Guggisberg 18.07.2019

Von der Grossstadt auf die Alp Salzmatt

Sennenhund Rex wurde für Katharina Afflerbach gerade in schwierigen Zeiten zu einem treuen Begleiter.
Eine Karriere in der Kommunikationsbranche machte Katharina Afflerbach je länger, desto weniger glücklich. Deshalb half sie drei Sommer lang auf der Alp Salzmatt mit. Am Sonntag liest sie aus ihrem Buch, in dem sie ihre Erlebnisse verarbeitet hat.

«Ich ging in Stöckelschuhen durchs Leben», sagt Katharina Afflerbach über ihr früheres Leben. Über viele Jahre verfolgte sie eine Karriere in der Kommunikationsbranche. Sie war unter anderem Pressesprecherin und Mar­ketingleiterin. Doch wirklich glücklich wurde sie dabei nicht. Jede kreative Idee sei irgendwann versandet. «Ich investierte viel Energie, erhielt aber so wenig zurück», erzählt sie. Irgendwann wusste sie: So geht es nicht mehr weiter. Sie machte sich als Texterin und Konzeptionierin selbstständig. Vorher aber verbrachte sie einen Sommer lang auf der Alp Salzmatt oberhalb von Schwarzsee. «Ich brauchte den Kontrast auf der Alp, um mich freizustrampeln», sagt sie. Aus ihren Erfahrungen entstand das Buch «Bergsommer», aus dem sie am Sonntag liest (siehe Kasten).

Als Katharina Afflerbach für das Bewerbungsgespräch zum ersten Mal zu ihrer Gastfamilie nach Rechthalten fuhr, war ihr die Region zwar nicht unbekannt. 1998 studierte sie als Austauschstudentin ein Semester an der Universität Freiburg und wohnte in Bürglen. Den Sensebezirk kannte sie jedoch kaum. «Merkwürdigerweise kam ich kaum je über Bürglen hinaus.»

Humorvoll und eindrücklich

Afflerbach beschreibt in ihrem Buch eindrücklich, wie die Arbeit sie in den ersten Wochen an ihre Grenzen brachte. Sie stammt zwar aus einer ländlichen Gegend im Süden von Nordrhein-Westfalen, hatte aber kaum Bezug zur Landwirtschaft. So musste sie alle Handgriffe von Grund auf lernen. Auch konditionell war die Arbeit fordernd. «Zu Beginn konnte ich meine Kräfte nicht einteilen», sagt sie im Gespräch. Sie wusste nicht, ob sie eine oder fünf Stunden unterwegs war, ob sie für eine Arbeit 100 oder 500 Höhenmeter zurücklegen musste und welche Arbeiten in den Folgetagen auf sie warteten. «Das änderte sich, als ich das Gelände und die Abläufe auf der Alp besser kannte.» Trotz aller Schwierigkeiten: Afflerbach biss sich durch. «Hätte ich aufgegeben, hätte ich mir die Chance auf den Neubeginn genommen.» Und mit dem Fortschreiten des ersten Alpsommers entdeckt sie ganz neue Kräfte und Fähigkeiten an sich.

In ihrem Buch «Bergsommer» bringt Afflerbach die Leser oft zum Schmunzeln. So verlor sie einmal einen Schlüssel zwischen den Rindern – trotz eindringlicher Warnung von Bauer Markus Aeby. Den Schlüssel zwischen den Tieren wieder aufzuheben, war nicht ungefährlich: «Ich stehe eingeklemmt zwischen zwei Simmentaler Rindern. Sie haben Hörner. Ich nicht. Sie haben Hufe. Ich nicht. Sie bringen ein paar Hundert Kilo auf die Waage. Genau, ich nicht. Aber mein Schlüssel, der liegt irgendwo unter diesen Kilos.»

Afflerbach nähert sich der einheimischen Kultur mit viel Interesse, ohne je zu idealisieren. «Ich wusste von Anfang an, dass die Arbeit auf der Alp kein Spaziergang wird», sagt sie. Sie habe versucht, mit Offenheit und Respekt auf die Menschen zuzugehen. Humor habe ihr dabei als Eisbrecher geholfen. So habe sie beim Bedienen der Gäste in der Buvette den einen oder anderen senslerdeutschen Ausdruck in ihr Schriftdeutsch gemischt. «Meine Aussprache brachte natürlich alle zum Lachen.»

Das Schicksal schlägt zu

Auf den ersten Alpsommer folgten zwei weitere Saisons auf der Salzmatt. Mit dem dritten Alpsommer ändert die Stimmung des Buchs radikal: Kurz vor Beginn des Sommers verliert Katharina Afflerbach ihren jüngeren Bruder durch einen Verkehrsunfall. Wie sie ihre Trauer im Buch beschreibt, geht unter die Haut:

«So fühlt es sich also an, wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es war. Die Nachricht ist zu gross, als dass ich sie erfassen könnte. Zu gross. Zu gross. Wahr. Nein. Doch … Ich rufe meinen Freund Johann an und schreie, schreie wie noch nie in meinem Leben. Johann, Johann, Johann, Flo ist tot, ja, nein, Johann, Johann, Flo ….»

Trotz allem trat sie die Saison an. Der dritte Alpsommer hilft ihr, ein Stück weit zur Normalität zurückzufinden. Sie beschreibt, wie gut ihr die Herzlichkeit ihrer Gastfamilie tut. Sie beschreibt aber auch, wie in einsamen Momenten die Tränen fliessen. Heute ist sie froh, hat sie sich für die Alpsaison entschieden: «Die Arbeit auf der Alp gab mir Halt.» Die Familie und die Tiere waren auf sie angewiesen. «Ich konnte morgens nicht einfach liegen bleiben.» Neben der Herzlichkeit der Gastfamilie hätten ihr gerade die Tiere viel gegeben. «Man kann sich an ihren warmen Körper anlehnen und sie hören zu, ohne Fragen zu stellen.» So beschreibt sie im Buch, wie Hund Rex sie tröstete, wenn sie traurig wurde.

«Ein anderer Mensch»

Katharina Afflerbach ist überzeugt, dass die Sommer auf der Salzmatt ihr Leben nachhaltig verändert haben. «Meine Erlebnisse sind definitiv mehr als hübsche Erinnerungen.» Sie achte heute mehr auf das Wesentliche. Sie gebe Beziehungen zu anderen Menschen mehr Priorität. Und sie habe verstanden, dass sie selber für ihre Lebensqualität sorgen müsse. «Die Zeit auf der Salzmatt hat mich zu einem anderen Menschen gemacht.»

Praktische Informationen

Lesung auf der Alp Zehndersvorsass

Das Buch «Bergsommer. Wie mir das Leben auf der Alp Kraft und Klarheit schenkte.» ist im Verlag Eden Books erschienen. Am kommenden Sonntag liest Katharina Afflerbach auf der Alp Zehndersvorsass aus ihrem Buch. Ihre Gastfamilie ist inzwischen von der Salzmatt auf die Alp Zehndersvorsass gezügelt. Die Lesungen finden um 11 Uhr, 13 Uhr und 15 Uhr statt. Dazwischen gibt es laut Ankündigung leckere Speisen und Getränke. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei. Hingegen gibt es die Möglichkeit zum Spenden. Die Alphütte Zehndersvorsass ist von der Postautohaltestelle Hengstsense in Sangernboden in 900 Metern zu erreichen.

sos

Alp Zehndersvorsass, Sangernboden. Sonntag, 21. Juli; 11 Uhr, 13 Uhr und 15 Uhr. Eintritt frei.