Zu Beginn trafen da sicher unterschiedliche Kulturen aufeinander», meint Meier. Auf der einen Seite stand das grosse Universitätsspital, auf der anderen Seite kleine Landspitäler wie Riggisberg. «Ich stelle aber fest, dass gerade die neue Leitung der Inselgruppe stark auf die Landspitäler setzt.» Ein Spital wie Riggisberg könne heute kaum mehr unabhängig bestehen. Zudem habe die Inselgruppe nicht alles verursacht, was ihr angelastet werde. So wurde die Geburtenabteilung bereits 2013 geschlossen, «lange bevor eine Fusion mit der Inselgruppe ein Thema war.»

Im Moment erarbeitet die Inselgruppe eine Strategie für ihre Standorte. Dabei vertrat Meier die Anliegen Riggisbergs. Die Details seien zwar noch nicht spruchreif. Klar sei: «Sowohl die Akutabteilung als auch die Neurorehabilitation bleiben erhalten.» Die Schliessung des Spitals, wie dies zuweilen in der Bevölkerung befürchtet werde, sei auf absehbare Zeit kein Thema.

 

Zur Serie

Unterwegs im Spital Riggisberg

Im Rahmen einer Sommer­serie begleiten die FN verschiedene Berufsgruppen und Insti­tutionen in ihrem Alltag. Zum Auftakt berichten die FN in zwei Teilen aus dem Spital in Riggisberg. In der vergangenen Woche begleiteten die FN unter anderem eine Arztvisite und besuchten die hauseigene Trinkwasserquelle.

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